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Zu Besuch bei 1&1: Webhosting im Server-Bunker

Mit "Dual Hosting" will 1&1 die Zuverlässigkeit der eigenen Server-Dienste deutlich erhöhen. Sämtliche Daten werden dabei permanent zwischen zwei Rechenzentren synchronisiert. Eines davon ist in einem Atombunker in der Nähe von Baden-Baden versteckt. Wir waren vor Ort.

1&1© 1&1

Eingerahmt von Bäumen und dichtem Geäst ragt der seetanggrüne Würfel in den wolkenverhangenen Himmel über dem Baden-Airpark. Wie aufgesetzte Tarnelemente wirken die unzähligen weißen Kühlaggregate und Stromgeneratoren, die das 1.400 Quadratmeter große Dach des monströsen Bauwerks bedecken und nur aus einiger Entfernung zu sehen sind. Wer sich näher heranwagt, gelangt über eine schmale Straße zu einer blauen Stahltür, die tief in die äußere Wand des riesigen Bollwerks eingelassen ist.

Bombensicher: Rechenzentrum im Atombunker

Was sich dahinter verbirgt, ist von außen mangels Beschilderung nicht zu erkennen. Kameras, Alarmsysteme und ein Türcode-Panel verdeutlichen aber unmissverständlich, dass ein Zutritt nur mit entsprechender Genehmigung erwünscht ist. Anders als die Atmosphäre vermuten lässt, hat auf dem Areal in Rheinmünster aber nicht (mehr) das Militär das Sagen, sondern 1&1. Seit 2006 betreibt der Internetanbieter hier eines von insgesamt drei deutschen Rechenzentren, die für das im Mai gestartete Dual Hosting genutzt werden. Auch onlinekosten.de durfte nun erstmals einen Blick hinter die fensterlose Fassade des vor Jahrzehnten für rund 300 Millionen Deutsche Mark errichteten ehemaligen Flugzeugbunkers werfen und konnte dem wuchtigen Stahlbetonklotz ein paar seiner Geheimnisse entlocken.

Wo heute auf insgesamt 2.000 Quadratmetern und zwei Etagen bis zu 30.000 Server mit Daten Tausender deutscher 1&1-Kunden von laut dröhnenden Lüftungs- und Kühlsystemen vor dem Hitzetod bewahrt werden, lagerten bis zum Ende des Kalten Krieges die Mittel für eine massenhafte atomare Vernichtung des ideologischen Gegners. Um im Ernstfall den im Rahmen des Abschreckungskonzeptes angedrohten Zweitschlag tatsächlich ausführen zu können, bedurfte es eines Schutzraumes mit besonderen baulichen Voraussetzungen. Weder Bombenexplosionen und Erdbeben noch der Absturz eines Jets in der Größe einer Boeing 747 sollen dem Komplex daher etwas anhaben können. Dafür sorgt vor allem eine doppelte Außenhülle mit jeweils mehreren Metern Dicke und einem begehbaren Zwischenraum als Pufferzone.

Abgesenkte Sauerstoffkonzentration zur Brandverhinderung

Weitere spezifische Sicherheitsmerkmale wurden von 1&1 zudem im Rahmen des zwölf Millionen Euro teuren, einjährigen Umbaus zum Rechenzentrum nachgerüstet. So gewährleistet ein sogenanntes Oxyreductsystem eine permanente Sauerstoffverdrängung in der Raumluft. Die O2-Konzentration sinkt dabei dauerhaft von 21 auf 17 Prozent. Einerseits wird damit die Entflammbarkeit von Geräten und Einrichtung minimiert, andererseits ist der normale Aufenthalt innerhalb des Bunkers weiterhin ohne Einschränkungen möglich. Bricht trotz aller Vorkehrungen dennoch ein Brand aus, kann der Sauerstoffgehalt in kürzester Zeit auf unter 13 Prozent reduziert werden und erstickt ein loderndes Feuer ohne den Einsatz von Löschflüssigkeiten oder Schaum.

Gegen Gefahren anderer Art soll eine permanente Überwachung mit insgesamt 80 Kameras helfen. Nahezu kein Schritt innerhalb und außerhalb des Bunkers bleibt daher unbeobachtet. Auch Türen dürfen nur mit entsprechender Zugangsberechtigung geöffnet werden; andernfalls wird ein schriller Alarm ausgelöst.

Alle Systeme und Komponenten sind darüber hinaus redundant ausgelegt. Drei Kühlkreisläufe mit insgesamt 7,2 Megawatt (MW) Leistung sorgen für die Abtransport der Wärme. Pro Rechnerraum sind dabei bis zu sechs Umluftkühlgeräte im Einsatz – alles in allem 60 Stück. Der Gesamtenergiebedarf des Server-Bunkers beläuft sich auf 37 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr. Dies entspricht etwa dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 18.500 deutschen Single-Haushalten (je 2.000 KWh).

Hohe Verfügbarkeit durch Diesel und Dual

Bei Stromausfall soll hingegen eine sogenannte Netzersatzanlage mit vier Dieselaggregaten á 2.500 PS Leistung sowie mehreren Transformatoren, Notstrom-Stationen und Umschaltverteilern (USV) eine unterbrechungsfreie Stromversorgung gewährleisten. Jeder Generator schluckt im Ernstfall unter Volllast 429 Liter Diesel - pro Stunde. Mehrere Tanks beherbergen daher rund um die Uhr Tausende Liter des Kraftstoffs. Mit Dual Hosting will 1&1 allerdings die Daten- und Ausfallsicherheit jedes seiner Rechenzentren von solchen Variablen deutlich unabhängiger machen. So soll das über drei Jahre entwickelte Konzept eine durchschnittliche Verfügbarkeit von Diensten und Servern von 99,99 Prozent garantieren. Wie im RAID-Modus zweier Festplatten werden dabei sämtliche Daten nahezu in Echtzeit zwischen zwei geografisch unterschiedlichen Orten über ein internes, geschütztes Unternehmensnetzwerk synchronisiert. Dieses leistet eine Maximalgeschwindigkeit von 245 Gigabit pro Sekunde (Gbit/s). Jede im Rahmen der Dual-Hosting-Pakete betriebene Website existiert dementsprechend zu jeder Zeit in zweimaliger Ausführung.

Auch der Bunker im Baden-Airpark fungiert auf diese Weise als "Spiegel" für das rund 45 Kilometer entfernte 1&1-Rechenzentrum in Karlsruhe, in dem derzeit unter anderem 82 Millionen E-Mail-Postfächer, 11.000 Server, elf Millionen Domains sowie mehr als sechs Millionen Geschäftskunden-Applikationen verwaltet werden. Das monatlich übertragene Transfervolumen beträgt über 9.000 Terabyte (TB). Der mitten in der Stadt angesiedelte Komplex ist seinerseits ebenfalls über verschiedene Sicherheitssysteme abgesichert und über zwei separate Glasfaserleitungen mit der Außenwelt verbunden. Die vollklimatisierten sowie gegen Feuer und Wasser abgeschirmten Server-Räume befinden sich unterirdisch und verfügen gleichermaßen jeweils über zwei getrennte Netzwerkeingänge. Weitere Schutzvorrichtungen umfassen neben einer Argon-Gas-Löschanlage und 180 Kameras unter anderem eine als "Personenvereinzelungsanlage" bezeichnete Zugangsschleuse mit Bild- und Gewichtserkennung sowie einen zeitgesteuerten Alarm, der aktiv wird, sobald eine Tür länger als 20 Sekunden offen steht. Ein Verlust von Kundeninhalten durch Vor-Ort-Manipulationen soll damit nahezu unmöglich sein.

Automatische Umschaltung innerhalb von 100 Sekunden

In weitaus alltäglicheren Ausfall-Situationen steht hingegen der permanente duale Abgleich mit dem Backup-Pendant im Vordergrund. Tritt in Karlsruhe auf einem Shared-Hosting-Server etwa ein unerwarteter Fehler auf, fällt ein Bauteil aus oder wird das Rechenzentrum durch Angriffe von außen zeitweise lahm gelegt, erfolgt laut 1&1 innerhalb von 100 Sekunden die vollautomatische Umschaltung der betroffenen Kundensysteme auf die identischen Server-Gegenstücke in Rheinmünster. Die Replikationsrichtung wird in diesem Fall einfach umgekehrt, sodass wiederum jederzeit ein zweites, geografisch getrenntes Abbild bereitsteht. Selbst das gesamte Rechenzentrum soll sich im Notfall komplett von anderer Stelle aus betreiben lassen. Zu Wartungszwecken kann ebenso zeitweise eine Umleitung der Datenströme erfolgen. Ein weiteres in Karlsruhe befindliches Server-Center wird darüber hinaus als zusätzliche Backup-Lösung genutzt.

Ob sich das System in der Praxis letztendlich bewährt, muss sich zwar noch zeigen; während einer längeren Betaphase sollen mögliche Schwachstellen aber bereits identifiziert und behoben worden sein. 1&1 gibt sich daher überzeugt davon, dass der große Wurf gelungen ist. Eine Ausweitung der Technologie auf weitere Bereiche ist für die Zukunft angedacht. Spannend bleibt derweil die Frage, ob auch das nächste Rechenzentrum der Montabaurer in einem Bunker eröffnet wird. Geeignete Objekte dürften sich in Deutschland mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges jedenfalls immer noch in ausreichender Zahl finden lassen.

(Christian Wolf)

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