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Wikipedia: Immer weniger wollen schreiben

Autorenschwund bei Wikipedia: Missbrauch und lähmende Inhaltsdebatten hinterlassen Spuren. Verliert die weltgrößte Online-Enzyklopädie ihr Ansehen?

29.11.2009, 16:01 Uhr
Internet© rajareddy / Fotolia.com

"Tschunk" ist ein Cocktail mit Club-Mate und Rum. Hinter "Tschunk" verbirgt sich aber auch jede Menge "Stonk". Denn die ehrenamtlichen Wikipedia-Mitarbeiter stritten lebhaft darüber, ob dieser Begriff eines Eintrags in die größte Internet-Enzyklopädie der Welt würdig ist.
Streitkultur oder Dauergezänk?
Somit wird "Tschunk" zu einem Symol für eine rege Streitkultur – und die ist offenbar nicht jedermanns Sache. Denn derzeit wenden sich die Autoren reihenweise von dem Vorzeigeprojekt des Mitmach-Web ab: Das englischsprachige Portal von Wikipedia verlor im ersten Quartal über 49.000 Mitglieder. Das berichtet das "Wall Street Journal" (WSJ) und stützt sich auf Daten eines spanischen Forschers, der Wikipedia-Logfiles ausgewertet hat. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es 4.900.
Die Gründe sind vielfältig. Der eine ist, dass gesagt wurde, was zu sagen ist. Immer weniger Themen bedürfen eines Beitrags – das Korsett steht. Andere sind jedoch eher zwischenmenschlicher Natur: Neue Autoren fühlen sich ausgegrenzt, weil ihre Artikel mit mehr oder weniger fadenscheiniger Begründung gelöscht werden. Andere beschweren sich über zermürbende Debatten über Inhalte und deren Wahrheitsgehalt.
Ganz zu schweigen von Spams und Versuche findiger Texter, das Wikipedia-Gebot der Sachlichkeit durch regelrechte Werbeblocks zu umgehen. Selbst Vandalen haben das Internet-Portal für sich entdeckt: Wie virtuelle Graffiti-Sprayer ergötzen sich Spaßvögel daran, Witze oder Bemerkungen über Freunde statt Wissensbeiträge zum besten zu geben. Auch der Spendenticker des Unterstützervereins Wikimedia Deutschland blieb davon nicht verschont. Kurz und gut: Über die freie und sonnige Wikipedia-Prärie, als die sie vor acht Jahren gegründet wurde, legt sich ein Schatten des Missbrauchs und der Feindseligkeit.
Der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sieht im Autorenschwund keinen Anlass zur Sorge. Es gebe keine Erkenntnisse darüber, wie viele Autoren eine freie Enzyklopädie haben müsse, so Wales. Das "Mobbing" der Neulinge sei ein "korrigierbares Problem" - ein Konzept bleibt er jedoch schuldig. Stattdessen setzt er auf noch mehr Kontrolle: Wales plant, neue Beiträge nur zuzulassen, wenn sie von bewährten Autoren überprüft worden sind. Ihm liegt vor allem der Ruf des Portals als Bibliothek des Wissens am Herzen.
Das Hauen und Stechen hinter den Kulissen lässt das Web-Publikum offenbar ungerührt. Die Nutzer genießen die Show und spenden Beifall, während in der Garderobe die Fetzen fliegen. Nach WSJ-Angaben ist Wikipedia.org immerhin die fünftbeliebteste Webseite der Welt. Sie erfreut sich des regen Besuchs von rund 325 Millionen wissensdurstigen Gästen pro Monat. Tendenz steigend.

(Dorothee Monreal)

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