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Webexperte: "Deutsche verstehen Street View nicht"

Der Berliner Internetsoziologe Stephan Humer glaubt, Street View stoße in Deutschland auf Vorbehalte, da es viele Menschen nicht verstünden und die Gesellschaft besonders "technikkritisch" sei. Die "taz" argumentiert ähnlich - obwohl es einige Gegenbeispiele gibt.

Netzwerk© TheSupe87 / Fotolia.com

Nach Promi-Blogger Sascha Lobo meldet sich nun ein zweiter Webexperte zum Thema Street View zu Wort und kritisiert die derzeitige Diskussion. Die deutsche Angst vor Googles Bilderdienst basiere im Kern auf Unwissenheit, behauptet der Berliner Internetsoziologe Stephan Humer in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Große Teile der Bevölkerung hätten bislang einfach nicht verstanden, wie dieser umgesetzt werden solle. Auch die "tageszeitung" (taz) ist der Auffassung, dass die Debatte in Deutschland besonders aus dem Rahmen fällt. In Schweden etwa würden Googles Kamerawagen mit Begeisterung empfangen – als visuelles Tor zur Welt. Erste Risse bekommt die These von der deutschen Sonderrolle allerdings mit Blick nach Portugal, Japan oder in die Schweiz.

"Deutsche glauben, Google sende Live-Bilder"

Webforscher Humer glaubt, die deutsche Skepsis basiere auf falschen Vorstellungen zu Street View. Viele Menschen würden davon ausgehen, dass Google Live-Bilder übertragen wolle. Zudem setze die deutsche Politik mit Vorliebe auf das Thema, da sich der große US-Konzern Google generell gut als Feindbild eigne und sie die bisherige Entwicklung verschlafen hätten. "Deutschland ist ein sehr technikkritisches Land, Politiker sind oft technikfeindlich, was wohl auch eine Generationenfrage ist. Aber die deutsche Politik hat sich auch gegen die Buch-Digitalisierung gewehrt oder hatte Bedenken gegen Google-Mail", sagte Humer. Dabei sei viel Populismus im Spiel.

Google selbst hat aus Sicht des Berliner Wissenschaftlers nur wenig Schuld an der derzeitigen Aufregung. Dass der Suchgigant den Start seines Straßenfotodienstes ausgerechnet mitten in der Urlaubszeit ankündigte, spielt für ihn trotz der damit verbundenen Probleme offenbar keine Rolle. Ohne Erwähnung bleiben in diesem Zusammenhang ebenfalls die datenschutzrechtlich äußerst problematischen WLAN-Scans, die das Vertrauen in die Praktiken des Suchgiganten nicht nur in Deutschland schwer beschädigten. Google sei einfach etwas forsch vorgegangen, ließ Humer durchblicken. "Die hätten schon wissen müssen, dass die deutsche Politik sehr träge ist. Aber jetzt sind sie ja sehr offensiv und schalten große Anzeigen", sagte der 33-Jährige.

"Street View taugt nicht für Einbrecher"

Das Problem in Deutschland sei darüber hinaus, dass viele Leute immer noch glaubten, Digitalisierung sei eine technische Neuerung, die nur ein paar Freaks angehe. "So ist es aber nicht. Da passiert gerade epochales und damit muss ich mich auseinandersetzen, egal, ob es mir gefällt oder nicht - nicht nur als Privatperson, auch als Politiker", forderte Humer. Die Verantwortlichen sollten dabei aber keine "Hau-Drauf-Aktion" starten, sondern in Ruhe mit Internetexperten überlegen, welchen Rahmen Digitalisierung brauche.

Er selbst werde sein Haus aber nicht pixeln lassen. "Mir ist es völlig egal, ob es gezeigt wird. Man muss ja auch bedenken: Jede Person, die möchte, kann ein Haus fotografieren und dann das Foto im Internet veröffentlichen. Das ist nicht verboten", erklärte Humer. Bedenken, Einbrecherbanden könnten Street View zur Planung von Beutezügen missbrauchen, wies der Forscher ebenfalls als unberechtigt zurück. "Die Bilder, die Street View zeigt, sind zum Teil schon ein paar Jahre alt. Wenn sich wer wirklich für ein Haus interessiert, kann er auch mit dem Auto vorbeifahren und sich alles anschauen", sagte Humer. Allein bei militärischen Anlagen habe er Verständnis, dass diese nicht gezeigt würden.

Weiter auf Seite 2: In Schweden gilt die Street-View-Debatte als "typisch deutsch" - aber auch andere Länder sind skeptisch

Gestützt werden die Thesen von Lobo und Humer durch einen Bericht der Berliner "taz". Das Blatt thematisiert auf seinem Onlineportal die Einstellung der schwedischen Öffentlichkeit gegenüber Google Street View als Gegenbeispiel zur hiesigen Debatte. Dass der Anblick von Hausfassaden oder Gärten ein Eingriff in die persönliche Integrität bedeute, gelte demnach in Schweden als "typisch deutsch". Dort reagierten die meisten Bürger mit Freude, wenn Google seine rollenden Fotolinsen in ihre Nachbarschaft schicke.

Kultur und Geschichte machen den Unterschied

Bereits vor Google habe es in Schweden zwei Internetdienste gegeben, die Straßenansichten im Netz verfügbar machten. Diese hätten sich allerdings auf die Ballungsräume beschränkt, während Street View auch ländliche Nebenstraßen und Ferienhäuser ablichte. Bedenken seien kaum aufgekommen, da Google ankündigte, Gesichter und Autokennzeichen zu verpixeln. Zudem biete der "Problem"-Button zusätzliche Sicherheit. Die schwedischen Dienste böten hingegen die volle Sicht auf Autoschilder und Passanten – Google gelte den Nordeuropäern daher als mustergültig in Sachen Integritätsschutz. Zudem erlaube das verfassungsrechtlich garantierte "Öffentlichkeitsprinzip" weitaus tiefere Einblicke in sämtliche Lebensbereiche. Datenschutz sei in Schweden anders definiert. Ob der Posteingang von Regierungsmitgliedern oder die Steuerdaten des Nachbarn – alles sei öffentlich einsehbar. Daher störe sich niemand an Hausfassaden im Internet.

Aus deutscher Sicht wirkt diese Kultur des "Jeder-darf-fast-alles-sehen" allerdings befremdlich. Der Schutz der persönlichen Privatsphäre gilt hierzulande nicht zuletzt aus geschichtlichen Gründen als hohes Gut, sagen Experten. "Die Deutschen haben große Angst vor dem Verlust der Privatsphäre, das ist hier viel stärker ausgeprägt als zum Beispiel in England und Frankreich", betonte etwa der Münsteraner Wissenschaftler Guido Sprenger gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Hinzu komme die Erfahrung mit Diktatur und staatlicher Überwachung. "Die Erinnerung hängt noch sehr stark mit drin", so der Universitätsprofessor. Wenn sich Deutsche heute über Google Sorgen machten, habe das mit ihrer Kultur und Geschichte zu tun. Die Gesellschaft werde hierzulande oft als bedrohlich empfunden. "Diese Angst hat sich früher auf den Staat konzentriert und geht jetzt immer mehr auf kommerzielle Anbieter über", sagte Sprenger - wenn auch er glaubt, dass sich die meisten Menschen letztendlich doch an Street View gewöhnen werden.

Auch in anderen Ländern gibt es Vorbehalte

Ein Vergleich mit den völlig anderen Erfahrungen der Schweden taugt jedoch nur bedingt. Selbst Google ist das nicht verborgen geblieben. Darüber hinaus wird Street View auch in anderen Ländern ähnlich oder zumindest zunehmend kritisch gesehen. Mag die Debatte in Deutschland derzeit auch besonders dominant erscheinen; sie wird oder wurde ebenfalls in Portugal, Japan oder der Schweiz geführt. So stellte Portugals Datenschutzkommission kürzlich fest, es gebe keinerlei rechtliche Basis für Street View, nachdem ein Ehepaar geklagt hatte, berichtet "Der Standard".

In der Schweiz stieß Google zum Street-View-Start im August letzten Jahres auf ähnlich heftigen gesellschaftlichen Widerstand wie derzeit in Deutschland und geriet mit zahlreichen Datenschützern aneinander. Ähnliches wurde über Japan berichtet. Dort übte die Regierung nach Protesten sogar direkt Druck auf Google aus, so der Schweizer "Tagesanzeiger" im September 2009. Sie verpflichtete das Unternehmen demnach unter anderem dazu, Kamerafahrten im Vorfeld bekanntzugeben sowie für Widersprüche eine Telefon-Hotline einzurichten – Forderungen, die in Deutschland bislang noch diskutiert werden und die Google ablehnt. Allerdings bemüht sich der Webkonzern auch hierzulande weiterhin, die Situation zu beruhigen und verdoppelte am Donnerstag den Zeitraum für Widersprüche gegen Street-View-Abbildungen.

(Christian Wolf)

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