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Wales: "Deutsche Wikipedia ist ungewöhnlich gut"

Vor fast zehn Jahren hat Jimmy Wales gemeinsam mit Larry Sanger die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia gegründet. Im Interview verrät er, warum die deutsche Enzyklopädie so erfolgreich ist und warum er Bücher liebt.

16.09.2010, 15:16 Uhr (Quelle: DPA)
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Vor fast zehn Jahren hat Jimmy Wales gemeinsam mit seinem Kollegen Larry Sanger die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia gegründet. Inzwischen sind dort rund 15 Millionen Artikel in 260 Sprachen abrufbar. Einen Großteil des Jahres reist der Amerikaner rund um die Welt, um die Wikipedia-Idee zu verbreiten. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sprach der 44-Jährige über deutsche Qualität, die Zukunft von Wikipedia und warum er immer noch gerne Bücher liest.

Jimmy Wales im Interview

Viele Menschen träumen davon, die Welt zu verändern. Sie haben es getan. Wie fühlt sich das an?

Wales: "Es ist unglaublich. Aber es gibt sehr viele Menschen, die die Welt verändert haben. Ich bin nur ein Teil davon. Es ist schön, um den Globus zu reisen und zu sehen, wie ein Projekt wächst. Ich war kürzlich in der Dominikanischen Republik in einem Slum, wo es bis vor drei Jahren noch keine Elektrizität gab. Jetzt benutzen die Kinder dort YouTube und Wikipedia und haben Zugang zum weltweiten Wissen."

Die deutsche Wikipedia-Gemeinde ist die zweitgrößte der Welt. Wie kommt das?

Wales: "Die deutsche Gemeinde war schon immer eine der stärksten. Inzwischen gibt es dort mehr als eine Million Einträge. Ich denke, es ist auch ein Teil der Kultur, die Deutschen lieben Enzyklopädien. Die deutsche Wikipedia war eine der allerersten und sie ist einfach ungewöhnlich gut. Die Qualität ist sehr hoch, was viele tolle Autoren angezogen hat."

Warum verbringen tausende Menschen ihre Freizeit damit, Artikel für Wikipedia zu schreiben, ohne auch nur einen Cent dafür zu bekommen?

Wales: "Dafür gibt es mehrere Gründe. Sie wollen sich an einer guten Sache beteiligen. Die Idee, freies Wissen für jedermann zu produzieren, ist sehr inspirierend. Viele machen es auch einfach aus Spaß. Man trifft andere kluge Leute, die an ähnlichen Themen interessiert sind."

Ihre Tochter ist neun Jahre alt. Nutzt sie Wikipedia? Und müssen Kinder jetzt, da es Wikipedia gibt, weniger auswendig lernen?

Wales: "Ja, sie nutzt Wikipedia ab und an. Aber die Artikel sind ja nicht wirklich für jüngere Kinder geschrieben. Was Bildung betrifft, habe ich sehr traditionelle Ansichten. Wer sagt: "Du musst heutzutage nichts mehr wissen, Du musst nur wissen, wo Du es nachschlägst", hat meiner Meinung etwas missverstanden. Gleichzeitig gibt es einige Traditionen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, etwa wenn amerikanische Schüler alle 50 Bundesstaaten der USA und deren Hauptstädte auswendig lernen müssen. Das ist heutzutage völlig sinnlos. Es ist viel wichtiger zu wissen, wo die Länder in der Welt sind. Beispielsweise, wenn Du im Radio etwas über Armenien hörst, solltest Du eine Vorstellung davon haben, wo dieses Land liegt."

Kaufen Sie noch Bücher, oder lesen Sie nur noch auf Ihrem iPad?

Wales: "Ich kaufe auch Bücher, natürlich. Bücher sind eine tolle Sache. Sie sind günstig und die Batterie geht niemals aus. Sie sind auch praktisch am Strand, weil sie nicht kaputt gehen, wenn etwas Wasser drankommt."

Sie haben Wikipedia 2001 gemeinsam mit Larry Sanger ins Leben gerufen. Hätten Sie sich jemals solch eine Entwicklung vorgestellt?

Wales: "Ja und Nein. Das heutige Erscheinungsbild von Wikipedia entspricht ungefähr dem, was ich damals im Sinn hatte. Aber natürlich ist sie viel größer und viel populärer, als ich dachte. Ich hoffte, dass wir es - wenn wir einen wirklich guten Job machen - unter die Top 100 der meistgenutzten Websites schafft und jetzt stehen wir auf Platz 5. Es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, dass der Name auf der ganzen Welt so bekannt werden würde."

Kann man sagen, dass Wikipedia die Welt anders und Sie zu einem reichen Mann gemacht hat?

Wales: "Ich hoffe, dass die Welt ein kleines bisschen besser geworden ist. Wir haben mehr als 400 Millionen Nutzer im Monat. Die Seiten sind werbefrei, und das soll auch so bleiben. Aber ich habe ja noch mein Internet-Dienstleistungsunternehmen Wikia, das sich inzwischen gut entwickelt hat und profitabel ist. Vielleicht macht mich das reich."

Wo soll Wikipedia in 5 Jahren stehen?

Wales: "Wir stehen vor einem riesigen Wachstum, was die Entwicklungsländer betrifft. Beispielsweise haben wir einen großen Zuwachs bei afrikanischen Sprachen und in Indien. In China steigt unsere Nutzungsrate, aber sie ist immer noch geringer, als sie sein sollte, was daran lag, dass Wikipedia drei Jahre lang in China zensiert und gesperrt wurde. Bislang waren wir vor allem in den USA, Europa und Japan stark. Aber künftig wird Wikipedia immer globaler."

(Hayo Lücke)

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