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Volle Breitseite: T-Online - (Ex-)Geldfalle Habbo-Hotel

Paar mit Laptop© Syda Productions / Fotolia.com
Kinder sind etwas Wunderbares. Ein T-DSL-Anschluss ebenso. Beides zusammen ist jedoch nicht selten ein teurer Spaß. Der Grund: Paid-Content-Angebote, wie das "Habbo-Hotel" des größten Internet Service Providers Europas: T-Online...

Finnische Erfindung

Das Habbo-Hotel, eine Erfindung der finnischen Spiele-Schmiede Sulake, stellt allen Interessierten eine kostenfreie Chat-Community zur Verfügung. Kommuniziert wird in verschiedenen Räumen des Hotels - so kann der User beispielsweise am Pool flirten oder im Empfangssaal mit anderen Spielern in Kontakt treten. Außerdem kann sich der Hotelgast ein eigenes Zimmer einrichten - gegen Bares, versteht sich.

Habbo-Taler

Als Währung gelten so genannte "Habbo-Taler". Ein Taler ist für 20 Cent zu haben und kann über eine kostenpflichtige Telefonnummer, per SMS, oder, und hier liegt die Gefahr, bequem über die Telefonrechnung der Deutschen Telekom abgebucht werden.

Wenn dann die gebrechlichen Klickfinger der minderjährigen Hotelgäste wie wild zuckten, erschlaffte angesichts der Telefonrechnung die Kiefermuskulatur der Eltern. Das Habbo-Hotel wurde zur CeBIT 2004 in Deutschland exklusiv von T-Online eingeführt, hatte jedoch in anderen Ländern Europas bereits schon vor einigen Jahren die Türen geöffnet. Vorreiter waren hier Finnland (2000), Großbritannien (2001) und die Schweiz (2001).

Bequem gezahlt

Auf der Website habbo.ch ist es jugendlichen Schweizern seit drei Jahren möglich, in virtueller Weise miteinander zu menscheln. Doch blieb der Chat-Betrieb nicht ohne Komplikationen, war doch in der Schweiz anfangs auch ein bequemes Bezahlen über die Telefonrechnung möglich. Davon kann Urs Kradolfer ein Lied singen. Auf seiner Website schildert der Schweizer, welche Erfahrungen seine Kinder und die Haushaltskasse mit dem Habbo-Hotel im Frühjahr letzten Jahres gemacht haben...

Deftig berechnet

Durch das Habbo-Taler-Gekaufe der acht- und zwölfjährigen Kinder nahm die Telefonrechnung des nächsten Monats horrende Dimensionen an. Stolze 256 Franken (rund 169 Euro) verlangte die Swisscom von Familie Kradolfer am Ende des Abrechnungsmonats für die Anwahl von 0900er-Premium-Nummern. Machen wir einen Zeitsprung in den Frühjahr dieses Jahres. Kurz nach der CeBIT entdeckt der Sohn von Paul und Maria Richard* das neue, scheinbar kostenfreie, Habbo-Hotel von T-Online. Er registriert sich und beginnt damit, sich mit Gleichaltrigen zu unterhalten.

Ausprobiert

Nach wenigen Tagen ist die Anfangs-Euphorie verflogen - etwas Neues muss her. Sohn Christian* entdeckt die Möglichkeit, sich ein eigenes Zimmer im Habbo-Hotel einzurichten. Als er gefragt wird, ob er interessiert daran sei, Habbo-Taler zu kaufen, bestätigt er mit jugendlichem Leichtsinn. Und das im Zeitraum vom 17. April bis zum 12. Mai 2004 stolze 162 Mal. Preis pro Klick: zwei Euro, also jeweils zehn Habbo-Taler, die in Möbel und kostenpflichtige Spiele investiert werden.

Gesetz sei Dank

Sohn Christian ist elf Jahre alt und somit nur eingeschränkt geschäftsfähig. Die Gesamtkosten von über 300 Euro kann er selbstverständlich vom eigenen Taschengeld nicht tragen.

Selbst wenn er es könnte, das Gesetz sieht derartige Transaktionen für Elfjährige nicht vor. Doch auch die Eltern weigern sich, T-Online den geforderten Betrag zu überweisen.

* = Namen geändert Nachdem Vater Richard sich weigert, den Betrag zu zahlen, wendet er sich an eine Verbraucherschutzinstanz, die sich wiederum mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter e.V., kurz FSM, in Verbindung setzt.

Verschärfung

Dadurch erwirkte man, dass die Sicherheits- und Bezahlungsbestimmungen im deutschen Habbo-Hotel verschärft wurden. So ist seit Kurzem der Taler-Kauf über Telefonrechnung "auf maximal 10 Euro pro Woche und Habbo beschränkt". Doch damit nicht genug: T-Online erließ Familie Richard, sowie allen anderen Kunden mit ähnlichen Vorkommnissen den mehrstelligen Habbo-Rechnungsbetrag. Sehr kulant!

Nachgefragt

Dennoch seltsam, wieso T-Online sich nicht von Beginn an an den Erfahrungen der Kunden in anderen Habbo-Ländern orientierte - erinnern wir uns an den Rechnungsbetrag der schweizerischen Familie Kradolfer. Wir befragen T-Online, wieso das fragwürdige Geschäftsmodell ohne Überprüfung und sofortigen Einbau entsprechender Schutzmaßnahmen übernommen und eingeführt wurde. Wie T-Online uns mitteilt, sei das Habbo-Hotel bei genauerer Betrachtung "eigentlich ein kostenloses Angebot". Lediglich drei kostenpflichtige Features seien enthalten. Zum Start des Habbo-Hotels habe man die primäre Sicherheitslinie bei der Anmeldung gefahren, so ein Sprecher des Unternehmens. Die Registrierung sei von den Kindern zwischen zwölf und 18 Jahren gemeinsam mit den Eltern vorzunehmen gewesen. Auch eine E-Mail-Adresse der Eltern war von den Sprösslingen anzugeben.

Verwunderung

Wir wundern uns - schützt dies vor horrenden Telefonrechnungen? Als dann trotz dieser Schutzmaßnahme klagende Kunden an den Provider herantraten, habe man sich in Absprache mit der FSM die neuen Sicherheitsbestimmungen für Minderjährige ausgedacht und umgehend implementiert, so T-Online. Auch die Habbo-Hotel-Rechnungsbeträge erließ man den Kunden aus Kulanz. Zum 1. Oktober dieses Jahres kündigte man uns weitere Sicherheitslinien an, um das Habbo-Hotel für Kinder noch sicherer zu machen.

Fazit

In diesem Sinne ein Lob an die schnelle Reaktion der FSM, die beispielhaft agierte. T-Online muss sich einem ernsten Blick mit wackelnder Zeigefinger-Pose stellen - dennoch: Den Fehltritt verzeihen wir aus dem Grund, dass die Horror-Rechnungen aller Geschädigten per Gutschrift erlassen wurden. Vorbildlich! Wir hoffen, dass man in Zukunft intensiver überprüft, was da eigentlich gerade ins Service-Portfolio aufgenommen wird, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen.

(Michael Müller)

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