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VoIP: USA lassen Privatsphäre sterben

Das FBI ist weltberühmt für seine Spürhundambitionen. Jetzt geht es darum, dem Internet ein Stück mehr seiner Anonymität zu nehmen: Telefonate über VoIP werden bis ins Detail nachverfolgbar.

DSL-Anschluss© IKO / Fotolia.com
Staaten haben – wohl von Natur aus – große Ohren. Geradezu Dumbo-ähnlich sind in dieser Hinsicht die USA. Bereits in den 60er Jahren wurden weltweit Militärbasen mit riesigen Antennensystemen ausgestattet. Damit sollten im Kalten Krieg Militäroperationen der damals noch bösen Russen überwacht werden – hieß es. Lange konnte der wahre Nutzen des Projekts Echelon verborgen gehalten werden. Erst Ende der 90er Jahre konnte Europa den wahren Sinn und Zweck der Anlagen, wie es sie auch in Deutschland gibt, konkretisieren. Wörtlich hieß es im Sitzungsdokument des Europäischen Parlaments vom 11. Juli 2001, "dass an der Existenz eines weltweit arbeitenden Kommunikationsabhörsystems […] nicht mehr gezweifelt werden kann."

Der Lausch-Club

Woran zu diesem Zeitpunkt ebenfalls kein Zweifel mehr war: Echelon wird zwar von der US-amerikanischen National Security Agency (NSA) kontrolliert. Das System entstand aber in Kooperation mit Briten, Australiern sowie den Neuseeländern und beruht auf einer fast 60 Jahre alten Vereinbarung dieser Länder. Die Aufgabe des aufwendigen Netzwerks beschränkt sich nicht auf die Beschaffung strategischer Informationen. Das europäische Parlament stellte fest, "dass das System nicht zum Abhören militärischer, sondern zumindest privater und wirtschaftlicher Kommunikation dient." Echelon ist also ein weltweites Computernetzwerk, um E-Mails, Fax- sowie Telexinhalte oder Telefongespräche automatisch nach vorgegebenen Begriffen zu durchsuchen.

Für jeden Bedarf gerüstet

Informationen der Federation of American Scientists zufolge, konnte ein so genannter Snapper Ende der 90er Jahre bereits Daten mit einer Geschwindigkeit von 2488 Gbps analysieren. Will aber beispielsweise das FBI auf die Daten einer bestimmten Zielperson oder Gruppe zugreifen, wäre Echelon das falsche Werkzeug. Für solche Fälle hat die Behörde seit 1999 Carnivore, zu Deutsch Fleischfresser. Das Programm, das mittlerweile die harmlosere Bezeichnung DCS1000 (Digital Collection System) trägt, wurde von Menschenrechtsorganisationen, wie z.B. der EPIC (Electronic Privacy Information Center), seit Bekanntwerden im Jahr 2000 heftig kritisiert.

Fleischfresser beim ISP

Carnivore wird vom FBI nämlich direkt beim Internet Service Provider eingesetzt und gibt der Behörde Einsicht in den kompletten Datenverkehr, der über den jeweiligen Anbieter abgewickelt wird. Bisher scannte das Programm lediglich E-Mail Inhalte. Informationen von Privacilla zufolge, können mit dem dreiteiligen Lauschpaket DragonWare Suite, zu dem Carnivore gehört, Mails und Websites auch rekonstruiert werden. Außerdem soll es zukünftig ein Tool beinhalten, um Voice over IP Kommunikation abzufangen.

Vertrauensvolle Behandlung?

Das FBI gibt zwar an, dass Carnivore den Datenverkehr filtern würde, um nur die Pakete an die Ermittler weiterzuleiten, die durch die richterliche Verfügung abgedeckt sind. Das widerlegt EPIC mit dem Zitat aus einer internen FBI-Mail aus dem Jahr 2000: "Die Software wurde installiert und arbeitete nicht richtig. Das Überwachungssystem sammelte nicht nur die elektronische Kommunikation der Zielperson, sondern auch E-Mails, die nicht unter die Verfügung fielen." Der FBI-Techniker habe daraufhin alle gesammelten Mails zerstört, eingeschlossen die der Zielperson. Details über die Funktionsweise des Fleischfressers sind nie veröffentlicht worden. Experten vermuten aber, dass die Basis ein kommerzielles Programm namens Etherpeek bildete. Zudem ist Carnivore die Weiterentwicklung von Omnivore. Der Allesfresser wurde 1997 entwickelt, um alle E-Mails, die über einen bestimmten Service Provider versandt werden, zu durchsuchen. Nachrichten einer Zielperson werden dann in einem Backup gesichert oder direkt ausgedruckt.

Verfolgung auf Schritt und Tritt

Zu wissen, worüber eine bestimmte Person so schreibt oder plaudert, ist ja schön und gut. Um das ganze abzurunden, müsste man jetzt nur noch wissen, mit wem derjenige spricht. Um den eingeschlagenen Weg im Internet zu verschleiern, gibt es Server, die ihre Nutzer anonymisieren. Die sind den Ermittlungsbehörden natürlich ein Dorn im Auge. Laut dem Onlinemagazin CNet News.com finanziert die US-Regierung daher jetzt ein Projekt an der George Mason University, das die Nachverfolgung von Daten, insbesondere von VoIP-Gesprächen im Internet ermöglichen soll. Mehr als 300.000 Dollar allein diesen Monat lässt sich das FBI das neue Tool für Carnivore kosten.

Anonymität chancenlos

Die Software wird die Ermittlungsbehörden in die Lage versetzen, VoIP-Gespräche von Zielpersonen bis zum Empfänger nachzuverfolgen. Ein Prototyp wurde bereits erfolgreich mit Skype getestet. Wollen zwei Internetnutzer ihre Teilnahme an einem Telefonat verschleiern, nutzen sie einen Proxy-Service, wie beispielsweise Anonymizer.com, um Ihre Identität unkenntlich zu machen. Dadurch würden Ermittler zwar noch sehen, wer mit dem Server verbunden ist, aber nicht, wer miteinander spricht. Der beauftragte Entwickler Xinyuan Wang plant, in die Datenpakete eine einmalige, nicht auffindbare Signatur einzubetten, um die Pakete an ihrem Ziel identifizieren zu können.

Eine Frage des Timings

"Ich habe eine Art Wasserzeichen in den Datenfluss an sich integriert, in das Timing der Pakete", erklärt Wang. Es wird also das Timing ausgesuchter Pakete leicht verändert. Dadurch entsteht keine Änderung in der Bandbreite, weil die Signatur in den Hintergrundgeräuschen versteckt wird. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wollen Wang und seine Kollegen von der George Mason University im November auf einer Computersicherheitskonferenz vorstellen. Damit wird dann wohl auch die neue Technik VoIP für die US-Ermittlungsbehörden endgültig ihren Schrecken verloren haben und die NSF (National Security Foundation) ihren Wunsch nach der "kritischen aber zurzeit fehlenden Fähigkeit im Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus" erfüllt. Schließlich warnte das FBI bereits vor über zwei Jahren: "VoIP wird zum Himmel für Kriminelle, Terroristen und Spitzel."

(Aleksandra Leon)

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