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VoIP: Notrufe müssen Hilfe bringen

Update: Die Vorgaben der US-Regulierungsbehörde FCC wegen der fehlenden Weiterleitung von VoIP-Notrufen treibt bunte Blüten: Kunden müssen jetzt ihre Kenntnis bestätigen.

15.08.2005, 15:21 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Nicht nur in Europa, auch in den USA sorgt Voice over IP für Furore im Telekommunikationsmarkt. Eine Revolution der Sprachkommunikation erscheint unausweichlich am Horizont. Stimmen werden laut, dass das Festnetztelefon weltweit über kurz oder lang einpacken kann. Doch mit explosionsartig wachsenden Kundenzahlen, rückt die Technik auch ins Blickfeld der Regulierungsbehörden. Je mehr Menschen VoIP für ihre tägliche Kommunikation nutzen, umso notwendiger erscheinen Regeln und Vorgaben für die Provider. Gleichzeitig beantwortet die Diskussion um die Öffentliche Sicherheit die Frage, ob VoIP wirklich das Zeug zur Kommunikation von morgen hat.
Letzte Hürde fürs Massengeschäft
Während VoIP bisher den Status einer technischen Trickserei für Breitbandjunkies hatte, machen wachsende Serviceangebote und ins Bodenlose fallende Telefontarife die Sprachübertragung per Internet für den Massenmarkt interessant. Doch bisher wurde eine wichtige Schwierigkeit von VoIP entweder übergangen oder nur provisorisch gelöst. Die Erreichbarkeit von Notrufnummern aus dem Internet kann bisher nicht automatisch gewährleistet werden. Die US-Regulierer geben als ersten Schritt den VoIP-Providern daher vor, ihre Produkte mit einer entsprechenden Warnung auszustatten. Später bekommen die Anbieter von der Federal Communications Commission (FCC) dann automatisierte Systeme verordnet.
Das Wer und Woher fehlt
Die Schwierigkeit der Notruferreichbarkeit ergibt sich aus der Technik: VoIP-Nutzer sind weltweit unter ihrer Telefonnummer erreichbar, ebenso, wie sie von überall mit der gleichen Nummer anrufen. So kann – anders als beim Festnetz – nicht automatisch die Adresse des Anrufers anhand der Telefonnummer festgestellt werden. Einige Provider haben daher provisorische Lösungen eingeführt, bei denen manuell der aktuelle Aufenthaltsort in eine entsprechende Zuordnungsliste eingetragen wird. Aber mit der wachsenden Aufmerksamkeit der Regulierer wird es damit vorbei sein. So schlägt die FCC in ihren neuen Regeln automatische Lokalisierungssysteme, beispielsweise per GPS, vor.
Telefondienste brauchen Regeln
Rechtlich verhält es sich beim Thema Notruf in Deutschland ebenso wie in den USA. Auch hier gilt laut Telekommunikationsgesetz: „Wer Telefondienste für die Öffentlichkeit erbringt, ist verpflichtet, für jeden Nutzer unentgeltlich Notrufmöglichkeiten“ sowohl zur europaweiten 112, wie auch zu den nationalen Rufnummern zu gewährleisten. Die Verpflichtung, dabei unverzüglich die Rufnummer des Anschlusses bzw. die Daten zur Ermittlung des Standortes zu übertragen, gilt hier dagegen nur für Betreiber von Telekommunikationsnetzen. In den USA fallen unter diese Regelung zukünftig auch VoIP-Anbieter. Sogar Dienste wie Skype und Co. werden dann angehalten sein, diese Informationen zu liefern oder alternative Lösungen anzubieten.
Ausnahmen bestätigen die Regel
Die Regeln der FCC gelten für alle VoIP-Anbieter, deren Kunden von anderen IP-Telefonnetzen erreichbar sind und selbst auch in andere Netze, wie das klassische Festnetz, telefonieren können. Einzige Ausnahme bilden da die Gegenden in Amerika, die grundsätzlich keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum nationalen Notrufnetz haben, wobei der Anteil bei unter einem Prozent der US-Bevölkerung liegt. Weiterhin sind Anbieter von WiMax und anderen drahtlosen Breitbandanbindungen bislang ausgenommen. Aber auch hier erwartet die FCC eine Lösung in naher Zukunft, die die Durchleitung von Notrufen gewährleistet. Die neuen Vorgaben bringen auch mit sich, dass bereits jetzt einige US-Unternehmen Gebühren für Notrufe verlangen, was hierzulande unrechtmäßig wäre.
Regulierungskosten auf Kundenrechnung
Mehrere Unternehmen berechnen ihren Nutzern in Amerika bereits jetzt so genannte Regulierungsgebühren, damit ihnen der Zugang zum Notrufnetz zur Verfügung gestellt wird. Einige US-Staaten haben, nach Informationen von news.com, bereits damit angefangen, VoIP-Provider auf die Liste der Telefonfirmen zu setzen, von denen Steuern für die Notrufnummer gesammelt werden dürfen. In Deutschland wird die Diskussion noch los brechen, sobald das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit sein Regelwerk ausgearbeitet hat. Deren Notrufverordnung muss dann ein Jahr nach Bekanntmachung von den verpflichteten Unternehmen erfüllt werden. Da die Notrufe aber sicher weiterhin kostenlos sein müssen, können VoIP-Anbieter hierzulande schon mal überlegen, wie sie die höheren Ausgaben für die Lokalisierung ihrer Kunden wieder einnehmen.
Bleibt der Klärungsbedarf
In den USA müssen die VoIP-Betreiber sich nun Gedanken machen, wie sie den neu auferlegten Regeln schnell und kostengünstig Folge leisten. Dazu gilt es aber noch einige Fragezeichen auszumerzen. So definiert die FCC, dass Anbieter, die beispielsweise einen Adapter oder IP-Telefone ihren Kunden zur Verfügung stellen. Dabei fallen unter die behördliche Definition von beispielsweise Adapter PCs und Notebooks mit Internetanbindung sowie Handhelds, die mit Softphones ausgestattet sind. Nicht nur aus verzögerungstaktischen Gründen wird die Branche daher wohl noch einigen Klärungsbedarf haben und die endgültige Einführung der neuen Regeln möglicherweise vertagen. Wichtigstes Argument der betroffenen Unternehmen ist die fehlende Dringlichkeit. Laut aktuellen Studien sollen nämlich bis 2006 höchstens zwei Prozent aller Notrufe in den USA aus dem VoIP-Netz kommen.
Deutschland denkt noch nach
Laut Telekommunikationsgesetz ist hierzulande das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit ermächtigt, eine entsprechende Verordnung zu erarbeiten. Die Pläne in den USA bezüglich VoIP-Notrufen gehen aber in die gleiche Richtung, wie die Pläne der Bundesregierung, wie das Ministerium auf Anfrage von onlinekosten.de bestätigt. So soll die Verpflichtung, die Anruferdaten an die zuständige Notrufabragestelle zu übermitteln, zukünftig auf alle Anbieter öffentlich zugänglicher Telefondienste sowie auf Unternehmen, die den Zugang zu solchen Diensten ermöglichen, ausgedehnt werden. Damit solle auch in Zukunft die Versorgung der Bevölkerung mit einem funktionsfähigen Notruf gewährleistet werden. Um die Etablierung von VoIP-Diensten nicht unnötig zu behindern, wollen die Regulierer angemessene Übergangsfristen gewähren, damit die technischen Fragen gelöst werden können.
Update 15.8.: Wissen Sie Bescheid?
Mittlerweile treibt der US-amerikanische Versuch einer sicheren VoIP-Einführung bunte Blüten. So müssen laut Computer Business Review die Kunden ihren Providern bis zum 29. August bestätigen, dass sie über die Problematik der fehlenden Notrufweiterleitung informiert sind. Dieses Vorgehen bringt die betroffenen Unternehmen allerdings ziemlich in Schwierigkeiten. So teilt das Unternehmen Comcast beispielsweise mit, dass täglich mehrere Hundert Bestätigungen eingingen, die von einem eigenen fünfköpfigen Team und drei Vorgesetzten bearbeitet werden müssten. Vonage Holdings Corp. teilt mit, dass bereits 90 Prozent der erwarteten Antworten vorliegen, weiß aber ebenso wenig, ob der FCC-Stichtag gehalten werden kann. Auch AT&T erwartet, dass etwa zehn Prozent nicht innerhalb der Frist antworten. Diesen Kunden würde dann ab 30. August der Dienst gekappt. Bis Ende November sollen die Notrufschwierigkeiten gelöst werden.

(Aleksandra Leon)

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