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VoIP: Berechenbares Potenzial

Keiner will ihn verpassen, den frisch aufkommenden Sturm auf VoIP. Doch für wen rechnet sich die neue Technik tatsächlich? Wir bringen Sie durch den Tarifdschungel.

21.08.2005, 16:57 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Der Markt für Sprachdienste über das Internet boomt, wie kaum eine anderer. Gestern noch Spielzeug ein paar weniger Technik-Freaks, ist VoIP heute bereits Kommunikationsmittel der Massen. Der rasante Preisverfall auf dem Breitbandmarkt tut sein übriges dazu, dass die Alternative zum klassischen Festnetz immer attraktiver wird. Große DSL-Provider, ebenso wie kleine Internet-Startups reißen sich mit wilden Tarifmodellen um Kunden. Sie schenken Freiminuten, verkaufen Zeitkontingente zum Abtelefonieren oder direkt Flatrates, monatliche Festpreise für bestimmte Anrufziele. Aber für wen rechnet sich VoIP überhaupt und welche bunte Tarifmischung passt individuell? Wir haben uns Überblick verschafft.
Der Weg ist das Ziel
VoIP bringt in erster Linie ein Streitthema wieder auf den Tisch: die Entbündelung von Telefon- und DSL-Leitung. Noch gibt es nur wenige Möglichkeiten für Anbieter, unabhängig Breitband-Internet anzubieten. Da die T-Com immer noch einen Großteil der Festnetzanschlüsse bedient, bestimmt sie auch noch weitestgehend die Methode des Onlinezugangs. Vorherrschend ist daher das so genannte Linesharing, bei dem Festnetztelefon und Internet über eine Leitung angeboten werden und auch nur als Paket erhältlich sind. Das kompliziert die Rechenarbeit, ob sich ein VoIP-Anschluss, zusätzlich zum Festnetz, lohnt.
Grundkosten entscheidend
Besteht bisher lediglich ein Telefonanschluss der T-Com, analog oder ISDN, kann dieser einfach mit DSL erweitert werden. Für VoIP ist nur eine echte Flatrate wirklich sinnvoll, bei der ohne Volumen- oder Zeitbegrenzung gesurft werden kann. Ein ADSL-Anschluss mit 1.024 kbit/s down- und 128 kbit/s upstream ist ausreichend, um online zu telefonieren. Das bedeutet, dass, zusätzlich zum monatlichen Grundpreis fürs Festnetz von mindestens 15,95 Euro für einen analogen Anschluss, die Kosten für die DSL-Leitung von rund 16 Euro kommen. Zwar kann DSL auch von Resellern der T-Com bezogen werden. Der Preis variiert von Anbieter zu Anbieter aber nur leicht.
Call-by-Call hält mit
Ins Bodenlose sind dagegen die DSL-Tarife gefallen, mittlerweile gibt es sogar Provider die Flatrates kostenlos anbieten. So bleibt also nur die Frage, ob die monatlich 16 Euro durch das günstigere Telefonieren via Internet kompensiert werden können. Telefoniert man beispielsweise viel ins deutsche Festnetz, braucht man sich mit VoIP schon mal keine Gedanken mehr um Tarif- und Zeitzonen zu machen. Die meisten Anbieter haben Einheitstarife um einen Cent pro Minute. Vergleicht man diese Preise mit Call-by-Call, ergeben sich allerdings kaum Preisunterschiede: auch hier kann für Minutenkosten ab einem Cent ohne Anmeldung telefoniert werden.
Je mehr desto billiger
Anders sieht es da bei den VoIP-Flatrates aus. So bietet beispielsweise Tiscali für einen monatlichen Festpreis von 8,90 Euro unbegrenzte Telefonate ins deutsche Festnetz. Für Vieltelefonierer oder Haushalte, die mehr als 16 Stunden im Monat telefonieren, lohnt sich die Pauschale. Dagegen sind die Verbindungspreise zum Mobilfunk nicht konkurrenzfähig. Während VoIP-Anbieter durchschnittlich rund 21 Cent die Minute verlangen, zahlt der Call-by-Call Nutzer lediglich rund 14 Cent. Bei Auslandsgesprächen sind die Preisunterschiede für die günstigsten Zonen ebenfalls nur sehr gering. Schuld sind die hohen Kosten für VoIP-Anbieter, die Anrufe in andere Netze vermitteln wollen. Sobald sie entsprechende Vereinbarungen mit anderen Netzbetreibern getroffen haben, können die Preise auch hier sinken.
Ein Leben ohne T-Com?
Angesichts der geringen Unterschiede bei den Minutenpreisen, aber erheblich ins Gewicht fallenden Grundgebühren leuchtet ein, dass man möglichst auf den Festnetzanschluss verzichten und ganz auf Breitbandkommunikation umsteigen möchte. In einigen Ballungsgebieten in Deutschland gibt es auch Möglichkeiten dazu. So bieten beispielsweise QSC oder Broadnet reine DSL-Leitungen, unabhängig vom Festnetz, an. Aber auch Kabelnetzbetreiber wie Kabel BW oder Iesy bieten mittlerweile Breitbandzugänge mit eigenen VoIP-Angeboten. Die echten DSL-Flatrates ohne Telefon kosten bei einer Verbindungsgeschwindigkeit von 1024 kbit/s downstream rund 60 Euro monatlich. Günstiger sind vergleichbare Angebote über das Kabel, für die zwischen 20 und 30 Euro berechnet werden.
Kein Nutzungszwang
Neben dem Breitbandanschluss benötigt der Nutzer dann nur noch einen VoIP-Tarif. Hier muss er nicht zwingend auf die Angebote seines Internet-Providers zurückgreifen. Es gibt inzwischen einige Services, die unabhängig vom Anschluss angeboten werden. Dazu zählen sowohl reine Software-Lösungen, wie beispielsweise Skype, aber auch komplette Dienste mit Hardwareangeboten wie z.B. von Nikotel. Vor dem Kauf der Zugangsgeräte sollte aber unbedingt die Kompatibilität geprüft werden. So kann der Breitband-Anschluss übers TV-Kabel nur mit spezieller Hardware genutzt werden, die sich von den meist vertriebenen DSL-Geräten unterscheidet.
Fazit: Festnetz raus!
VoIP lohnt sich also in erster Linie, wenn auf eine Festnetzleitung verzichtet und so bei den monatlichen Grundgebühren gespart werden kann. Soll die neue Technik also wirklich die Revolution auf dem Telekommunikationsmarkt einläuten, muss die Bundesnetzagentur dahin lenken, den Zwang zum Linesharing abzuschaffen. Bis dahin wird sich VoIP für die meisten erst ab einem bestimmten Telefonaufkommen lohnen.
Zwar werben Anbieter damit, dass bei Internettelefonie kostenlose Gespräche möglich sind. Das ist aber nur bei Verbindungen zwischen Kunden desselben Providers möglich oder wenn Anbieter spezielle Vereinbarungen treffen, wie es beispielsweise web.de im großen Stil macht. Bisher telefonieren hierzulande aber erst rund eine halbe Million User per VoIP, wodurch kostenfreie Verbindungen nur eingeschränkt möglich sind. Telefoniert man aber sehr oft zu ein und demselben Anschluss, lohnt es, dass sich beide Parteien bei einem Anbieter anmelden und z.B. zukünftig per Softphone am Computer kostenlos miteinander sprechen. VoIP verfügt also tatsächlich über das ihm nachgesagte Potenzial. Auf dem Weg zum Erfolg müssen die Regulierer aber dafür sorgen, dass die Technik auch eine Chance hat gegen das gute, alte Festnetz.

(Aleksandra Leon)

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