Wikileaks-Gründer

Verlässt Julian Assange sein Londoner Exil?

Seit sieben Jahren lebt Wikileaks-Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft. Nach Einstellung der Ermittlungen der schwedischen Staatsanwaltschaft wird nun über die nächsten Schritte von Assange spekuliert.

Großbritannien © samott / Fotolia.com

Stockholm/London - Alle warten auf Julian Assange. Aber am Freitag guckt erstmal nur die Botschaftskatze, die einen mit Herzen verzierten Schlips trägt, aus dem Fenster. Die Bürgersteige sind voller Journalisten, die Polizei ist da, direkt nebenan liegt das Kaufhaus Harrods. Vor fast fünf Jahren hat sich der Wikileaks-Gründer in die ecuadorianische Botschaft in London geflüchtet. Setzt er einen Fuß vor die Tür, wird ihn Scotland Yard festnehmen.

Schwedische Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Jahrelang hatten sich schwedische Staatsanwälte ein juristisches Tauziehen mit Assanges Anwälten geliefert. In Schweden soll der Australier 2010 eine Frau vergewaltigt haben. Weitere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Assange sind bereits verjährt. Der beteuerte seine Unschuld und versuchte immer wieder, eine Aufhebung des Haftbefehls zu erreichen.

Nach fast sieben Jahren geht es am Freitagmorgen plötzlich Schlag auf Schlag: Die schwedischen Behörden verkünden, die Ermittlungen gegen den 45-Jährigen seien beendet. Der Verdacht gegen ihn sei zwar nicht aus der Welt, macht Anklägerin Marianne Ny am Freitag klar. Doch ohne, dass Assange sich in Schweden einem Prozess stellt, treten die Staatsanwälte in dem Fall auf der Stelle: "Wir sehen keine Möglichkeiten, die Ermittlungen weiter voranzutreiben."

"Ernsthaft? Oh mein Gott", freut sich Assange nach Angaben seines Anwalts. Dazu twittert er ein Bild von sich, auf dem er in die Kamera strahlt. Doch das heißt nicht, dass er ein freier Mann ist.

Assagne droht trotzdem die Festnahme

Denn kurz darauf stellt die Londoner Polizei klar: Assange wird immer noch gesucht - aber wegen eines "viel weniger schweren" Vergehens. Damit dürfte ein Verstoß gegen die Auflagen gemeint sein, die der Australier 2012 hatte. Damals war er auf Kaution frei.

Ob er das Londoner Exil mit der Adresse 3 Hans Crescent jetzt trotzdem verlassen wird? Oder zeigt er sich den Kameras wenigstens auf dem Balkon im ersten Stock wie 2012 und 2015? Vor fünf Jahren war Assange in die Botschaft geflüchtet, weil er fürchtete, dass Schweden ihn an die USA ausliefern könnte.

Anklage in den USA?

Dort gab es zuletzt Spekulationen darüber, dass die Behörden wegen der Enthüllungen seiner Plattform Wikileaks eine Anklage gegen ihn vorbereiten könnten. Sie machen ihn dafür verantwortlich, dass brisante Dokumente aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak an die Öffentlichkeit gelangten. Auf seinem Twitter-Account nennt sich Assange "Flüchtling" und lässt sein Gastland hochleben: "Viva el Ecuador!"

Die einen halten Assange für einen Aufklärer und Robin Hood der Internetwelt, die anderen für einen Selbstdarsteller, der mit Wikileaks sogar das Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt hat.

Als politischer Aktivist ist er längst Zeitgeschichte und Teil der Popkultur. Benedict Cumberbatch hat ihn in einem Film gespielt. Lady Gaga hat ihn interviewt, auch der US-Bürgerrechtler Jesse Jackson und der Filmemacher Michael Moore besuchten ihn. Vivienne Westwood erzählte einmal: "Ich quetsche ihn nach neuen Ideen aus. Ich denke, er ist genial." Der Botschafts-Kaffee sei wirklich gut.

Assange lebt mit einer Katze auf kleinem Raum

Nach Medienberichten lebt Assange in seinem Exil auf zwanzig Quadratmetern. Gemeinsam mit der Katze, die ihm seine Kinder geschenkt haben, wie die britische BBC berichtet. Gut geht es dem Wikileaks-Gründer dort aber laut seiner Mutter nicht: "Sein Körper gibt langsam auf, er hat schon Herzprobleme, eine chronische Lungenentzündung und schwere Schulterschmerzen", hatte sie dem australischen Rundfunksender ABC im Februar 2016 gesagt.

Dazu, ob und wann Assange nach der Entscheidung vom Freitag die Botschaft verlassen wird, will sein schwedischer Anwalt Per E. Samuelson aber nichts sagen. "Ich weiß nur, dass Schweden ihn nicht daran hindert, das zu tun. Schweden ist aus dem Spiel." Es scheint, dass der Fall für die Skandinavier damit abgeschlossen ist. Doch das Katz- und Maus-Spiel geht weiter.

Jörg Schamberg / Quelle: DPA

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