Bundesnetzagentur

VDSL-Anschlüsse der Telekom erhalten Vorrang vor Glasfaser der Wettbewerber

Die Branchenverbände BREKO und BUGLAS kritisieren einen aktuellen Beschluss der Bundesnetzagentur. Die Telekom erhält die Funktionsherrschaft über die Verkabelung in Gebäuden - und kann Glasfaseranschlüsse der Konkurrenz drosseln oder abschalten. Was sagt die Telekom selbst?

Jörg Schamberg, 17.01.2019, 13:05 Uhr
Highspeed InternetWerden Glasfaseranschlüsse der Telekom-Wettbewerber künftig bei der Nutzung der Gebäudeverkabelung benachteiligt?© Silvano Rebai / Fotolia.com

Berlin – Die Bundesnetzagentur hat kürzlich einen Beschluss (BK3e-15-011) zur Nutzung der Teilnehmeranschlussleitung (TAL), der so genannten "letzten Meile", veröffentlicht. Die Branchenverbände BREKO und BUGLAS kritisieren die Bonner Regulierungsbehörde in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Donnerstag scharf. Der Beschluss räume kupferbasierten VDSL-Anschlüssen inklusive Vectoring Vorrang gegenüber reinen Glasfaseranschlüssen in der Gebäudeverkabelung ein. Die Verbände befürchten, dass Glasfaseranschlüsse von der Deutschen Telekom eingeschränkt oder sogar komplett abgeschaltet werden dürfen. Der Bonner Konzern hätte damit laut BREKO und BUGLAS ein "Quasi-Monopol über die Gebäudeverkabelung", durch die die Kunden bis in ihre Wohnungen versorgt werden.

FTTB-Anschlüssen droht Bandbreiten-Drosselung oder Abschaltung

VDSL/Vectoring und Glasfaseraseranschlüsse bis in Haus (FTTB) nutzen laut den beiden Verbänden auf den letzten Metern im Gebäude dieselben Kupferkabel und würden sich hierbei gegenseitig stören. Doch statt der Glasfaser-Technologie Vorrang einzuräumen, würde die Bundesnetzagentur die Kupferanschlüsse der Telekom gegenüber den Glasfaseranschlüssen der Mitbewerber schützen.

Den Wettbewerbern bliebe als eine Möglichkeit nur die Ausblendung des von VDSL bzw. VDSL-Vectoring genutzten Frequenzspektrums. Dadurch würde den Endkunden laut Experten-Schätzungen im schlimmsten Fall aber nur Bandbreiten von 400 bis 600 Mbit/s zur Verfügung stehen. Alternativ bestehe die Gefahr, dass die Telekom die Anschlüsse der Wettbewerber auf Basis der Netzagenturentscheidung von der Nutzung der Gebäudeverkabelung ausschließt – auch wenn die Telekom nicht Eigentümer der Verkabelung sei. Faktisch würden die Glasfaseranschlüsse damit abgeschaltet.

Telekom hat laut Netzagentur "Funktionsherrschaft über das Netz"

"Der Regulierer räumt mit seiner Entscheidung der Vergangenheit Vorfahrt gegenüber der Zukunft ein", kritisieren BREKO-Geschäftsführer Dr. Stephan Albers und BUGLAS-Geschäftsführer Wolfgang Heer. Denn in dem Beschluss der Bundesnetzagentur findet sich etwa dieser Absatz:

"Für die Verpflichtung zur Zugangsgewährung und damit für die Frage, ob Regelungen zur Endleitung im Standardangebotsverfahren getroffen werden dürfen, kommt es nicht darauf an, ob die Betroffene [die Deutsche Telekom] Eigentümerin der Endleitung ist. Zum Zugang verpflichtet ist nach § 21 TKG nicht der Eigentümer, sondern der (marktmächtige) Betreiber des Telekommunikationsnetzes, also derjenige, der die Funktionsherrschaft über das Netz besitzt. Dies ist im Falle von Endleitungen als Teil der Teilnehmeranschlussleitung die Betroffene."

Wettbewerber müssten eigene Endleitungen im Gebäude verlegen

Die Telekom dürfe also höherwertige Glasfaseranschlüsse, die ihr Vectoring-Signal stören, notfalls abschalten. Der Bonner Konzern erhalte einen "Bestands- und Vertrauensschutz" auf seine "längst abgeschriebene Kupfer-Infrastruktur". Wettbewerber könnten laut Bundesnetzagentur nach Genehmigung des Gebäudeeigentümers aber eigene Endleitungen im Gebäude verlegen und nutzen.

"Die Bundesnetzagentur weiß sehr genau, dass im Falle bestehender Wohngebäude ein Glasfaserausbau bis in jede einzelne Wohnung nicht zeitnah realisierbar ist und es in nahezu keinem Fall bereits entsprechende Glasfaserleitungen gibt, die mitgenutzt werden können", so die beiden Verbandsgeschäftsführer. Die Wettbewerber der Telekom würden von der Netzagentur ins Abseits gestellt.

Die Entscheidung der Bundesnetzagentur basiere auf eine Versorgung mit 50 Mbit/s. "Beim Ausbau hochleistungsfähiger Netz-infrastrukturen dürfen wir uns aber nicht länger mit diesem überholten Bandbreitenziel zufriedengeben, sondern müssen deutlich ambitionierter werden. Ziel muss es sein, Glasfaser nicht nur in jede Stadt und jede Straße, sondern bis in jedes Gebäude zu bringen. Auch die Bundesregierung will den Netzinfrastrukturwechsel zur Glasfaser. Dieses Ziel muss sich daher künftig stärker im Verwaltungshandeln widerspiegeln", so Heer und Albers.

Verbände: Schneller Glasfaserausbau in Bestandsgebäuden wird behindert

Noch 2019 werde die Bundesnetzagentur das Verfahren zur neuen TAL-Regelung abschließen. BREKO und BUGLAS rechnen jedoch nicht mehr mit positiven Änderungen in Bezug auf die genannte Problematik der Gebäudeverkabelung. Der Glasfaserausbau in Deutschland werde dadurch behindert. "Auf diese Weise wird die Chance vertan, einen schnellen Glasfaserausbau auch in Bestandsgebäuden zu ermöglichen und die Deutsche Telekom unmissverständlich zu einem zukunftsgerichteten Glasfaserausbau zu motivieren."

Update vom 17. Januar, 16:19 Uhr: Stellungnahme der Telekom

Ein Sprecher der Deutschen Telekom hat sich bei unserer Redaktion mit einer Stellungnahme zu der Problematik gemeldet:

"Das Problem ist nicht der Glasfaseranschluss, sondern die gemeinsame Nutzung des Kupferleitungsnetzes bis zur Wohnung des Endkunden mit den bisherigen kupferbasierten Breitbandprodukten aller anderen Netzbetreiber. G.fast wird dort eingesetzt, wo die Glasfaser nur bis in den Keller reicht (FttB – Fiber To The Building). Anschließend wird ein Gerät eingesetzt, mit dem das Übertragungsverfahren G.fast auf die Kupfer-Endleitung eingespeist wird. Das Übertragungsverfahren nutzt einen sehr großen Frequenzbereich für die Signalübertragung, unter anderem den Frequenzbereich, der bereits mit den Übertragungsverfahren Vectoring und Super-Vectoring für die Telekomprodukte und die Produkte anderer Carrier genutzt wird.

Durch die Nutzung des gleichen Frequenzspektrums kommt es zu gegenseitigen Störungen, die bei G.fast zu einem geringen Verlust von Datenraten führen kann. Bei VDSL Vectoring/Super Vectoring kann dies auch zum Synchronisationsverlust, also zum Ausfall des Anschlusses, führen. Um die gegenseitigen Störungen ganz zu vermeiden, müsste die Glasfaser durchgängig bis in die Wohnung des Endkunden gelegt und genutzt werden. Der Kunde hätte dann die höchste Bandbreitenmöglichkeit und die geringsten Störpotenziale. Es steht jedem Wettbewerber frei eine Glasfaserleitung bis in den Haushalt des Endkunden zu verlegen", so die Sicht der Telekom.

Weiter führt der Telekom-Sprecher aus: "Grundsätzlich gilt: Die Wettbewerber können gerne jederzeit selber eine Glasfaserleitung im Rahmen der Möglichkeit bis in die Wohnung des Endkunden verlegen und somit selber den Ausbau von Glasfaserleitungen in die Hand nehmen. Es ist eine aktive Entscheidung des Wettbewerbers, die bisherige Infrastruktur im Haus zu nutzen. Die Telekom ermöglicht durch Nutzung der Vectoring und Super-Vectoring Technologie höhere Bandbreiten für den Endkunden, welche den Bandbreitenbedarf noch einige Jahre effizient decken wird.

Die Sichtweise, dass einer "alten" Technologie der Vorrang gegeben wird, trifft daher nicht zu. Die Telekom ermöglicht unter Genehmigung der Bundesnetzagentur im Standardangebot ein Miteinander der alten und der neuen Technologie."

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