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VATM-Glasfasertag 2014: "Geiz ist geil" - die Glasfaser-Revolution bleibt in Deutschland noch aus

Was treibt den Glasfaserausbau in Deutschland voran? Gibt es eine Killerapplikation? Im Rahmen des "VATM Glasfasertag 2014" diskutierten Experten über Anreize für den Breitbandausbau - und zweifelten an den Breitbandzielen für 2018.

05.11.2014, 21:19 Uhr
Paar mit Laptop© Syda Productions / Fotolia.com

Mit neidischem Blick dürfte so mancher deutsche Provider auf die Schweiz schauen. VATM-Geschäftführer Jürgen Grützner berichtete im Rahmen des VATM-Glasfasertages am Mittwoch in Köln fasziniert von den Erfahrungen einer Schweiz-Reise. "Wenn man sich anschaut, was in der Schweiz geht", gerät Grützner ins Schwärmen. Die Schweizer seien bereit, auch ein Breitband-Produkt zu kaufen, das 125 Euro kostet. Zudem gebe es reiche Kommunen und so gut wie keine Regulierung. Die Swisscom kämpfe um jeden Kunden. Anders dagegen die Lage in Deutschland: "Wir haben keine 95 Prozent Abdeckung, wir haben keine reichen Kommunen – uns bleibt nur der Kabelverzweiger", so Grützner. Im Fokus der VATM-Veranstaltung stand die zentrale Fragestellung "Was braucht der Breitbandausbau in Deutschland wirklich?" Experten von Bundesnetzagentur, Providern, Politik und Beratungsunternehmen diskutierten in mehreren Podien über Anreize für den Breitbandausbau. Gibt es eine Killerapplikation, die die Glasfaser hierzulande voranbringt?

Zweifel an Erreichen der Breitbandziele bis 2018

Das von der Bundesregierung angestrebte Ziel, bis 2018 flächendeckend Breitband mit Bandbreiten von mindestens 50 Mbit/s bereitstellen zu können, sahen einige der Experten skeptisch. "Es passiert einiges auf kommunaler Ebene", erklärte Klaus Ritgen, Referent beim Deutschen Landkreistag. Allerdings seien es auch nur noch rund vier Jahre bis 2018, der aktuelle flächendeckende Versorgungsgrad noch vergleichsweise gering. Ausbauprojekte müssten ausgeschrieben werden, letztendlich hätten die Kommunen aber keine Präferenzen, wer letztendlich ausbaut: "Hauptsache, es passiert etwas", so Ritgen.

Peter-Paul Poch, Beirat beim Provider DNS:NET, hält einen Ausbau für 80 Prozent der Haushalte problemlos für möglich. Das Ziel 2018 sei aber zu kurz gegriffen. Es fehle eine Langzeitperspektive für Deutschland, nach der hierzulande irgendwann 95 Prozent Abdeckung mit FTTH/B verfügbar sei. Mit der in Deutschland vorherrschenden "Geiz- ist-geil"-Haltung und der nicht so tollen Zahlungsbereitschaft müssten sich die hiesigen Provider abfinden. "Wir können uns kein anderes Land wünschen", so Poch.

Telekom: Evolution statt Revolution

Marcus Isermann, Leiter Politische Interessenvertretung, Regulierung und Bundesländer der Deutschen Telekom, verweist auf die Realität. "So zu tun, als ob wir in Deutschland noch mal neu anfangen können, scheitert." Es gebe keine "Weihnachtsfee mit drei Wünschen", so Isermann. "Wir haben halt existierende Netze." Der Telekom-Vertreter plädiert daher für einen evolutionären statt revolutionären Ansatz.

Einen Run auf FTTH kann nach Ansicht von Viktor Janik, Vice President Regulatory Affairs bei Unitymedia KabelBW, keine Regierung auslösen. Stattdessen müssten Unternehmen durch entsprechend interessante Produkte dafür selber sorgen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die TV- und Entertainment-Plattform Horizon, die bei Unitymedia und Kabel BW angeboten werde. Dieses Produkt würde von vielen Kunden mit der maximalen Download-Bandbreite von bislang 150 Mbit/s gebucht. Seit dem 3. November stehen bei dem Kabelnetzbetreiber sogar 200 Mbit/s zur Verfügung.

Von schwierigen Voraussetzungen in ländlichen Regionen berichtete Heinrich Derenbach vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Ein Fünftel der Haushalte, die noch nicht mit schnellem Breitband versorgt sind, liege in Baden-Württemberg weiter als 500 Meter von dem nächsten Kabelverzweiger entfernt. Hier funktioniere der Breitbandausbau nur mit der richtigen Förderung. Bei einer angestrebten Versorgung mit 50 Mbit/s sei der Kreis der Anbieter, die ausbauen wollen, schon recht überschaubar.

VATM-Präsident Witt: "Wir müssen Traffic auf die Netze bekommen"

Martin Witt, VATM-Präsident und Vorstand United Internet, glaubt nicht daran, dass Unternehmen selbst mehr ausbauen, wenn die Regulierung im Rahmen eines Deals auf der anderen Seite zurückgeschraubt wird. "Kein Unternehmen baut unwirtschaftlich aus". Wichtig sei es auch, die Auslastung der Netze im Blick zu behalten: "Wir müssen Traffic auf die Netze bekommen", so Witt. Derzeit liege die Nachfrage nach Glasfaser trotz stetig wachsenden Angebots nur bei rund 25 Prozent.

Eine "Riesenaufgabe" stehe im kommenden Jahr mit der Vergabe der Frequenzen der sogenannten Digitalen Dividende II an. "Es muss ein faires Bieterverfahren geben", forderte Witt. Auf Fairness und Transparenz komme es auch beim Ausbau per Vectoring an. Hier drängt VATM-Präsident Witt auf eine offene Vectoring-Liste, die von der Bundesnetzagentur und nicht von der Telekom verwaltet werden müsse. Zudem sprach sich Witt für eine längerfristige Planungssicherheit aus. Alle zwei bis drei Jahre nach höheren Entgelten für Vorleistungen zu rufen, sei nicht hilfreich.

Bundesnetzagentur: Wir sind auf dem richtigen Weg

Optimistisch zeigte sich Friedhelm Dommermuth, Abteilungsleiter für ökonomische Fragen bei der Bonner Bundesnetzagentur. "Wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch nicht am Ziel." Rund 8 Milliarden Euro an Investitionen sollen in den Breitbandausbau fließen, wie kürzlich bekannt wurde. Dies sei aber nur eine Prognose. Werden damit aber 80 Prozent Flächenabdeckung erzielt? 2018 höre sich noch weit an, aber die Planungsprozesse dauerten lange. Einen Königsweg gebe es nicht, verschiedene Ansätze werden daher benötigt. Die Bundesländer würden laut Dommermuth ohnehin unterschiedlich vorgehen. Während die einen auf einen großflächigen Ansatz setzen, sind es bei den anderen eher kleinere Ausbauprojekte.

Und was ist nun mit der Killerapplikation für den Glasfaserausbau? Gefordert wurde hier ein langfristiges Denken. Was könnten Verbraucher in zehn Jahren brauchen? Denkbar seien beispielsweise Videokonferenzen, interaktive Spiele und Medien, die die Nachfrage nach Glasfaser vorantreiben. Die Glasfaser ermögliche zuverlässiges Kommunizieren.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland hinsichtlich des Angebots von Glasfaseranschlüssen nach Angaben des Breitbandexperten Thorsten J. Gerpott, Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität Duisburg-Essen, über dem Durchschnitt. Bei der Nachfrage sei Deutschland aber unterdurchschnittlich. Peter-Paul Poch schlägt steuerliche Anreize für die Buchung eines schnellen Internetanschlusses vor. Und auch Gerpott resümiert: "Uns fehlen nicht die Ideen, es dauert nur immer lange ehe diese implementiert werden."

(Jörg Schamberg)

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