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US-Forscher: Twitter soll Erdbeben analysieren

US-Wissenschaftler wollen sich die Netzwerkstruktur von Twitter zunutze machen und die Kurznachrichten nach Hinweisen auf Erdbeben analysieren. Grund: Direkt nach Naturkatastrophen ist eine Häufung von Tweets mit bestimmten Schlüsselwörtern festzustellen.

20.12.2009, 12:31 Uhr
Browser© Diego Cervo / Fotolia.com

Die Meinungen zum Kurznachrichtendienst Twitter sind äußerst vielfältig. Während etwa die einen von gnadenlosem Hype sprechen, bei dem "jeder Depp jeden Mist" in das weltweite Netz hinausträgt, erkennen die anderen darin ein wichtiges Informations- und Publikationsmedium des Web 2.0. Einige US-Wissenschaftler interessieren sich hauptsächlich für die Geschwindigkeit des 140-Zeichen-Kanals: Twitter eignet sich nach Ansicht der Geologen exzellent dafür, das Ausmaß von Naturkatastrophen richtig einzuschätzen.
Twitter ist schneller
Insbesondere Erdbeben stehen dabei im Fokus der Forscher vom Geologischen Dienst der USA (USGS). Ihre Idee geht auf die Beobachtung zurück, dass nach einem solchen Ereignis das Gezwitscher über den Kurznachrichtendienst extrem anschwillt. Zahlreiche Menschen greifen dann zum Handy, um sich der Welt mitzuteilen oder auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Bereits nach Sekunden gehe das Twittern los – seismologische Auswertungen dauerten hingegen bis zu 20 Minuten, so der Geologe Paul Earle. Die Tweets seien daher eine gute Möglichkeit, sehr schnell die Stärke eines Bebens abzuschätzen und die richtigen Hilfsmaßnahmen rascher als bisher einzuleiten.
Das USGS trägt sich dafür millionenfach als Follower bei Twitter-Nutzern ein. Die Auswertung von Tweets erfolgt anschließend mittels einer Sprachanalyse-Software, die automatisch die Kommunikation von Millionen Twitter-Nutzern überprüft und auf bestimmte Schlagwörter wie "Beben", "Schütteln" oder "Klirren" reagieren soll. Registriert das Programm dabei eine Häufung derartiger Begriffe, erstellt es eine Zusammenfassung und leitet diese an Erdbebenforscher sowie Katastrophenexperten weiter. "Wir haben ein Prototyp-System entwickelt, das Twitter-Meldungen in unsere normalen Warninstrumente integriert", sagte Earle zum Ablauf. Um die Positionen der Betroffenen herauszufinden, sammelt die sogenannte "Twitter Earthquake Detection" außerdem die Geo-Codes von Handys mit GPS-Ortung. Diese werden dann in Google Maps visualisiert, um die Größe des Katastrophengebietes abschätzen zu können.
Einige Probleme bleiben
Trotz aller Innovation: das System ist noch in der Entwicklungsphase. Den Forschern ist bewusst, dass die gewonnenen Daten sehr ungenau sein können. Bisher existieren nur wenige GPS-Handys und eine Lokalisierung nach den Ortsangaben im Twitter-Account ist äußerst unzuverlässig. "Lediglich die Hälfte aller Twitter-Nutzer gibt in ihrem Profil einen Ort an und nur wenige Prozent der Erdbeben-Tweets kommen von GPS-fähigen Geräten, die uns präzise Einschätzungen erlauben", räumte eine Software-Entwicklerin des USGS ein.
Ein weiteres Problem ist die korrekte Filterung der eingehenden Informationen. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, den Kontext der Tweets zu erkennen: Twittern hier wirklich verzweifelte Erdbebenopfer über den Einsturz ihres Hauses oder diskutieren doch nur Jugendliche über die neue Version des Ego-Shooters "Quake"? Im USGS gibt man sich jedenfalls zuversichtlich. Entsprechende Filter-Techniken seien bereits entwickelt worden, so die Wissenschaftler. Eine Schwierigkeit können sie allerdings nicht beeinflussen: Zerstört ein Erdbeben die gesamte Telekommunikationsinfrastruktur einer Region, bleiben auch die Twitter-Kanäle verwaist.

(Christian Wolf)

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