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Twitter: Kostenlose PR, Fakes und neues Siegel

Wer bei Twitter mitzwitschert kann viel Spaß haben. Doch es gilt Vorsicht walten zu lassen. Denn nicht alles, was echt aussieht, ist auch wirklich das, für das es stehen soll.

09.08.2009, 13:01 Uhr (Quelle: DPA)
Internet© Daniel Fleck / Fotolia.com

Aller Anfang ist schwer - auch beim Umgang mit Twitter. Auf den ersten Blick ist die zurzeit so gehypte Internet-Plattform für Kurzmitteilungen voll von Prominenten, die aus ihrem Leben plaudern. Doch in den vergangenen Wochen kam wiederholt heraus: Hinter manchen Accounts mit den Namen berühmter Leute stecken oft nur Witzbolde, die andere Nutzer und vor allem etablierte Medien auf die Probe stellen wollen. Einige Journalisten haben sich schon täuschen lassen. Von "elenden Twitzbolden", wie Medienblogger Stefan Niggemeier schreibt, ist die Rede oder einem angeblichen "Volkssport Twitter-Camouflage" ("Spiegel Online"). An einer Lösung des Problems wird gearbeitet.
1,8 Millionen Netto-Nutzer
Jeder, der will, kann über den Microblogging-Dienst kurz und knackig sein Befinden oder seine Meinung äußern. In Deutschland sollen inzwischen einige zehntausend Menschen twittern, vor allem aus der Medienbranche. Die Marktforscher von Nielsen weisen aktuell für twitter.com 1,8 Millionen deutsche "Nettonutzer" aus - das sind Menschen, die die Webseite mindestens einmal im Monat anklicken.
Doch wie immer im Leben: man darf nicht alles glauben, was man liest. Skepsis ist angebracht, um bei dem 140-Zeichen-Dienst nicht auf "Fake-Accounts" hereinzufallen. Gerade Journalisten müssen aufpassen, dass sie wegen Hektik oder Bequemlichkeit ihre Sorgfaltspflicht nicht vernachlässigen. Sonst sind Fehler beim Internet-Phänomen schnell ein Problem der journalistischen Glaubwürdigkeit - Wasser auf die Mühlen derer, die den "guten, alten Redaktionen" oder Zeitungen sowieso keine Zukunft mehr zugestehen wollen. Medien fielen bereits auf einen falschen Harald Schmidt herein oder auf einen falschen David Miliband, den britischen Außenminister. Und auch ein angeblicher Twitter-Account des Philosophen Peter Sloterdijk sorgte schon für Verwirrung - unter anderem ausgerechnet bei einem seiner Verlage. Auf einer Autoren-Seite im Internet war vorübergehend der falsche Account verlinkt. Das kann Spott bringen.
Was ist eigentlich echt?
Doch was treibt Leute dazu, im Namen anderer zu twittern? Der Web- TV-Moderator Rob Vegas (eigentlich Robert Michel), der unter BonitoTV als Entertainer Harald Schmidt twittert, erklärt es so: "Am Anfang fand ich Twitter doof. Doch dann hatte ich die Idee, im Namen von Harald Schmidt zu twittern, um zu sehen was passiert." Als der Name schon weg war, habe er sich den Namen von dessen Produktionsfirma gesichert. "Wirkt ja fast noch echter." Nun trägt er dort eine Mischung aus echten Schmidt-Zitaten und Sätzen ein, die durchaus von Schmidt sein könnten.
Vegas sagt: "Ich frage mich manchmal, was ich da eigentlich tue. Das ist eine ziemliche Metaebene. Alles vermischt sich. Aber es ist irgendwann ein Selbstläufer geworden und macht großen Spaß." Der 25-Jährige glaubt nicht, dass Schmidt seine Aktivität eines Tages mit Beachtung adeln werde, sondern dass er ihn einfach nur dulde. "Es ist ja irgendwie auch kostenlose PR für ihn." Trotzdem: Twitter hat inzwischen gefakten Accounts den Kampf angesagt, zumindest zum Teil. Vor einigen Wochen kündigten die Macher in ihrem Blog an, Nutzerprofile verstärkt zu prüfen. Das sollte bei Firmen, aber eben auch Promis, geschehen. Wer den Echtheitstest besteht, bekommt ein Häkchen und hat einen "verified account" (ein geprüftes Konto). Zunächst bekommen vor allem US-Stars das Siegel.
Ein Siegel als Sicherheit
Zu oft hatten falsche Twitter-Identitäten für Unmut bei Fans gesorgt oder auch den Stars selbst - vor allem dann, wenn sie nicht "künstlerisch wertvoll" waren, als was beispielsweise BonitoTV durchaus gesehen werden kann. Der britische Sänger Morrissey sah sich wiederholt gezwungen, zu erklären, er habe nichts mit Web-Angeboten wie Twitter zu tun - alles, was dort in seinem Namen geschrieben werde, sei nicht von ihm.
Sich auf diese Weise zu äußern, sei natürlich das gute Recht eines jeden Prominenten, sagt die Twitter-Expertin und Autorin Nicole Simon ("Twitter. Mit 140 Zeichen zum Web 2.0"). "Man könnte aber auch sagen, viele Promis haben Twitter verpennt." Wer Online beherrsche, könne mit wenig Aufwand auch bei Twitter mitmachen und habe einen weiteren Kanal, sich direkt an Fans und Interessierte zu wenden. "Es ist eine Chance, sich von den klassischen Medien zu emanzipieren."
Calli als Vorbild
Als vorbildlich in Deutschland lobt Simon zum Beispiel Reiner Calmund, den ehemaligen Fußball-Manager. Übrigens: Wer dessen Tweets abonniert, bekommt eine kleine Message zum Dank, in der es heißt: "Ich bin wohl der dickste Vogel hier, hoffe mein Gezwitscher gefällt."

(Hayo Lücke)

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