News

Trend zur Online-Uni: Ermattung vs. Flächenbrand

Nach dem ersten Hype folgt die Zwischenbilanz: So richtig kommt das freie Internet-Lernen nicht in Fahrt, so der Tenor der Verbandstagung der Deutschen Hochschulen in Frankfurt am Main. Doch einige Hoffungsträger bieten dem Abwärts-Trend Paroli - und mancher Prof ist nach wie vor begeisterter E-Kurs-Fan.

29.03.2014, 14:01 Uhr (Quelle: DPA)
Welt© Julien Eichinger / Fotolia.com

Statt morgens um 8 Uhr in einem überfüllten Hörsaal einem mittelmäßigen Professor zuzuhören, wäre es doch praktisch, sich den Spitzen-Dozenten einer Elite-Uni zu Hause im Internet anzusehen. So dachte man vor ein paar Jahren - es funktioniert aber nur begrenzt. Deutsche Hochschulen stellen weiterhin nur zurückhaltend Vorlesungen oder Seminare ins Netz, obwohl es hoffnungsvolle Ansätze gibt.

Flächenbrand oder Totgeburt?

Anfangs habe sich mancher Dozent gefühlt "wie die Droschkengäule bei der Einführung des Automobils", so Prof. Bernhard Kempen. Der erste E-Learning-Hype um die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) habe einer gewissen "Ermattung" Platz gemacht, so der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes am Dienstag bei der Jahrestagung seiner Organisation in Frankfurt. Die virtuelle Uni sei nicht tot, aber es sei ruhiger geworden. "Jetzt und in absehbarer Zukunft wird wissenschaftliche Erkenntnis ein nicht virtualisierbarer Prozess bleiben."

Ganz anders der Marburger Anglist Jürgen Handke. "Mein Büro sieht aus wie ein Studio", berichtet er. Seine Vorlesungen auf Youtube hätten eine Million Klicks, seine Kurse 30 bis 50 neue Abonnenten jeden Tag. "Der Werbeeffekt für die Hochschule ist gigantisch."

Jeschke: "Flächenbrand in der Hochschullandschaft"

Auch Sabina Jeschke ist beeindruckt: Als "Flächenbrand" in der Hochschullandschaft bezeichnet die Professorin von der RTHW Aachen die Online-Massenkurse. Studenten könnten in ihrem Fach die besten Profs der Welt hören oder in virtuellen Laboren Experimente durchführen, die besser seien als in der Realität. "In einer Reaktoranlage das Kühlkraftwerk abschalten - das macht man besser nicht live." Dass die Online-Tochter die Offline-Mutter verdrängen könnte, hält sie jedoch für unwahrscheinlich: Dass Unis komplett ins Netz wandern, werde ebenso wenig geschehen "wie das Kino das Theater verdrängt hat".

Aber es sei "naiv", sich den Möglichkeiten zu verweigern, so Jeschke: Wer ein Gastsemester an einer x-beliebigen Hochschule akzeptiere, müsse doch erst recht das MOOC-Zertifikat einer US-Spitzenuniversität anerkennen. Immerhin dienen die Online-Kurse als Geschäftsmodell und Aushängeschild für die Lehr-Qualität einer Hochschule.

Anlässlich der Karlsruher Bildungsmesse Learntec im Februar dieses Jahres sprach Informatiker Peter Henning ebenfalls von einer "digitalen Revolution in der Bildung". Prof. Caja Thimm vom Zentrum für Kommunikations- und Medienwissenschaft Bonn meint indes, dass web-basiertes Lernen "nur in ganz speziellen Segmenten funktioniert", beispielsweise im Grundkurs Statistik und in englischer Grammatik. Hier könne man mehr Studierende erreichen und Kosten sparen.

Thimm: "Nur gefacebookt und getwittert"

Die Medienwissenschaftlerin ist zurückhaltend: Sie vergibt zwar Hausaufgaben per Twitter und lässt ihre Studenten Forschungsergebnisse zusammentragen. In ihren Vorlesungen aber herrscht Notebook- und Smartphone-Verbot. Denn zum Unterricht tragen die digitalen Geräte ihrer Erfahrung nach nichts bei - im Gegenteil: "Da wird meist gefacebookt und getwittert, und wenn ich dann rumlaufe, klappen die alle schnell den Rechner zu."

In deutschen Schulen spielt E-Learning kaum eine Rolle, während das Konzept in der beruflichen Weiterbildung durchaus Fuß gefasst hat. Der Grund: Den Schulen fehlt es an Geld, um alle Schüler mit Tablets auszurüsten, und nur wenigen Einrichtungen gelingt es, die Brücke über Sponsoring und Leasingkonzepte zu schlagen. Außerdem sind Lehrer oft nicht genügend auf das Thema vorbereitet, greifen lieber zum Overhead-Projektor als zum Flach-Rechner.

E-Klausuren: Fair und schnell korrigiert

Auch an geeignetem Lehrmaterial fehlt es, denn auch wenn einzelne Schulbuchverlage digitale Lehrbücher herausgeben: Von Quoten wie in den USA, wo der komplette Highschool-Lehrplan als E-Book erhältlich ist, sind die Deutschen noch weit entfernt. Dort ruhen große Hoffnungen auf dem MOCC-Trend, denn Eltern müssen oft ein Vermögen für die Ausbildung ihrer Kinder an privaten Hochschulen aufbringen. Allerdings wird der Hype um die MOOCs durch Berichte über äußerst niedrige Absolventen-Quoten in Frage gestellt - denn E-Learning kann eine sehr einsame Angelegenheit sein, die viel Disziplin erfordert.

Und doch gibt es Hoffnung: Die ein oder andere Universität erkennt, dass E-Learning ein Weg sein kann, um die Studentenflut zu bewältigen, so zum Beispiel die Uni Lüneburg oder das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Die Johannes Gutenberg-Universität in Mainz zählt bundesweit zu den Vorreitern bei E-Klausuren.

Mit geringem Korrekturaufwand können auch große Teilnehmerzahlen bewältigt werden, zumal die Auswertung oft objektiver und schneller von statten geht. Dennoch betont Vizepräsidentin Prof. Mechthild Dreyer: "Insgesamt muss es die Vielfalt an Prüfungsformen natürlich weiter geben".

(Dorothee Monreal)

Kommentieren Forum

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Zum Seitenanfang