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Spanien: Paella, Stierkampf und Raubkopie

In Spanien ist wohl bald Schluss mit dem kostenlosen Filmgenuss per Raubkopie: Was bisher geduldet war, wird jetzt als Unrecht gebrandmarkt. Ein neues Gesetz wirbelt im Land der Orangen mächtig Staub auf.

31.03.2010, 12:10 Uhr
Internet© Anterovium / Fotolia.com

Ein Paradies ist bedroht. Jedenfalls in den Augen zahlreicher spanischer Kinofans. Noch scheint eitel Sonnenschein, und die Nutzer laden ungehemmt Filme aus Internet-Portalen und von Peer-to-Peer Systemen herunter, um sie auf dem heimischen Computer anzusehen – Unrechtsbewusstsein Fehlanzeige.

Schluss mit Nulltarif

Doch am Horizont des Filesharer-Wunderlandes am Mittelmeer ziehen Wolken auf: Wie die "Los Angeles Times" ("Times") berichtet, will das spanische Kabinett einen Schluss-Strich unter die allgemeine Ladefreiheit ziehen. Das sieht ein Gesetzesentwurf vor, dem das Parlament noch zustimmen muss. Bestraft werden nach dem geplanten "Gesetz für nachhaltige Wirtschaft" nicht wie in Frankreich die Nutzer, wohl aber die Webseiten-Betreiber, die Links zu urheberrechtlich geschützten Medien zulassen.

Im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich und den USA ist das nicht-kommerzielle Herunterladen von Raubkopien in Spanien bisher laut "Times" nicht strafbar. Und so entfaltete sich eine muntere Selbstbedienungsmentalität: Filme herunterzuladen und auszutauschen vergleichen viele Spanier offenbar dem Verleihen von Büchern aus dem heimischen Regal. Die Filmindustrie hat entsprechend das Nachsehen. 2003 gab es noch 12.000 Video-Shops in Spanien – Ende 2008 waren es nach Angaben des Blattes noch gerade einmal 3.000.

Zwischen 2006 und 2008 stiegen die illegalen Film-Downnloads im Lande der Toreros von 132 Millionen pro Jahr auf 350 Millionen, so die Times mit Bezug auf Angaben von Media-Control GfK. Die Anzahl von Miet- oder Kauf-DVDs soll im gleichen Zeitraum um 30 Prozent gesunken sein.

Angst vor Korea-Effekt

Kein Wunder, dass manche Filmstudios den spanischen Markt schon aufgegeben haben – wie bereits zuvor den koreanischen. Dort schloss nach Angaben des Blattes 2008 das letzte der größeren Filmstudios aus ähnlichen Gründen seine Pforten. Die Filmindustrie fürchtet einen weltweiten Domino-Effekt und befürwortet vehement das Einschreiten der Gesetzgeber. Ob die neue Rechtsnorm das Nutzerverhalten über Nacht ändert, ist allerdings ungewiss.

Der spanische Kultusminister kommt selbst aus der Filmbranche und räumt eine gewisse Gewohnheitstoleranz seiner Landsleute im Umgang mit Raubkopien ein. Es sei nicht zuletzt eine Frage der Mentalität: Immaterielle Dinge wie digitale Dateien könnten nun einmal so viel wert sein wie materielle, aber "in mediterranen Ländern tun sich die Menschen oft schwer, das zu verstehen," zitiert die "Times" den Politiker.

Oder, so das Blatt provokant: Inzwischen gehören nicht nur Paella und Stierkampf zu Spanien – sondern auch das Filesharing im Internet.

(Dorothee Monreal)

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