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"SketchFactor": Umstrittene App erklärt Stadtviertel zu Ghettos

Eine App erkennt unsichere Gegenden in einer Stadt und hilft dem Smartphone-Anwender aus der Bredouille. Klingt nach einer guten Idee – doch wann und für wen ist eine Gegend sicher oder nicht? Diese Debatte ruft derzeit die Rassismus-Gegner in den USA auf den Plan.

12.08.2014, 19:01 Uhr
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SketchFactor heißt eine umstrittene App, die seit 8. August für iOS auf iTunes erhältlich ist und in Kürze auch im Android-Store erscheinen soll. Sie verrät Touristen, verirrten Einheimischen und Abenteurern, dass sie sich in unsicheren US-Großstadt-Gefilden tummeln, eingeteilt in eine Grusel-Skala von 1 bis 5. Als Gänsehaut-Extra können Nutzer ihre Abenteuer aus Bronx und Co auch zum Besten geben. Schon hagelt es Kritik: Weiße Mobilfunk-Nerds entscheiden, welche Gegenden "gut" sind und welche "böse", so der Vorwurf.

Vorgänger Ghetto Tracker knickte ein

Damit steht SketchFactor nicht alleine da – bereits im vergangenen Jahr sah sich die App "Ghetto Tracker" ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt, wie "spiegel.de" berichtet. Auch hier konnten die Nutzer Regionen, die sie für "ghettoesk" hielten, als gefährlich markieren – man könnte auch sagen, brandmarken. Die App hielt dem Gegenwind nicht stand – und verschwand offenbar aus den Stores und damit von der Bildfläche.

Derweil ziehen sich die Scetch Factor-Entwickler Allison McGuire and Daniel Herrington aus Manhattan in die Schmoll-Ecke zurück. Sie fühlen sich "persönlich angegriffen" von den Rassismus-Vorwürfen. Jeder App-Nutzer würde schnell merken, dass die Schmährufe aus der Online-Presse haltlos seien. Schließlich hätten hunderte verschiedener Menschen aus diversen Gesellschaftsschichten von New York die App-Entwicklung begleitet, so McGuire und Herrington auf sketchfactor.com.

Das Problem ist der Web 2.0-Faktor: Die Nutzer entscheiden selbst, was sie als "ungewöhnlich" oder "unangenehm" einstufen - sketchy eben. Und das wiederum ist ganz subjektiv. Minderheiten können ebenso "unangenehm" wirken wie Armut, ein sonderbarer Passant ohne Hosen oder Graffiti an Hauswänden. Eine offizielle Kriminalitätsstatistik wäre wohl eine objektivere Quelle.

Aber offenbar gibt es nicht nur faule Tomaten für versteckten Rassismus – oder anders formuliert. Die Unkenrufe könnten durchaus werbewirksam sein. Jedenfalls ist die angeblich durch Freunde und Familie finanzierte App kurz davor, einen Preis von 20.000 US-Dollar (rund 15.000 Euro) einzustreichen: Das Entwicklerteam befindet sich unter den Finalisten des Big App Contest, den eine New Yorker Vereinigung zur Wirtschaftsentwicklung ausschreibt. Im September soll entschieden werden, ob Sketch Factor das Rennen macht – oder ob die Konkurrenz der App den Wind aus den Segeln nimmt. Wie auch immer das Ergebnis lautet: Der Presserummel wird wie so oft zur Entscheidung beitragen.

(Dorothee Monreal)

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