News

Schließung "weißer Flecken" 2010 kaum machbar

Die DSL-Lücken sollen bis zum Ende des nächsten Jahres durch die Nutzung von freien Funkfrequenzen, der "Digitalen Dividende" geschlossen werden. Viele Faktoren sprechen aber gegen eine schnelle Lösung.

Smartphone© goodluz / Fotolia.com
Die Bundesregierung plant im Rahmen ihrer Breitband-Strategie die Schließung der sogenannten "weißen Flecken": Gebiete ohne DSL-Versorgung sollen bis zum Jahr 2010 unter anderem durch die Nutzung der "Digitalen Dividende" breitbandigen Internetzugang erhalten. Der durch die Umstellung von analogen auf digitalen Rundfunk freigewordene Frequenzbereich von 790 bis 862 Megahertz (Mhz) soll für den Mobilfunk und vorrangig zur Schaffung breitbandiger Internetzugänge reserviert werden. Der Bundesrat entscheidet am Freitag über den für die weitere Planung notwendigen rechtlichen Rahmen, der sich hinter dem sperrigen Namen Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung (FreqBZPV) verbirgt. Aber ist die "Digitale Dividende" wirklich die schnelle Lösung zur Schließung der noch vorhandenen DSL-Lücken?

Übersicht

1. LTE als Standard?
2. Frequenzvergabe per Auktion
3. Zeitplan von T-Mobile

Günstige Endgeräte fehlen

In Köln wurde bei einer Sitzung des eco-Arbeitskreis WLAN, dem Verband der deutschen Internetwirtschaft, die Nutzung der "Digitalen Dividende" kontrovers diskutiert. Das von der Bundesregierung angepeilte Jahr 2010 ist nach Ansicht von Bernd Schröder, Geschäftsführer der die Mobilfunknetzbetreiber beim Netzaufbau beratenden Firma brown-iposs GmbH, nicht haltbar.

Um schnell günstige Endgeräte anbieten zu können, muss auf einen bereits bestehenden Standard zurückgegriffen werden. Für den in Frage kommenden Frequenzbereich zwischen 790 und 862 Mhz sei derzeit nur WiMAX geeignet, Endgeräte-Hersteller deckten diesen Bereich aber noch nicht ab. Mehr Erfolg verspreche die Standardisierung des UMTS-Nachfolgers LTE, die gegen Ende des Jahres erwartet werde. Schröder rechnet hier mit günstigen Endgeräten - allerdings erst im Jahr 2014. Im DSL-Bereich liegen die Einkaufskosten für Hardware bei 20 bis 60 Euro, bei nicht standardisierten Lösungen eher bei über 400 Euro. Mobilfunklösungen seien daher eher ungeeignet für eine schnelle Beseitigung der weißen Flecken in Deutschland.

Ericsson setzt auf LTE

Christian Bach, Leiter Solution Sales bei Ericsson, sieht das Problem nicht bei den Endgeräten. Diese würden seitens des Netzausrüsters bereits ab 2010 angeboten. Mit der voraussichtlich ab nächstem Jahr auch von Verbrauchern nutzbaren UMTS-Nachfolgetechnologie LTE könnten theoretisch bereits 2010 Bandbreiten von bis zu 150 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) angeboten werden. Damit wären in der Praxis Downloads mit Geschwindigkeiten von zehn bis 100 Mbit/s möglich. Uploads kommen auf fünf bis 50 Mbit/s.

Die Technologie könnte theoretisch auch auf Geschwindigkeiten von bis zu 300 Mbit/s hochgeschraubt werden. Für LTE hätten sich bereits weltweit 30 Betreiber in 16 Ländern ausgesprochen. Deutsche Pilotprojekte, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, hätten bereits eine positive Resonanz gezeigt. Durch Nutzung der "Digitalen Dividende" böte sich laut Bach die Chance LTE flächendeckend in Deutschland auszubauen. Der Nachteil: der LTE-Ausbau findet derzeit nur durch die großen Mobilfunknetzbetreiber statt, Neueinsteiger kommen nur schwer auf diesen Markt.

Vor Ausbauplänen der Mobilfunknetzbetreiber oder zusätzlicher Player steht jedoch zunächst die auch für die Telekom-Regulierung zuständige Bundesnetzagentur. Klaus-Udo Marwinski, beim Regulierer zuständig für die Frequenzvergabe, stellte auf der eco-Veranstaltung den Fahrplan für die nächsten Monate vor.

Frequenzvergabe per Auktion

Nachdem der Bundesrat die Frequenz-Bereichs-Zuweisungsplan-Verordnung (FreqBPZV) verabschiedet hat, kann es nach Aufstellung eines entsprechenden Nutzungsplanes an die Vorbereitung der Auktion gehen. Denn die in Frage stehenden Frequenzen sollen per Höchstgebot an unterschiedliche Bieter gehen. Vorgesehen sind Blöcke von jeweils fünf Mhz. Die Zuteilung der Frequenzen soll bis Ende 2025 befristet sein.

Strenge Auflagen für die Frequenzinhaber

Als Auflage sehen die derzeitigen Planungen eine Versorgungsverpflichtung vor: drei Jahre nach Zuteilung der Frequenz müssen mindestens 25 Prozent der Bevölkerung abgedeckt, nach fünf Jahren dann 50 Prozent versorgt sein. Dadurch möchte die Netzagentur eine Gewährleistung dafür haben, dass die Frequenzen zur Schließung von Versorgungslücken in den ländlichen Gebieten genutzt werden. Als Grundsatz solle daher gelten, dass kleine, unversorgte Gemeinden zuerst abgedeckt werden müssen.

Vergabe könnte sich bis Anfang 2010 verzögern

Die Netzagentur hatte bereits vor der Diskussion um die "Digitale Dividende" die Frequenzen 1,8 Gigahertz (Ghz), zwei und 2,8 Ghz zur Vergabe vorgesehen. Die Frequenzen 790 bis 862 werden jetzt in das aktuell laufende Vergabeverfahren integriert. Insgesamt werden somit Frequenzen in einer Spanne von 360 Mhz vergeben, dies habe es in Deutschland bisher noch nicht gegeben.

Für einige Frequenzen gäbe es noch juristische Probleme mit aktuellen und ehemaligen Frequenzinhabern wie etwa Quam oder Airdata. Deshalb und wegen der Zusammenfassung der zu vergebenden Frequenzen komme es zu einer gewissen Verzögerung im Zeitplan. Die Auktion solle aber spätestens Anfang 2010 durchgeführt werden. Man baue zusätzlich auch einen Infrastruktur-Atlas auf, der potentiellen Anbietern die bestehende Netzinfrastruktur aufzeige, die eventuell mitgenutzt werden könne.

Für die Netzbetreiber kommt die "Digitale Dividende" in Zeiten massiven Wachstums durch mobile Datendienste. Alfons Keuter von T-Mobile ist überzeugt, die neuen Frequenzressourcen "kommen genau zur richtigen Zeit". Es gebe einen flächendeckenden Bedarf für breitbandigen Internetzugang. Breitband sei zudem ein Standortfaktor.

T-Mobile: LTE erst ab 2011

Mit kabelgebundenen Lösungen können ländliche Gebiete nicht wirtschaftlich erschlossen werden. Zudem stünden die Preise für genutzte Datenvolumen nicht mehr in richtigem Verhältnis. Die Produktionskosten müssten reduziert werden. LTE könne hier zu mehr Wirtschaftlichkeit verhelfen. T-Mobile führte bereits LTE-Tests in Bonn, Barcelona und Hannover mit Datenraten von bis zu 56 Mbit/s durch. Solche Pilotprojekte seien jedoch nur noch bis zur endgültigen Frequenzvergabe möglich.

Der Zeitplan von T-Mobile sehe ab Mitte 2010 einen Ausbau der Anbindung der Mobilfunk-Basisstationen vor. Technisch stünde die neue Technik dann ab Mitte 2011 zur Verfügung. Zu diesem Zeitpunkt soll der Ausbau ausschließlich in den ländlichen Breitband-Lücken erfolgen. Erheblich später können dann auch im städtischen Umfeld Frequenzen aus dem 800 Mhz-Bereich für den Ausbau genutzt werden.

Vodafone verspricht bereits 2010 Versorgung mit fünf Mbit/s

Keuter sprach sich gegen eine Vergabe der Frequenzen für regionale Netzprojekte aus. Das wäre "Verschwendung". Die Möglichkeit zur Kooperation von Anbietern solle aber freigegeben werden. Die anstehende Auktion werde sicher nicht billig, aber es sei nicht mit den hohen Milliardengeboten wie zu Zeiten der Versteigerung der UMTS-Frequenzen zu rechnen.

Eher kritisch sahen sowohl Keuter als auch die übrigen Referenten die am Anfang der Woche von Vodafone Deutschland-Chef Friedrich Joussen im Blog der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geäußerte Absicht, bereits 2010 die noch bestehenden DSL-Lücken zu beseitigen. Schon in einem ersten Schritt will Vodafone diese Gebiete mit Bandbreiten von bis zu fünf Mbit/s versorgen.

(Jörg Schamberg)

Kommentieren Forum
Weitere Infos zum Thema

Mehr aus dem Web

Zum Seitenanfang