News

Rückschlag: WiMAX-Mikrowellen stören VDSL

Bei einem VDSL-Feldtest kam es zu unerwarteten Störungen. Eine Überhitzung der Steckkarten ist Schuld, WiMAX-Funkwellen die Ursache. Das hätte man wissen können.

01.04.2006, 15:36 Uhr
Paar mit Laptop© Syda Productions / Fotolia.com

In Berlin läuft seit zwei Monaten ein Feldtest zur schnellen Datenübertragung im Mikrowellenbereich, realisiert mit zertifizierter WiMAX-Hardware aus dem Hause Siemens. Wie jetzt aus gut unterrichteten Unternehmenskreisen zu hören ist, treten dabei unerwartete Probleme auf.
WiMAX funkt, VDSL lahmt
Die Telekom begann zeitgleich mit dem WiMAX-Feldtest damit, in Berlin das VDSL-Netz auszubauen. Die Digital Subscriber Line Access Multiplexer (DSLAM) werden dazu umgerüstet und in die grauen Kabelverzweigerkästen verlegt. Diese sind in Teilen Berlins bereits aktiv geschaltet und werden ausgewählten Testern schon jetzt zur Verfügung gestellt. Bisher erweist sich das VDSL-Netz jedoch als sehr instabil.
Wie ein Insider berichtet, tippten die Techniker des Ex-Monopolisten zunächst auf inkompatible Modems, dann auf defekte Steckkarten in den DSLAMs. Doch auch ein Austausch beider Gerätschaften sorgte für keine Besserung der Verbindung. Bei zwei Mbit/s Downstream war vielerorts Schluss, Übertragungsfehler und Paketverluste eher die Regel, als eine Ausnahme. Es dauerte ganze 13 Tage, bis die Fehlerquelle ausgemacht werden konnte.
Temperaturanstieg
Die von den WiMAX-Sendestationen abgegebenen Mikrowellen im Bereich von 2,45 bis 10 Gigahertz sorgen für eine Überhitzung in den relativ ungeschützten Kabelverzweigern. Der Temperaturanstieg erfolgt dabei langsam und schleichend. Die Ursache ist möglicherweise eine in den VDSL-Steckkarten verwendete Metalllegierung. Diese enthält empfindliche Werkstoffe, deren Moleküle durch die Mikrowellenstrahlung zur Schwingung und folglich zur Erhitzung angeregt werden. Von Seiten der beteilgten Unternehmen war bisher keine Stellungnahme zu erhalten, der Feldtest wurde vergangenen Donnerstag frühzeitig auf Eis gelegt.
Neu sind derartige Beobachtungen allerings nicht. Erst kürzlich veröffentlichten finnische Wissenschaftler eine Studie zum "Einfluss von Mikrowellenstrahlung auf schnelle Internetverbindungen". Studenten der Universität Jyväskylä waren im Rahmen eines Semesterprojekts zufällig auf das Phänomen gestoßen. Bei Tests eines neuen Protokolls kam es entgegen aller Erwartungen zu erheblichen Störungen bei hohen Bandbreiten mit VDSL. Die Bandbreite sackte plötzlich auf ISDN-Niveau, die Leitung war instabil oder brach ganz zusammen.
Eigentlich wollten die Nachwuchsforscher die Dämpfung des DSL-Signals auf langen Leitungsstrecken verringern. "In Finnland haben wir teilweise sehr lange Strecken, die das Signal störungsfrei überwinden muss", erklärt Jaakko Hirvonen. Der 28-jährige Diplomand arbeitet mit seinen Kommilitonen an einer neuen DSL-Technik, deren Bandbreite weniger von der Leitungslänge abhängt.
"Unerklärlich"
"Das war uns unerklärlich", sagt Minttu Myllyniemi. Die 26-Jährige hatte das Phänomen als erste beobachtet und ihren Kommilitonen an der Fakultät für Informationstechnologie berichtet. Zunächst konnten die Nachwuchswissenschaftler die Störung nicht reproduzieren. "Es passierte einfach, und verschwand nach ein paar Stunden wieder", erklärt Minttu, "die Leitung hatte wieder normale Bandbreite."
Akribische Detektivarbeit brachte die Studenten dann auf die richtige Spur. Offenbar stören die vom Mikrowellenofen in der Laborküche abgegebenen Strahlen die hohen Bandbreiten. "Wir wissen noch nicht genau, woran es liegt", sagt Jaakko. Eine Hypothese haben die Forscher allerdings schon, das Kabel soll Schuld sein: "Wir vermuten, dass die Mikrowellen die für hohe Bandbreiten genutzten Frequenzbereiche des Kabels beeinflussen. Schon mittlere Wattzahlen über wenige Minuten reichen, um VDSL für mehrere Haushalte nachhaltig zu stören", erklärt Minttu. Zwar arbeite die Leitung etwa "ein bis vier" Stunden nach der Bestrahlung wieder normal, aber sei das ja nicht der Sinn der Sache.
"Wir können einpacken"
Die deutschen Provider wollten die Ergebnisse nicht kommentieren. Zu vage seien die Schlussfolgerungen der finnischen Forscher, hieß es dazu unter der Hand. Doch sind die Unternehmen in heller Aufregung, wie uns ein Branchenkenner erklärt. Vor allem die Anbieter von WiMAX-Lösungen beobachten die Arbeit der jungen Wissenschaftler mit Spannnung. "Wenn die Finnen keine Lösung finden, können wir einpacken". Gerüchten zufolge hat die Branche schon Kontakt mit der Universität Jyväskylä aufgenommen, um die Forschungen zu unterstützen.
Fein raus sind übrigens Nutzer alternativer Technologien. "Fernsehkabel reagiert auch bei höchsten Bandbreiten nicht so empfindlich auf die Wellen", sagt Jaaklo. Das dabei verwendete Koaxialkabel ist gut abgeschirmt. Bis das Forschungsteam eine Lösung gefunden hat, empfiehlt Minttu: "Schmeißen Sie die Mikrowelle auf den Müll und kochen Sie mal wieder was Schönes".

(Michael Müller)

Kommentieren Forum

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Zum Seitenanfang