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Re: 2005 // Im Jahr Eins nach VoIP

Blieb dem Vieltelefonierer sonst nur der Spaß an der Millicent-Fuchserei der Festnetz-Anbieter, weiß er heute kaum noch, welches Netz die günstigsten Schnäppchen hat.

Notebook© Roman Hense / Fotolia.com
Nach der CeBIT hat Voice over IP wie eine Bombe im deutschen Telefoniemarkt eingeschlagen. Die Angebotspalette an hübsch geschnürten Kommunikationspaketen wird seither immer größer. Allerorts sprießen kleine VoIP-Anbieter aus dem Boden. Firmen mit kaum mehr als einem Server in der Garage sind, dank der offiziellen Einstufung von VoIP als Sprachdienst durch die Bundesnetzagentur, von einem Tag auf den anderen Telekommunikationsanbieter und dürfen mit den ganz Großen spielen.

Will mitspielen

Auch die großen Instant Messenger wie Yahoo oder MSN wollen ihre Joker ausspielen, indem sie ihre Millionen Kunden vom reinen Text-Chat zum Sprachtelefonie-Tool konvertieren. Ein bisschen Kannibalismus ist auch dabei, wenn gute alte Festnetz-Bekannte wie Arcor oder die Telekom plötzlich mit Sprachservices über das Internet auf den Markt gehen. Schließlich behaupten Branchen-Kenner, dass VoIP die klassischen Sprachnetze in den kommenden zehn Jahren verdrängen wird.

Das Motto lautet also: Hauptsache dabei sein. Die Blauen aus Eschborn stellen es ihren Kunden frei, ob sie über einen Arcor-Anschluss oder einen beliebigen anderen Breitbandzugang telefonieren möchten. Die zwei Tarifvarianten bei Arcor @Call lohnen sich allerdings höchstens für Wenigtelefonierer: die Abrechnung der Verbindungen liegen im Vergleich erheblich über dem Durchschnitt unserer Anbieterübersicht und die Unterscheidung in Haupt- und Nebenzeit, wie sie Arcor vornimmt, ist wohl ein Relikt aus Festnetz-Zeiten. Eine Flatrate für Gespräche ins deutsche Festnetz gibt es bei Arcor @Call nicht.

Netzbetreiber zurückhaltend

Ganz anders T-Online: der rosa Zwergriese hat eine Deutschland-Flatrate im Angebot, dazu noch eine der günstigsten am Markt. Generell bieten die Darmstädter ihren VoIP-Service aber nur Kunden an, die gleichzeitig einen T-Online Internettarif nutzen. Wer dabei die "dsl flat max" in Anspruch nimmt, erhält dafür dann die VoIP-Flatrate kostenlos hinzu. Davon abgesehen liegt der Standard-Tarif aber ebenfalls über dem Durchschnittspreis aller VoIP-Anbieter.

So richtig wollen sich die Festnetz-Anbieter also doch nicht ins eigene Fleisch schneiden, indem sie allzu attraktive Minutenpreise bieten. Zahlreiche Call-by-Call-Tarife im Festnetz sind jetzt schon erheblich günstiger und als Festnetz-Kunde erhält man auch bei Arcor auf Wunsch eine Sprach-Flatrate. Stattdessen lautet die Strategie, möglichst alles im Komplettpaket an den Kunden zu bringen. Kauft man nämlich alle Services hübsch verschnürt ein, fallen die ungünstigen Konditionen und die Tatsache, dass man die Hälfte der Leitung, nämlich das Festnetz, mit VoIP eigentlich nicht mehr braucht, vielleicht nicht auf.

Alte Hasen

Jenseits der wohl sortierten Full Service Schlachtplatten der Festnetzmagnaten sind auch alte Hasen im Geschäft, die gar kein anderes Umfeld als das Internet kennen. Skype zum Beispiel, ehemals ausschließlich für PC-to-PC Telefonate, zählte noch im April diesen Jahres etwa 100 Millionen Downloads des selbst entwickelten Softphones, heute sind es bereits fast 220 Millionen. Davon waren im April etwa 35 Millionen Kunden registriert, jetzt zählt Skype bald 70 Millionen Nutzer. Aber die Konkurrenz schläft nicht und so hat Skype nicht nur günstige Tarife für Telefonate in andere Netze sowie Rufnummern für die Skype-Accounts eingeführt. Kontinuierlich wird der Service ausgebaut, sei es mit neuen Vertriebsideen, Hardware-Angeboten, Videotelefonie-Services oder Partnerschaften.

Die "kleine Bastelarbeit" der KaZaA-Erfinder hat sich also mittlerweile zum internationalen Kommunikationsunternehmen entwickelt, zuletzt war Skype dem Internet-Auktionshaus eBay rund 2,1 Milliarden Euro wert. Dennoch bleibt ein wesentlicher Nachteil: das Angebot ist international, Kundensupport oder eine Hotline, wie sie bisher von Festnetzanbietern bekannt waren, gibt es hier nicht. Zumindest bietet Skype Benutzerleitfäden und Tipps in verschiedenen Sprachen online an. Außerdem gibt es Foren, in denen andere Nutzer gern weiterhelfen. Frischlinge auf dem Web-Surfbrett wird dieses Angebot allerdings weniger locken. Vor Schreck über die viele Hilfe zur Selbsthilfe werden die wohl eher auf den Komfort eines Allerlei-Pakets des alt-vertrauten Festnetz-Anbieters zurückgreifen.

Bye bye Festnetz

Mittlerweile gibt es aber auch zahlreiche Lösungen, mit denen sich mehr oder weniger komplett das Festnetz ausstöpseln lässt. Natürlich ist dafür die wichtigste Voraussetzung, einen Breitband-Internetanschluss zur Verfügung zu haben. Daran hapert es zwar hierzulande noch etwas, besonders in den ländlicheren Gegenden. Dennoch zählen offensichtlich immer mehr Unternehmen darauf, dass die Entbündelung von Telefon und DSL nicht mehr allzu fern in der Zukunft liegt. So gibt es mittlerweile eine Vielzahl an reinen VoIP-Anbietern, die ihre Internet-Sprachservices über jede beliebige Breitband-Anbindung zur Verfügung stellen. Einer der erfolgreichsten seiner Art war hierzulande dieses Jahr wohl Sipgate.

Die Düsseldorfer Macher von Sipgate zeigen sich zufrieden mit der Geschäftsentwicklung dieses Jahres. Bereits im August freute sich die indigo Networks GmbH über steigende Kundenzahlen und dieser Trend brach auch bis zum Jahresende nicht ab. Eine Nutzerumfrage ergab laut Unternehmensangaben, dass die große Mehrheit (86 Prozent) den Service von Sipgate als sehr gut bis gut bewertet. Auch die Kundentreue, etwa 50 Prozent sind seit sechs Monaten und mehr dabei, stimmt den VoIP-Provider positiv. Zur CeBIT 2006 kündigt das Unternehmen neue Komfortdienste, Tarife und Hardware-Angebote an, die die Akzeptanz der neuen Technologie in der Bevölkerung voran treiben und Kunden zum Sipgate-Service treiben sollen. Um dem Erfolg noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, plant das Unternehmen außerdem, im kommenden Jahr auch ins Geschäftskunden-Segment einzusteigen.

Österreich macht's vor

Auf die endgültige Scheidung von Breitband und Telefon, wie sie bei unseren österreichischen Nachbarn demnächst vorgenommen werden soll, hoffen auch noch andere. Die Full-Service-Anbieter der Zukunft könnten Provider sein, die gleichzeitig Breitband-Anschluss und VoIP an den Kunden bringen. Einer der Vorreiter dieses Geschäfts ist die QSC AG, die bereits seit Jahren vielerorts reines DSL anbieten und ihre Bemühungen in Sachen Vermarktung von Komplett-Services inklusive VoIP immer mehr verstärken. Aber auch Tiscali hat große Pläne auf diesem Gebiet. Schließlich ist ihr entfesselter DSL-Anschluss in Frankfurt am Main sehr gut angelaufen.

Die Kunden begeistere die Möglichkeit, alle Leistungen über einen Anschluss zu erhalten und Internet mit Telefon aus einer Hand beziehen zu können, erklärt ein Unternehmenssprecher von Tiscali. Zudem wären die einfache Installierbarkeit und Spareffekte vielen Grund genug für den Umstieg. So plant das Unternehmen fürs kommende Jahr ebenfalls, sein Engagement in Sachen Internet- und Telefonie-Angebot auszuweiten. Neben neuen Tarifvarianten, sind hier erweiterte Features geplant, wie beispielsweise Bildtelefonie oder die Integration von mobilen Angeboten. Wie bei Sipgate sieht man auch bei Tiscali das Zukunftspotenzial vor allem im kontinuierlichen Breitband-Ausbau und der dadurch gesteigerten Sprachqualität von VoIP. Zusätzlich werde aber auch die Internet-Telefonie selbst für eine gesteigerte Nachfrage breitbandiger Anschlüsse sorgen. Noch ein Grund mehr für Tiscali, auch weiterhin den Aufbau einer eigenen DSL-Infrastruktur voranzubringen.

TV-Kabel wird multimedial

Schließlich sorgt die einheitliche Nutzung paketorientierter Datenübermittlung für eine wesentlich effektivere Ausnutzung der Leitungskapazitäten und die Administration nur eines einzigen Netzwerks spart Geld und Aufwand. Das denken sich auch die TV-Kabelnetzbetreiber und bauen fleißig an ihren Netzen, um sie Highspeed-Internet tauglich zu machen. Zwar nutzen, im Vergleich zum Rest von Europa, hierzulande nur Wenige den TV-Anschluss zum Surfen. Dennoch sind Unternehmen wie Kabel Deutschland vom Telefon per Fernsehkabel überzeugt. Erst im September endete die Testphase von "Kabel Phone" in Leipzig und Berlin, jetzt ist der Service in allen elf, bisher für Breitband-Internet ausgebauten Städten des Versorgungsgebiets von Kabel Deutschland verfügbar. Weitere Gegenden kommen hinzu, sobald das Netz weiter aufgerüstet wurde.

Inzwischen zählt Kabel Deutschland rund 22.000 Internetkunden, genaue VoIP-Kundenzahlen wollte das Unternehmen, wie alle anderen auch, nicht heraus rücken. Im ersten Halbjahr 2006 können sich Kunden im Großraum Hamburg, in Schleswig-Holstein, Bremen und Braunschweig sowie Lüneburg, Greifswald und in weiten Teilen von Leipzig und Meißen auf den Multimedia-Ausbau freuen. Jedoch unterscheidet sich das Angebot wesentlich von dem anderer VoIP-Anbieter. Hier kann auch ein reiner Telefonanschluss für monatliche 15,90 Euro bestellt werden. Dafür gibt es dann zwei Telefonleitungen mit zwei Rufnummern, Voraussetzung ist ein TV-Kabelanschluss, durch den weitere Kosten entstehen. Wer zusätzlich das Internet zum Surfen nutzen möchte, zahlt monatlich ab 22,90 Euro.

Einer wie keiner

Die Tarifstrukturen der Kabelnetzbetreiber erinnern stark an frühere Festnetzanschlüsse. Auch die Minutenpreise liegen bei Kabel Deutschland mit 1,5 Cent pro Minute ins deutsche Festnetz und 23 Cent zum Mobilfunk über dem Durchschnitt der VoIP-Anbieterliste. Allerdings sieht sich der TV-Kabelanbieter auch nicht wirklich in Konkurrenz zu anderen Internet-Telefonie Angeboten. Wichtigster Aspekt seien hier die Sicherheitsrisiken: im Gegensatz zum normalen Internetanschluss würden die Sprachdaten über das Fernsehkabel verschlüsselt transportiert, wodurch weder Spit und Spam noch Lauschangriffe dem Kabeltelefonierer drohen, erklärt ein Unternehmenssprecher. Auch die Qualität sei beim TV-Kabel besser, da Daten und Sprache über verschiedene Kanäle versandt werden und sich so nicht gegenseitig beeinträchtigen könnten.

Für Kabel Deutschland ist VoIP daher nicht mehr als ein nettes Zusatz-Feature zum normalen Telefonanschluss, während das Kabelnetz einen vollwertigen Telefonanschluss biete. Dass VoIP keine Alternative darstellt, würden wohl auch die ehemaligen Festnetzanbieter unterschreiben, allen voran die Telekom. Schließlich sahen die Bonner noch im März das Festnetztelefon als Refinanzierungsmöglichkeit für die anfallenden Leitungskosten. Aber auch Anbieter wie Skype müssten dem zustimmen, denn immer noch fehlen VoIP einige, teils lebenswichtige Funktionen. So fehlt es oft immer noch an der Erreichbarkeit von Notrufnummern.

Die Masse machts

Je mehr außerdem das Internet zum Telefonieren nutzen, desto wichtiger wird auch der Kundenservice, mit dem mancher aber noch Probleme hat. Zu guter Letzt sind sich aber alle einig: zukünftig wird die Durchdringung mit qualitativ guten Breitband-Anschlüssen entscheidend für den Erfolg von VoIP sein. Zugleich würden die Hardware-Hersteller mit immer neuen Innovationen, wie GSM/VoIP-Handys oder WLAN-Geräten für eine flexible und benutzerfreundliche Nutzung sorgen. Weitere Argumente liefert VoIP selbst: Kostenersparnisse, wie durch die kostenlosen Telefonate, sowie Komfortmerkmale, wie sie bislang nur von ISDN bekannt waren und die Reduzierung der gesamten Kommunikation auf ein Netz werden die einhellige Branchenmeinung, dass die klassischen Sprachdienste durch VoIP verdrängt werden, wohl über kurz oder lang bestätigen. Welche Zugangsvariante allerdings den Sieg davon trägt, entscheiden einzig die Nutzer selbst.

(Aleksandra Leon)

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