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Raubkopierer organisieren sich

Immer mehr Raubkopierer organisieren sich in politischen Parteien, um Kopierschutz-Gesetze auszuhebeln.

11.07.2006, 09:45 Uhr
Internet© Anterovium / Fotolia.com

Raubkopierer sind Verbrecher, das zumindest behaupten Musik- und Filmindustrie. Die Kopierfreunde sehen das anders: Ein zu strenges Gesetz zum Schutz geistigen Eigentums kriminalisiere rechtschaffende Bürger. Immer öfter organisieren sich Raubkopierer deshalb in politischen Parteien. Ihr hochgestecktes Ziel ist die Abschaffung des Copyrights.
Freier Vertrieb aller digitalen Inhalte
Wer jemals eine MP3 aus dem Internet oder einer Tauschbörse geladen hat, hat in den Augen der Musikindustrie illegal gehandelt. Er ist ein Verbrecher und steht, zumindest aus der Sicht der Plattenfirmen, auf der gleichen moralischen Stufe mit Räubern und anderen Kriminellen. Das vermeintliche Kapitalverbrechen "Musikklau" wird mit immer höheren Strafen geahndet. Gewohnheitsmässige Raubkopierer leben gefährlich, was auch jüngst eine Razzia gegen Nutzer der Tauschbörse eDonkey gezeigt hat.
Verbrecher aus Sicht der Rechteinhaber, Kämpfer für die Meinungsfreiheit aus der Sicht der Kopierfraktion. Kopierschutz-Maßnahmen und Copyright-Gesetze sind ihnen ein Graus. Raubkopierer plädieren für den freien Vertrieb sämtlicher als digitale Daten speicherbaren Medien. Von Musik über Filme bis hin zu Bildern, Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten soll alles kopiert werden dürfen. Die Raubkopie sei kein Diebstahl, sondern ein Recht freier Menschen.
David gegen Goliath
Der Kampf David gegen Goliath wird nicht mehr auf Schulhöfen und in Tauschbörsen ausgefochten. Die erste Generation Napster ist dem Kinderzimmer entwachsen und begreift die Raubkopie als essentielles Gut, als persönliches Recht. Und organisiert sich in politischen Parteien in allen Ländern der westlichen Hemisphäre. Das vermeintliche Verbrechen wird zum Politikum.
Die Parteien heißen Piratpartiet, Pirate-Party oder Parti Pirate, doch egal ob italienisch, englisch, schwedisch oder französisch, gemeint ist immer die "Piratenpartei". Diese Parteien sind zwar nicht international organisiert, ihre Forderungen sind jedoch immer gleich. Gefordert wird eine unbegrenzte Meinungsfreiheit und die Abschaffung von Autorenrechten und Copyright-Abgaben auf technische Geräte, zum Beispiel iPods oder Farbkopierer. Die Piraten setzen sich für die Legalisierung von Tauschbörsen und einen freien, unbegrenzten und anonymen Internet-Zugang für alle ein. Copyrights behindern Kreativität
Die Argumentation der Piraten: Copyrights behindern die Kreativität und individuelle Freiheit – zwei wichtige Standbeine westlicher Demokratien. Auf der anderen Seite gilt der kantsche Imperativ: "Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg' auch keinem anderen zu" und die Basis jeder modernen Demokratie, die besagt, dass die Grenzen individueller Freiheit dort gezogen werden muss, wo die Freiheit anderer Menschen eingeschränkt wird. Der Raubkopierer stösst genau hier an eine Grenze: Er fordert die Abschaffung fremder Rechte und outet sich damit als Konsument und nicht als Kreativer. Mit der Raubkopie wird obendrein die Freiheit von Plattenfirmen und Künstlern auf die Entscheidung des Vertriebsweges ihres Werkes angegriffen.
Der Gedanke hinter den Forderungen der Raubkopierer hat jedoch einen handfesten Hintergrund: "Copyrights und Patente unterdrücken Innovationen im digitalen Zeitalter, indem sie es möglich machen, Errungenschaften zu monopolisieren", heißt es auf der Website der US-amerikanischen Piraten-Partei. Tausende von Patenten würden zurückgehalten, "Ideen dem Rest der Welt verschlossen." Eine altbekanntes Argument, besonders in der Diskussion um Software-Patente.
Halblegale Aktivitäten
Fraglich ist allerdings die Vorgehensweise der Piraten. Die durchaus berechtigte Forderung nach offener Software wird genutzt, um geistiges Eigentum zu entwerten und die Forderung nach legalisiertem Dateitausch durchzusetzen. Aus aktuellem Anlass fordert die neueste Organisation, die französische Piraten-Partei, eine komplette Abschaffung der Copyright-Gesetze: "Wir fordern die Aufhebung aller Gesetze zum geistige Eigentum auf französischem Boden. Außerdem fordern wir alle Internauten auf, diese Gesetze im Alltag zu ignorieren." Mit anderen Worten: Raubkopiert, bis die DSL-Leitung brennt.
Eine Piraten-Partei wäre auch in Deutschland problemlos möglich, sofern sie sich an das Parteiengesetz halten. Bisher ist eine Gründung jedoch nicht erfolgt. Die Chance auf eine Wahl sind bei den Piraten-Parteien jedoch vergleichsweise gering, sind doch die wenigsten passionierten Raubkopierer bereits im wahlfähigen Alter.

(Christian Rentrop)

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