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Profi-Gamer kämpfen um ein Ticket nach Paris

Nicht nur in den heimischen vier Wänden gibt es mehr und mehr Computerspieler, auch die professionelle eSport-Szene wächst. Im vergangenen Monat traten die besten deutschen Gamer bei den nationalen Ausscheidungen des Electronic Sports World Cup in Köln an und kämpften um die begehrten Tickets nach Paris zum Finale.

15.06.2007, 12:31 Uhr
Welt© Julien Eichinger / Fotolia.com

Svenja Honselmann ist eigentlich eine normale junge Frau. Die 24-Jährige studiert im dritten Semester Wirtschaftsinformatik und geht gerne ins Kino. Manchmal trifft sie sich aber mit vier anderen Freundinnen. Allerdings nicht zum Shoppen. Svenja ist eSportlerin. Ihre Disziplin: Counter-Strike, ein Taktik-Spiel, bei dem Teamwork, viel Training und Erfahrung zum Erfolg führen.
Bundesliga für Gamer
Jan Stolle ist der Team-Captain der Männer-Mannschaft, die zur selben Organisation gehört wie das Team von Svenja. "Mittlerweile gibt es zu den bekanntesten Spielen viele Onlineturniere, sogar eine Art Bundesliga in Deutschland", erklärt der 21-Jährige. "Auf diesen Turnieren geht es meist um hohe Geldpreise und natürlich die Ehre". Um oben mitspielen zu können, müsse man viel trainieren und als Mannschaft harmonieren, genau wie im Fußball.
Profi-Computerspieler nennen sich selbst eSportler. Nach der Definition des Deutschen eSport Bund (ESB) bezeichnet eSport "das wettbewerbsmäßige Spielen von netzwerkbasierten Computer- oder Videospielen im Einzel- oder Mehrspielermodus". Dies setzt, wie in jeder Sportart, faire Wettkämpfe voraus, in denen sich die Sportler untereinander messen. Einen wesentlichen Bestandteil im eSport sind die "Clans". Sie organisieren sich ähnlich wie ein Verein und sind die Organisatoren im Hintergrund.
Ohne Teams geht es nicht
Die besten Spieler verdienen mit ihrem Hobby sogar noch ein wenig Geld. Dass ein Top-Spieler auch in Deutschland ein Gehalt bekommt ist eine Voraussetzung, um national und international als Team erfolgreich zu sein. Inzwischen kann ein Clan für Spieler und Teams in den wichtigsten eSport-Disziplinen Counter-Strike, WarCraft3 und FIFA schnell auf einen fünfstelligen Betrag im Monat kommen. Je nach Vertrag erhalten die eSportler einen Teil der Preisgelder, dürfen diese sogar ganz behalten oder bekommen zusätzliche Provisionen für gewonnene Turniere. Im vergangenen Monat trat Svenja Honselmann gemeinsam mit ihren vier Team-Kolleginnenn als das Frauen-Team von Alternate aTTaX, Team der Alternate Computerversand GmbH, bei den nationalen Ausscheidungen des Electronic Sports World Cup (ESWC) in Köln an. Der ESWC gilt als die Weltmeisterschaft der besten eSportler. "Vor allem bei den Frauen ist der ESWC das wichtigste Event des Jahres", sagt Svenja. "Es kommen Gegner aus aller Welt, mit denen wir uns messen müssen." Auch Jan Stolle ist mit seinem Team extra nach Köln gereist, um eines der begehrten Tickets nach Paris zum Finale des ESWC zu bekommen. Der 21-Jährige spielt ebenfalls für aTTaX. Sein Team gehört bei Counter-Strike zu den besten der Welt. Bereits die Qualifizierung ist für ihn etwas Besonderes: Zwar gehe es hier nicht um Geld- oder Sachpreise, aber das Ticket nach Paris sei mehr wert als jeder Preis.
Der Kampf um die Tickets
Die qualifizierten Teams stehen nicht nur für die besten in ihrem Land, sondern vertreten auch ganz Deutschland. Von Januar bis Juni gibt es in 51 Ländern weltweit Qualifikations-Turniere, an denen rund 500.000 eSportler teilnehmen. Mehr als 200 Spieler waren nach bundesweiten Vorab-Turnieren vor zwei Wochen in den Kölner Mediapark gereist und kämpften um den direkten Einzug in das Deutsche Nationalteam.
Auf dem großen ESWC-Finale in Paris Anfang Juli nehmen 750 der besten Computer-Spieler der Welt teil, mehr als 30.000 Zuschauer werden vor Ort erwartet. Denn neben dem Weltmeistertitel geht es hier auch um ein Gesamtpreisgeld von knapp 200.000 US-Dollar. Die Electronic Sports League, kurz ESL, gilt in Europa als führende Liga. In Deutschland vereint die ESL mit der Profi-Liga ESL Pro Series (EPS) die besten deutschen eSportler. Bis zu einer Million Euro Preisgelder hat die Liga über die nach und nach eingeführten Turniere seit 2002 ausgezahlt, alleine in der laufenden Saison beträgt das Preisgeld 165.000 Euro. Zum Vergleich: Bei der Handball-WM 2007 ging es um ein Gesamt-Preisgeld von umgerechnet "nur" 156.000 Euro. Besonders die Entwicklung der Profi-Liga EPS zeigt, wie der eSport auch in Deutschland eine immer breitere Fan-Gruppe findet. Neben einer Profi-Liga bietet die ESL gerade für Amateur-Spieler eine große Plattform. Mehr als 680.000 registrierte User nutzen das Turnier-System der ESL für Wettkämpfe und Turniere.
Hartes Training und Disziplin
Gespielt werden in den kleinen Amateur-Ligen der ESL Amateur Series (EAS) auch Spiele wie ICQ Games, Worms Armageddon, EuroPoker oder Schach. Firmen erkennen mehr und mehr den Marketing-Wert von eSport, denn gerade hier erreicht man direkt eine junge und Computer-affine Zielgruppe, die sich in einer eigene Community zusammen geschlossen hat. Voraussetzung für den Erfolg als eSportler ist aber nicht nur Talent sondern besonders sehr viel Training und Disziplin. "Wir haben zum Teil neue Taktiken ausgefeilt und vier mal in der Woche mehrere Stunden trainiert", sagt Svenja über die Vorbereitungen zur ESWC-Qualifikation. Eine Woche vor dem nationalen Qualifier habe sie zudem an einem fünftägigen Trainingslager teilgenommen. Auch das männliche Team trainiert vor wichtigen Events besonders hart. Vier mal die Woche eine fünfstündige Trainingseinheit ist da das Minimum. Das Werksteam von Alternate war einer der ersten Clans in Deutschland, der ein extra eingerichtetes Trainings-Haus mit PCs, optimalen Internetverbindungen und Schlafmöglichkeiten bekommen hat. Doch bei soviel Training in einer noch sehr ungewöhnlichen Sportart stößt man manchmal auch auf Skeptiker. "Meine Familie hatte anfangs Angst dass die Schule und später Uni darunter leidet", erzählt Svenja. "Aber mittlerweile fiebern sie sogar mit, weil sie gemerkt haben, dass wir gut sind und dass es sich auch lohnt soviel Zeit in Training zu investieren".
Starke weibliche Konkurrenz
Auch die Eltern von Jan waren zunächst nicht begeistert von dem intensiven Hobby des 21-Jährigen. "Anfangs waren unsere Eltern eher skeptisch, nach einiger Zeit haben sie aber gemerkt, dass wir unser zeitintensives Hobby auch mit der beruflichen Karriere abstimmen können und beides ohne Probleme läuft", sagt er. Hinzu komme, dass von den Spielern wie auch bei Profi-Sportlern gewisse Verantwortung und Disziplin abverlangt werden.
Viel Planung und Selbstverantwortung sind unter anderem Voraussetzungen, um in der Profi-Welt der Computer-Spieler erfolgreich zu sein. "Mittlerweile verfolgen meine Eltern unsere Spiele und Turniere sogar im Internet und rufen an um zu gratulieren und unterstützen uns immer, wenn sie können." Leider hat das harte Training für Svenjas Team nicht gereicht. Die eSportlerinnen konnten sich gegen die starke Konkurrenz der anderen Frauen-Teams nicht durchsetzen. Glücklicher lief es dagegen beim Männer-Team: Jan und seine vier Team-Kollegen gewannen das Qualifier und sind mit ihrem Team in Paris bei der Weltmeisterschaft bereits zum zweiten Mal vertreten. "Wir werden erst ein paar Tage Pause machen, sodass wir dann richtig motiviert ins Training gehen können", sagt Jan.
Einen Gang hochschalten
Um international mitzuhalten, müsse das Team noch einen Gang hoch schalten und mehr und effektiver trainieren. Im vergangenen Jahr konnte Jan mit seinem Team den dritten Platz gewinnen. "Das wollen wir dieses Jahr am liebsten nicht nur wiederholen, sondern noch überbieten", sagt Jan. Doch die Konkurrenz sei enorm, gerade aus den Skandinavischen Ländern, Brasilien und Polen kommen besonders starke Teams. Ein Sieg in Paris wird alles andere als einfach.

(Nicole Braun)

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