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Phänomen "Ingress": Smartphone-Schlacht in deiner Stadt

Zwei Streitmächte kämpfen mitten unter uns um die Weltherrschaft: Es sind die Spieler des Smartphone-Spiels "Ingress". Dabei verschmelzen virtuelle und echte Realität.

01.04.2013, 13:14 Uhr (Quelle: DPA)
Smartphone© goodluz / Fotolia.com

"Der Feind war heute morgen am Stachus aktiv", erstattet Tobias Kaspar Bericht. "Wir müssen hin und das Portal erobern." Die Welt retten in der Mittagspause - das tun Kaspar (33) und seine drei Mitstreiter Martin Zehetmayer (38), Thomas Nitsche (27) und Lukas Falke (27) nicht mit Gewehren, Panzern und Granaten, sondern mit dem Smartphone. Sie spielen "Ingress", ein Augmented-Reality-Spiel (deutsch: erweiterte Realität) von Google, bei dem Elemente aus dem Spiel in die Realität übertragen werden.

Kampf um Portale

Solche Spiele gibt es schon länger, doch dank neuer Technik werden sie immer ausgefeilter und beliebter. Bei "SpecTrek Light" etwa muss man Geister mit GPS und Kamera des Smartphones fangen, bei Vodafones "BufferBusters" geht es um die virtuelle Jagd auf Monster. Aber warum laufen Menschen dafür selbst bei Schneetreiben draußen herum und wischen mit klammen Fingern über Handy-Displays?

Bei "Ingress" ringen zwei Streitmächte um die Vorherrschaft: die "Erleuchteten" und der "Widerstand". Die Kämpfer müssen Portale erobern, die überall in der realen Welt verstreut sind, zum Beispiel auf der Zugspitze oder am Schönen Brunnen in Nürnberg. Dafür müssen die Spieler in der Nähe der Portale sein. Den Krieg im Wohnzimmersessel ausfechten funktioniert bei "Ingress" nicht.

Medienwissenschaftler Johannes Breuer von der Universität Münster glaubt, dass gerade diese Verbindung mit Orten, die die Spieler kennen, das Spiel attraktiv macht: "Das ist ein bisschen wie beim Tatort: Den schaut man auch am liebsten, wenn er in der eigenen Stadt spielt." Das bestätigt Spieler Martin Zehetmayer: "Man lernt seine Stadt besser kennen. Die Portale stehen oft in irgendwelchen Hinterhöfen, in die ich sonst nie reingegangen wäre."

Enge Verknüpfung mit Google+

Doch was verspricht sich ein Unternehmen wie Google von einem solchen Spiel? "Ingress" ist eng mit dem sozialen Netzwerk Google+ verbunden. Und es läuft nur auf dem hauseigenen Betriebssystem Android. Außerdem liefert das Spiel umfangreiche Nutzerdaten - etwa die aktuelle GPS-Position des Spielers. Das Unternehmen könnte damit beispielsweise irgendwann standortbezogene Werbung im Spiel anbieten. Google macht zwar keine konkreten Angaben zu Nutzerzahlen einzelner Apps, aber in den vergangenen 30 Tagen sei "Ingress" mindestens 500.000 Mal heruntergeladen worden, sagte ein Sprecher.

Die Spieler in München interessiert im Moment nur eins: Die Front verläuft derzeit am Stachus. Dort stehen die vier Kampfgenossen im Kreis und zücken ihre Smartphones. Auf dem Display erscheint eine Karte. Sie ist dunkel. Nur am Karlstor pulsiert ein blauer Punkt mit acht Armen: das Portal, das in der Hand des Feindes ist.

Ziel: Portale erobern

Wäre das Portal herrenlos, müsste Kaspar nur virtuelle Gegenstände hineinlegen, die man im Spiel sammeln kann. Nun aber muss er erst die feindlichen Gegenstände zerstören. Kaspar tippt auf den Befehl "Hacking" auf seinem Display. Die virtuelle Attacke beginnt.

Doch niemand kann allein eine Schlacht gewinnen. Manche Portale lassen sich nur gemeinsam erobern. Gerade dass sie sich mit anderen Spieler treffen, gefällt den vier Münchnern. "Ich kannte vorher noch keinen von den anderen", erzählt Kaspar. Jetzt trifft er sich mit ihnen oft in der Mittagspause: erst ein paar Portale hacken, dann zusammen essen. Und auch Kontakt zum Feind ist erlaubt. Ab und an treffen sich Münchner Spieler beider Seiten beim Stammtisch "Meet your enemy".

"Durch diese Gemeinschaft kann eine Sogwirkung entstehen", sagt Medienwissenschaftler Breuer. Dass die Spieler mit ihren Smartphones über die Welt mehr wissen, als mit bloßem Auge zu sehen ist, verstärke das Zugehörigkeitsgefühl. "Es ist der Reiz, eingeweiht zu sein." Diese Exklusivität verstärkt Google weiter. Denn bisher darf nur mitspielen, wer einen Code hat. Um den zu bekommen, lösen manche Rätsel, andere erstellen kunstvolle grafische Bilder, wieder andere haben einfach nur Glück.

Kaspars Handy vibriert. Eine Nachricht aus dem "Ingress"-Chat poppt auf: Ein Portal an der Donnersbergerbrücke wird vom Gegner attackiert. Doch eine Möglichkeit zur Verteidigung gibt es nicht. Und um es zurückzuerobern fehlt die Zeit: Die Mittagspause ist vorbei.

(Hayo Lücke)

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