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Pfarrer ruft zu Urlaub vom Handy auf: "Nur Gott ist 24 Stunden erreichbar"

Noch schnell eine E-Mail und nur noch eine SMS: Mit dem Smartphone lässt es sich auch vom Rand des Swimmingpools weiterarbeiten - leider oft auf Kosten des Familienlebens und der Gesundheit. Ein Wiesbadener Pfarrer hat deshalb einen ungewöhnlichen Aufruf gestartet.

13.07.2013, 14:31 Uhr (Quelle: DPA)
SMS schreiben© Andres Rodriguez / Fotolia.com

Erreichbarkeit rund um die Uhr, selbst jetzt in der Ferienzeit: Für viele Menschen ist das Diensthandy ein ständiger Begleiter. Ein Wiesbadener Pfarrer hat deshalb dazu aufgerufen, die Mobiltelefone zuhause zu lassen - oder sie zumindest auszuschalten. Im dpa-Interview: der evangelische Pfarrer Jeffrey Myers von der Marktkirchengemeinde Wiesbaden.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Myers: Ich habe gelesen, dass vor 40 Jahren das erste Mal mit einem Handy telefoniert worden ist. Heute sind wir Gefangene von Handys und denken, jederzeit erreichbar sein zu müssen, gerade die Arbeitnehmer. Da entstand die Idee, in einer symbolischen Aktion die Menschen dazu aufzurufen, ihre Diensthandys in der Urlaubszeit bei uns abzugeben. Sie sollen aber nicht mit leeren Händen gehen, sondern bekommen zugleich einen Reise-Segen mit auf den Weg.

Um was genau geht es Ihnen bei der Aktion?

Myers: Diese kleinen Geräte, die Handys, wecken die Erwartung, dass wir Tag und Nacht erreichbar sind. Handys haben auch Vorteile, zum Beispiel in Notfällen, doch das ist die Schattenseite, die ständige Verfügbarkeit. Ich will die Menschen dazu anregen, darüber nachzudenken, ob sie ihr Diensthandy wirklich brauchen im Urlaub. Sie können es von mir aus auch in den Koffer legen oder in die Schublade. Die Menschen sollen nachdenken, inwieweit sie ihr Leben von ihrem Handy bestimmen lassen.

Mancher befürchtet vielleicht Probleme, wenn er sein Handy nicht angeschaltet hat.

Myers: Das muss man mit dem Arbeitgeber ausmachen. Ich muss mich das ja auch fragen, auch als Pastor. Vielleicht ist das ein Anlass für ein Gespräch mit dem Chef über das Thema, vielleicht denke ich ja nur, ich soll immer erreichbar sein. Der Leistungsdruck ist so massiv geworden. Ich mache mein Handy aus, wenn ich in der Kirche bin oder seelsorgerische Gespräche habe. Auch meine Familie hat einen Anspruch darauf, dass ich es ausmache. Nur Gott ist 24 Stunden erreichbar, ich muss das nicht sein.

Was machen Sie mit Ihrem Handy, wenn Sie Urlaub haben?

Myers: Wenn ich jetzt zum Beispiel in die USA fliege, nehme ich ein Handy mit. Ich will im Notfall erreichbar sein, werde es aber nicht immer dabei haben. Ich fahre in Richtung der Rocky Mountains, dort ist der Empfang sowieso nicht so gut.

Und was ist mit privaten Handys, haben Sie da keine Bedenken?

Myers: Da ist Rücksichtnahme ganz wichtig, in der U-Bahn oder während Gesprächen sollte man es nicht benutzen. Ich will aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu den Menschen gehen, sondern einen Anlass zum Nachdenken geben, ob das alles von Vorteil für sie ist.

Wie sind die Reaktionen auf Ihren Aufruf, sind schon Handys abgegeben worden?

Myers: Viele Menschen haben sich bedankt und gesagt, dass sie ihr Handy vielleicht in der Schublade lassen. Der Aufruf ist auch eher als symbolische Aktion zu verstehen. Aber wenn jemand sein Handy abgeben will, kann er das in unserem Pfarramt tun.

(Jörg Schamberg)

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