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Nokia räumt Fehler ein & hält Apple für überschätzt

Nokias Vertriebs- und Marketingvorstand Anssi Vanjoki macht für die schlechte Lage des Unternehmens hauptsächlich Fehler in der Produktentwicklung verantwortlich. Die Konkurrenz von Apple und Android sei zudem überschätzt, so der Manager im "Handelsblatt".

27.11.2009, 13:16 Uhr
Apple© Apple

Vom Jäger zum Gejagten: In den 90er-Jahren feierte der finnische Handybauer Nokia einen Erfolg nach dem anderem. Das Unternehmen avancierte durch innovative Produkte zum Weltmarktführer für Mobiltelefone und schien unangreifbar - bis Apple mit dem iPhone eine neue Ära der mobilen Kommunikation einläutete. Bis heute konnte sich Nokia nicht richtig auf dem profitablen Smartphone-Markt etablieren. Vertriebs- und Marketingvorstand Anssi Vanjoki sieht die Ursachen in einer fehlgeleiteten Produktentwicklung. "Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr auf die technischen Grundlagen konzentriert, statt das Design unserer Handys zu optimieren", so Vanjoki gegenüber dem "Handelsblatt".
"Wir wissen, was zu tun ist"
Für die Zukunft sei das Ziel aber klar definiert. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir jetzt wissen, was wir machen müssen, nämlich Handys bauen, die einfach zu bedienen sind und gut aussehen", sagte der Nokia-Manager. Die Fehler der Vergangenheit werfen jedoch lange Schatten. Erst im Oktober musste Nokia schwere Verluste eingestehen, rutschte in die roten Zahlen und verlor gegen den Trend weiter Marktanteile. Auch das Musikportal "Comes with Music" vermeldet nur schwache Wachstumsraten und bleibt weit unter den Erwartungen der Konzernspitze. Lediglich der Ovi-Store – Nokias Pendant zu Apples App Store – befände sich auf einem guten Weg, so Vanjoki im "Handelsblatt"-Interview. "Wir haben gesagt, dass wir bis Ende des Jahres 80 Millionen Ovi-Kunden haben wollen, die unsere Services nutzen, und wir sind sehr gut unterwegs". Konkrete Zahlen würden allerdings erst am kommenden Freitag bekanntgegeben.
Entscheidende Trends zu spät erkannt
Trotz allem Optimismus – selbst ein Wert von 80 Millionen Kunden kann für den Weltmarktführer im Mobilfunkgeschäft kein Erfolg sein. Da spielt es auch kaum eine Rolle, dass der Ovi-Store erst im Juni 2009 gestartet ist – im Gegenteil, denn es zeigt, dass Nokia entscheidende Trends zu spät erkannt hat. Zum Vergleich: Apple verzeichnet mit dem App Store zur Mitte des Jahres bereits über 1,5 Milliarden Downloads. Zudem baute die Kultfirma aus Cupertino auch ihren Vorsprung im Smartphone-Bereich deutlich aus und verkaufte so viele iPhones, wie nie zuvor.

Weiter auf Seite 2: Warum Apple ein Nischenanbieter ist und Android ein Hype
Vanjoki zeigt sich dennoch unbeeindruckt von der kalifonischen Konkurrenz. Zwar habe Apple seinen Respekt, da das iPhone mit seinem Bedienungskonzept die gesamte Branche revolutioniert habe. Allerdings sei die Bedeutung Apples am Markt überschätzt. Die Entwicklung bei Handys werde ähnlich verlaufen wie bei PCs, so seine Prognose.
"Apple ist ein Nischenanbieter"
"Auch mit dem Mac hat Apple anfangs viel Aufsehen erregt, aber sie sind trotzdem ein Nischenanbieter geblieben. Das wird bei Handys genau so sein", sagte Vanjoki. Auch Googles Betriebssystem Android sei bisher keine Gefahr und vor allem ein Hype. "Bislang sind kaum Android-Handys verkauft worden, der Marktanteil liegt unter einem Prozent, technisch ist Android noch nicht ausgereift. Unser Betriebssystem Symbian wird in den kommenden Jahren das dominierende System bleiben", so der Nokia-Mann selbstbewusst. Branchen-Experten sind in diesem Punkt vielfach anderer Meinung. Einigen Prognosen zufolge könnte Android den Smartphone-Markt spätestens 2012 dominieren. Neue Android-Modelle wie das Motorola Milestone (auch Droid genannt) begeistern bereits die Kundschaft in den USA.
Stürmische Zeiten zu erwarten
Nokia stehen also stürmische Zeiten bevor. Zudem haben die Finnen alle Mühe, ihre Qualitätsprobleme in den Griff zu kriegen. Anfang November machten etwa defekte Ladegeräte Schlagzeilen, die unter Umständen elektrische Schläge austeilen und daher umgetauscht werden müssen. Darüber hinaus häufen sich im Internet auch Kundenbeschwerden über das Multimedia-Schwergewicht Nokia N97. Viele Nutzer berichten von Kratzern auf der Kameralinse, die offenbar durch die werksseitig verbaute Abdeckung verursacht werden - womöglich ein Konstruktionsfehler. Unverständlich sind daher auch die Einsparungen in der Entwicklungsabteilung des Konzerns. Denn sollten sich derlei Pannen ebenso beim neuen Flaggschiff N900 wiederholen, werden die Aussichten für Nokia äußerst düster. Optimismus hin oder her.

(Christian Wolf)

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