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Netzagentur-Vizepräsidentin:"384 Kbit/s - Ist das noch Internet?"

Breitbandausbau, DSL-Drosselung und Vectoring waren die Themen des Breitbandgipfels im Rahmen der Branchenmesse ANGA COM in Köln.

05.06.2013, 17:16 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Breitbandausbau ja, aber wie? Beim Breitbandgipfel im Rahmen der Branchenmesse ANGA COM wurden unterschiedliche Ansätze der Netzbetreiber deutlich. Angesichts der für 2016 von der Telekom geplanten Drosselung der DSL-Bandbreite auf 384 Kilobit pro Sekunde (Kbit/s) nach Erreichen eines bestimmten Datenvolumens, stellt sich für Iris Henseler-Unger, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, die Frage, ob dies überhaupt noch Internet sei.

Netzagentur will nicht regulierend eingreifen

"Es steht jedem frei, Volumentarife zu wählen", so Henseler-Unger. Beim Mobilfunk seien solche Angebote ja weit verbreitet. Daher wolle die Netzagentur hier auch nicht regulierend eingreifen, allerdings "Transparenz herstellen". Kniffliger werde es aber bei der Netzneutralität. "Wir hören Entertain wird nicht angerechnet, dann die Videoplattform doch", erläuterte die Netzagentur-Vizepräsidentin. Bei diesen Fragen sei die Telekom noch nicht festgelegt.

Für Dirk Wössner, Vertriebschef bei der Telekom, gibt es drei Möglichkeiten für den Breitbandausbau: "Ich baue einfach nicht aus und die Qualität wird immer schlechter". Das sei jedoch keine Option für die Telekom. "Ich baue aus und halte die Preise konstant." Ein solches Modell sei nicht fair und auch nicht finanzierbar. Daher habe sich der Bonner Konzern für die dritte Variante entschieden: Exzessive Nutzer sollen sich an den Kosten für den Datentraffic beteiligen. Drei Prozent der Nutzer verursachten 33 Prozent des Datenverkehrs. "Wir reden aber nicht darüber, die Mehrheit der Kunden zu drosseln". Die niedrigen Kosten in Deutschland für die Internetnutzung hätten auch Auswirkungen auf den Breitbandausbau hierzulande. In manch anderem Land seien die Nutzungskosten höher, daher sei dort auch der Netzausbau eher machbar.

Müssen sich Breitband-Kunden künftig also generell auf höhere Kosten einstellen? "Der Kunde ist bereit mehr zu bezahlen" zeigte sich Unitymedia KabelBW-Chef Lutz Schüler überzeugt. "Die Nachfrage nach hoher Bandbreite besteht". Im Gegensatz zur Telekom habe der Kabelnetzbetreiber aber mehr Kapazität in seinen Netzen, daher könnten die Tarife ohne Drosselungen angeboten werden. "Deswegen laufen die Kunden zu uns", so Schüler. Allerdings seien die Ausgaben für Fernsehen und Internet in Deutschland sehr gering. "Wir müssen Kunden Anreize geben, mehr auszugeben". Im Sommer bringt Unitymedia die neue Entertainment- und Medienplattform Horizon an den Start, die auf der ANGA COM erstmals öffentlich präsentiert wurde. "Horizon funktioniert nur, wenn man es partnerschaftlich macht", erläuterte Schüler. Daher seien enge Partnerschaften zwischen Sendern, Inhalteanbietern und Netzbetreibern erforderlich.

"Vectoring verlängert Leidensweg der Telekom"

Thema bei der Podiumsdiskussion in Köln waren auch die Vectoring-Pläne der Telekom. Die kürzlich gefallene Entscheidung der Bundesnetzagentur zu Vectoring sei nur der Beginn weiterer Diskussionen, betonte Iris Henseler-Unger. Vectoring sei kein Weltuntergang. Telekom-Geschäftsführer Wössner sieht in der neuen Technologisch einen ersten Schritt, mit dem die Glasfaser schon mal in viele Straßen gebracht werde. "Ich bin damit schon mal viel näher an den Haushalten", sagte Wössner. In den nächsten Jahren wolle die Telekom 6 Milliarden Euro investieren, die maximale VDSL-Bandbreite werde sich durch Vectoring auf 100 Mbit/s verdoppeln. Die VDSL-Abdeckung erhöhe sich auf 60 Prozent.

Kritik kam jedoch von Unitymedia: "Sie bauen genau da aus, wo die Bandbreite da ist", bemängelte Lutz Schüler. "Ich glaube, dass 100 Mbit/s überhaupt nicht reichen", sieht er auch die durch Vectoring erreichbare Bandbreite als nicht überzeugend an. Es sei kein großer technologischer Schritt. Das Ziel der Telekom sei klar: "Altes Netz aufpimpen so gut es geht und es halbwegs tageslichttauglich verkaufen". Für Theo Weirich, Geschäftsführer des regionalen Telekommmunikationsanbieters wilhelm.tel, verlängere die Telekom mit Vectoring jedoch lediglich ihren Leidensweg. "400 bis 500 Mbit/s sind bei uns in der Diskussion. Spätestens 2014 wird es das Angebot sein, dass in den Städten kommt", betonte Weirich.

(Jörg Schamberg)

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