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NetSheriff: eBay und die Hacker-Mafia

04.03.2003, 21:14 Uhr
Internet© Daniel Fleck / Fotolia.com

Großangelegter Banden-Betrug im Auktionshaus. Sie hacken, bieten und kassieren ab – und das im ganz professionellen Stil: Wie Rumänen-Banden tagtäglich dutzende ahnungsloser ebay-Kunden in Deutschland übers Ohr hauen.
Manuel S. (20, Azubi) aus Ulm ist um 1.352 Euro ärmer. Und irgendwo im sonnigen Italien sitzt ein gewiefter Banden-Kopf und freut sich seines frisch verdienten Gauner-Geldes. Wie viele andere eBay-Kunden hatte Manuel S. im Internetauktionshaus sein ganz persönliches Schnäppchen gewittert: ein Dell-Notebook für rund 1300 Euro. Angeboten von einem laut eBay-ID-Card vertrauenswürdigen Powerseller mit amerikanischem eBay-Account.
"Sie sind auf eine Rumänenbande reingefallen..."
Er bot, überwies per Western Union nach Italien – nur die Ware sah er nie. Was er bei der Polizei wenig später erfuhr: S. war auf eine rumänische Bande hereingefallen, die das Internetauktionshaus mit ausgekochten Tricks für einen ganz groß angelegten Betrug ausnutzt. Rund 150 Anzeigen sind allein in den letzten Wochen gegen die Täter bei der Polizei Ingolstadt eingegangen.
Ein eBay-Kenner: Schätzungsweise 100.000 Euro Schaden pro Monat
Onlinekosten.de sprach darüber mit einem eBay-Kenner aus dem Sicherheitsforum. Der eBay-Nutzer bubu.m schreibt dort seit rund einem Jahr zu Sicherheitsthemen und kümmert sich um geneppte Kunden. bubu.m: „Die Rumänenbande operiert bei eBay seit mehreren Monaten – und das im ganz großen Stil. Ihr Ziel: Überweisungen ahnungsloser Kunden im Vorkasseverfahren. Die Ware kommt nicht und die Gauner lachen sich ins Fäustchen. Vorsichtig geschätzt verursacht die Bande so einen Schaden von gut 100.000 Euro pro Monat.“ Wolf im Schafspelz: Die Abzocke mit gehackten Accounts
Bubu.m weiß auch, warum so viele Kunden immer wieder auf die betrügerischen Auktionen der Bande hereinfallen: „Die Gruppe hackt wöchentlich rund 100 eBay.com-Accounts von völlig unbescholtenen amerikanischen Verkäufern und setzt diese dann auf der deutschen eBay-Plattform ein. Nicht selten sind darunter auch besonders vertrauenswürdige Powerseller.
Die ID-Cards dieser gehackten Accounts weisen fast immer überwiegend positive Bewertungen von in der Vergangenheit reibungslos abgelaufenen Auktionen auf. Der ahnungslose Kunde wittert den Wolf im Schafspelz nicht und bietet oft, ohne zu zögern. Die Ware soll der Kunde dann mittels telegrafischer Überweisung durch Western Union bezahlen.“
Mit Western Union betrügt's sich leichter
Genau so war es auch bei Manuel S. „Nach dem Zuschlag schrieb mir mein „Vertragspartner“ Andre S. unter dem eBay-Pseudonym „sjfanforever“: Er sei Amerikaner und befände sich gerade auf einer Auslandsreise in Italien. Dort wolle er Souvenirs kaufen, brauche dafür Geld und böte deshalb sein Notebook an. Dies befinde sich in den USA. Daher solle ich auch per Western Union an ihn das Geld überweisen. Nach Zahlungseingang würde sein Sohn „Jack“ in Amerika das Paket dann verschicken. Um mich in Sicherheit zu wiegen, schickte er mir per Mail sogar den UPS-Versendungsnachweis, komplett mit Trackingnummer. Wie er sich den besorgt hat, ist mir bis heute schleierhaft.“
Zweimal rief Andrei S. seinen wartenden „Kunden“ noch an. Einmal von einer Mailänder Nummer aus, ein andermal aus Rumänien. Beim letzten Anruf wollte er ihn noch einmal kräftig übers Ohr hauen. Meinte, die Versendungskosten wären doch höher als gedacht, wollte noch einmal 300 Euro von ihm. Manuel S.: „Zu der Zeit war ich schon nahezu pleite. Schließlich hatte ich meine zwei alten Rechner verkauft, um mir den neuen überhaupt erst leisten zu können. Ich erwiderte, er solle erst einmal liefern – danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört, geschweige denn mein Geld wieder gesehen.“ Ausgekochte Betrüger unter dem Deckmantel eigentlich ehrlicher und seriöser Powerseller - wie kann man sich da noch schützen? Bubu.m erklärt, was fast alle Betrugs-Accounts gemein haben: „Geben Sie in der Powersuche einfach z.B. „warranty“ als Suchwort ein, spezifizieren Sie die Suche durch eine Preisangabe zwischen 500 und 3000 Euro und schauen Sie, was das System ausspuckt.
Die Produktpalette der Betrügerbande...
Fast alle, die sie da gelistet sehen, haben einen amerikanischen eBay-Account mit Top-Bewertungen. Und fast alle handeln komischerweise seit erst kurzer Zeit auf dem deutschen Marktplatz mit hochklassigen Hifi- und Computer-Produkten zu Tiefstpreisen: Apple Powerbooks, Notebooks, Videokameras, Digital-Kameras, Bose-Anlagen und Plasma-TVs – die komplette Produktpalette unserer Betrüger-Bande.“
Testkauf: Die Spur führt nach Rumänien
Bubu.m machte den Test und bot bei 30 dieser Betrugs-Auktionen mit: „Binnen 24 und 72 Stunden lag bei mir die Warnung von eBay im virtuellen Briefkasten. Davon schien der Betrüger Wind bekommen zu haben. Denn wenig später erhielt ich ein fingiertes eBay-Schreiben von ihm. Komplett mit eBay-Logo und dem Absender SafeHarbor@eBay.com. Darin: Der Verkäufer hat seine Identität uns gegenüber einwandfrei bestätigt. Wir raten Ihnen, den Kauf fortzusetzen. Erst als ich die IP genauer kontrollierte kam raus: Der wirkliche Absender dieses Schreibens war keinesfalls eBay Amerika, sondern ein Internetcafe-Anschluss in Bukarest, Rumänien.“
Vorwurf an eBay: "Sie handeln einfach nicht schnell genug..."
Was bubu.m eBay vorwirft: „Sie handeln einfach nicht schnell genug. Oft wird Warnungen von engagierten Nutzern erst 24 Stunden später nachgegangen. Dann werden viele Accounts auch nicht wirklich gesperrt, sondern nur die Auktionen gestoppt. Die Betrügerbande ist aber vor allem auf ein Geschäft außerhalb von eBay aus, fragt interessierte Kunden in Mails, ob sie das Geschäft nicht auch „an eBay vorbei“ abschließen möchten. Werden die Accounts nicht gesperrt, schöpft der Kunde keinen Verdacht und zahlt, ohne mit der Wimper zu zucken.“ Letzter Ausweg Selbstjustiz?
Opfer Manuel S. griff nach seinem Reinfall zur Selbstjustiz und schlug die Betrüger mit ihren eigenen Waffen: „Ich legte mir ebenfalls einen Fake-Account an und suchte mir die Betrugs-Auktionen raus. Dann fing ich an zu bieten und trieb den Preis in astronomische Höhen. So wollte ich dafür sorgen, dass nicht noch mehr Kunden auf diese Bande hereinfallen.
Doch eBay fand das alles andere als lustig. Sie schrieben mir, ich solle die Preistreiberei umgehend einstellen, sonst würde ich gesperrt. Ich antwortete, dass sie dann das falsche Schwein schlachten. Denn nicht ich wäre hier der Übeltäter, sondern die Gauner aus Rumänien. Als ich weiter machte, haben sie mich tatsächlich rausgeschmissen. Mal wieder hat’s den falschen getroffen…“
Onlinekosten machte den Test und rief unter der rumänischen Nummer bei Andrei S. an. Wie zu erwarten, ging niemand ran. Wir werden weiter in dem Fall recherchieren und Andrei S. demnächst noch den einen oder anderen Anruf zukommen lassen…
Der Net-Sheriff meint: Lieber Freund aus Bukarest, gehen Sie nicht über LOS, sondern gleich zum Süd-Bahnhof und zahlen Sie dort Ihr ergaunertes Geld zurück. Danach dann bitte fix in das Gefängnis...
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(Alex Leinhos)

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