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NetSheriff: Der große Jahresrückblick

26.12.2003, 10:00 Uhr
Datenverkehr© Julien Eichinger / Fotolia.com

Na, auch mal schnell verdrückt vom Weihnachtskuchen-Schlemmen? Der mümmelnden Kukident-Fraktion da unten überdrüssig? Mit ihren Geschichten von Krieg, Ischias-Leiden und dem letzten Zipperlein. – Vom Regen in die Traufe: Geschichten gibt’s auch hier. Nicht ganz so salbungsvoll wie das Weihnachts-Evangelium – doch biblisch allemal: Es geht um Sünder, arme und reiche, dumme und dreiste – alle vereint im Netsheriff-Jahresrückblick…
2003 – was bisher geschah…
Das Jahr hat reiche Ernte beschert. Nicht nur den allgegenwärtigen Internet-Ganoven. Auch wir bei onlinekosten.de hatten alle Hände voll zu tun. eBay-Nepper und Betrüger, Abzocker und Spammer, 0190-Carrier und Schweinenummern-Betreiber, Abmahn-Anwälte und herzlose Multimedia-Mogule – wir haben sie alle gehabt. Oft triumphierte die Ohnmacht auch bei uns: Die Maschen nicht beleg-, die Betrüger nicht greifbar – und immer einen Schritt voraus. Doch die eine oder andere Kerbe haben wir dennoch hinterlassen, dem einen oder anderen den Garaus und mit Hilfe der Leser die Welt vielleicht ein Stückchen besser gemacht.
Januar: Ramsch-Waren und frohe Botschaft
Am 7. macht uns ein Leser auf warenabverkauf.de aufmerksam: teure Hightech zum unglaublich kleinen Preis. Bestellungen sind nur über eine teure 0190er-Hotline möglich. Wir packen die Lupe aus: Das Impressum – erstunken und erlogen. Der Verantwortliche unauffindbar. Die Spur führt zu einem Manuel D. in Österreich – doch der lässt sich am Telefon verleugnen. Gibt sich für seinen Bruder aus. Fragen macht frei! – Nach knapp drei Tagen Recherche ist die Seite plötzlich offline. Manchmal geht’s auch einfach…
eBay-Nepper und MMCCR-Chef Christoph R. hatte sich noch ins neue Jahr gerettet. Hunderten von eBayern gegenüber war er vertragsbrüchig geworden. Hatte Geld kassiert – doch die bestellten Computer nie geliefert. Unser Höflichkeitsbesuch mit Akte03 in Freilassing hätte ihm eigentlich den Kopf zurechtrücken sollen, doch auch im neuen Jahr tat sich erst einmal nichts. Dann am 29. die Nachricht: Christoph R. hat die Finger gehoben. Es war der Anfang vom Ende. Ob er wusste, dass wir noch einmal anrücken würden..? Februar: Polizei-Einsatz in Freilassing / LKH
Mit gut einem Dutzend MMCCR-Geschädigten fahren wir runter nach Freilassing. Mit ihnen wollen wir Christoph R. stellen, fragen, warum er immer noch nicht zahlt. Doch wo steckt der „größte Kaufmann aller Zeiten“? – Zwei Tage observieren wir seine Firma in der Gewerbegasse; doch von R. keine Spur. Am dritten Tag dann der entscheidende Tipp: „MMCCR-Mitarbeiter verladen Firmen-Eigentum in eine Lagerhalle direkt neben Rs. Wohnung!“ Als wir dort anrücken will man mit MMCCR nichts zu tun haben. „Eine neue Firma“ sei man, R. arbeite nicht dort – was wir denn wollten, erklärt uns die alte MMCCR-Belegschaft, während sie MMCCR-Pakete ins neue Lager einräumt. Es kommt zum Streit, wird brenzlig und handgreiflich. Die Polizei rückt an – Rückzug. R. haben wir nicht gefunden. Dafür eine neue Firma mit alten Gesichtern.
Noch eine frohe Botschaft – diesmal aus dem LKH: Christopher B. Deutschlands dreister Online-Betrüger ist endlich hinter Schloss und Riegel. Rund 100 Betrugsanzeigen hatte der 23jährige Jura-Student aus Passau gesammelt – und machte dreist weiter. Der Grund: Ein Tumor in seinem Kopf machte ihn nicht haftfähig, ließ die Behörden ohnmächtig zuschauen, wie er einen eBayer nach dem anderen abzockte. Nach dem Artikel sein Anruf in der Redaktion: Zuerst bot er Geld. 10.000 Euro fürs Runternehmen des Artikels. Dann kamen Morddrohungen. Wir unterrichteten die Behörden. Ende Februar war mit solchen Sperenzchen endlich Schluss: In Passau wies man ihn ein, in die Geschlossene zur Schuldfähigkeitsprüfung – auf unbestimmte Zeit…
März: Der größte eBay-Betrug / Dialer-Abzocke
Wir stolpern über die Rumänen-Mafia. Eine Karpaten-Bande treibt auf eBay ihr Unwesen. Hackt gut bewertete Accounts und bietet darauf Teures billig. Die Bezahlung soll per Western Union erfolgen. Wer zahlt, sieht nichts. Wer den Brüdern auf die Schliche kommen will, stößt auf ein internationales Netz aus Fake-Adressen, IP-Blockern, Anheizern und dubiosen Hintermännern. Lange versuchen wir, die deutschen Behörden und Medien auf den wohl größten eBay-Betrug aufmerksam zu machen. Erst Ende 2003 gelingt die erste Verhaftung – durchs FBI.
Ein Hohn: Auf den Computer- und Sicherheitsseiten von T-Online werden wir auf blinkende Werbung aufmerksam gemacht. Die entpuppt sich als mieser Dialer. Hergestellt von der Sun Infomedia im sonnigen Mallorca. Wir sprechen mit T-Online, ernten erst wenig Verständnis. Auch bei der rosa Tochter scheint Geld vor Verbraucherschutz zu gehen. Dann endlich wird die Kostenfalle entfernt. Im Internet entdecken wir noch zahlreiche Opfer dieser dubiosen Balearen-Firma mit den dänischen Gesellschaftern. Ihr wohl bester Freund und Geschäftspartner: die Talkline ID in Bonn. Ein Teilerfolg: Die Werbung ist weg – doch irgendwo am Strand sonnt sich noch immer einer im schmutzigen Dialer-Geld… Unser Januar-Bekannter Christoph R. tritt nach. Per E-Mail erreicht uns eine Unterlassungserklärung inklusive Kostennote. 400 Euro sollen wir zahlen und dürfen wer weiß was nicht mehr berichten. Der Maulkorb für die Presse misslingt: Wir lassen uns nicht einschüchtern, berichten weiter. Von Rs. Anwalt haben wir nie wieder etwas gehört…
April: Flucht eines Handlungsreisenden
Am 1. erreicht uns die Nachricht von der Polizei Hildesheim: Oben K. hat sich fürs erste vom deutschen April-Wetter verabschiedet: in die Türkei. Auch Vatancom-Geschäftsführer K. hatte bei eBay gut 100 Kunden um ihr Geld gebracht, teure Rambus-Rechner angeboten, kassiert – doch nicht geliefert. Nun ist er weg. Wie wir inzwischen wissen nicht nur vorübergehend. K. hat sich in Istanbul sein neues kleines Internet-Reich aufgebaut – mit einer deutsch-türkischen Handelsseite. Hübsch sicher vor den deutschen Strafverfolgern…
Mai: Von Faxen, die keiner will
Fax-Terror in Deutschland. Immer mehr unerwünschte Werbe-Faxe verstopfen die Geräte. Wir begeben uns auf die Suche nach den Verantwortlichen, stoßen auf Clemens B., Chef der Geoconnect – mit Sitz in England und gut einem halben dutzend verwaister deutscher Adressen. Über die Rufnummern dieser Firma läuft ein Großteil des Spams. Die Mehrwert-Branche – eine Mauer des Schweigens: Keiner wagt, mit uns zu sprechen, keiner will auspacken, woher die Faxe wirklich kommen. Wir sind in einen Sumpf aus Lügen und Intrigen geraten, in denen so mancher große Carrier mit den Schweinedienst-Anbietern gemeinsame Sache macht.
Juni: Dümmer als die Polizei erlaubt
Computer an, Hirn aus. Der 18jährige Michael W. schafft es im Juli zum dümmsten Betrüger des Monats. Mit gut einem Dutzend gefälschter Accounts tritt er bei eBay und hood auf, bringt es damit auf insgesamt 30 Betrugsanzeigen. So viele Persönlichkeiten müssen auch verwaltet werden – und genau das tut W.: Im Root-Verzeichnis seiner eigenen Homepage. Fein säuberlich hat die Torfnase dort alle gefälschten eBay-Accounts nebst den dazu gehörigen Personendaten aufgelistet. Ein gefundenes Fressen für uns. Der Mummenschanz dauert noch kurz an – dann wird W. der Stecker gezogen… Lars F. hatte sie alle! – Außer eBay. Überall im auktionierenden Internet hatte Lars F. seine Spur hinterlassen: Auf den verschiedensten Plattformen bot „Miflug“ Waren an – im Gesamtwert von über 50.000 Euro. Ein wenig viel für jemanden, der meint, ständig falsche oder veraltete Wohnsitze angeben zu müssen. Denken wir auch. Schreiben drüber, Lars wird dicht gemacht – und verschwindet auf nimmer Wiedersehen…
Juli: die Mehrwert-Mafia schwitzt / reuiger Betrüger
Endlich ist es Promi-Anwalt gelungen, dem FaxSpam-Treiben durch einstweilige Verfügungen ein Ende zu setzen, den Spammern die Luft zu nehmen. Wir nehmen Kontakt zu ihm auf – und statten ihn mit endlich erlangten, gerichtlich verwertbaren Insider-Informationen aus. Inhalt: Der Filz zwischen Carriern und den dunklen Spam-Betreibern. Resultat: Der Kölner 0190-Carrier Intelegence muss mit eingezogenem Schwanz seinen EV-Widerspruch zurückziehen. Die erste Schlacht hat der Verbraucher gewonnen – den Krieg jedoch noch lange nicht…
Ende Juli kommt uns noch ein reuiger Betrüger auf den Schreibtisch. Lars P. hat ein wenig Unsinn gemacht. Bei eBay, versteht sich. Nun, vielleicht etwas mehr als ein wenig. Als jedenfalls der erste seiner persönlich Geneppten vor ihm in der Tür steht, bekommt er’s mit der Angst. Entschuldigt sich öffentlich, salbadert auf seinem Anrufbeantworter, wie leid es ihm tue. Eigentlich der erste Sympathikus in diesem Jahr. Wir mögen ihn – schreiben aber trotzdem. Denn von eBay hat er angeblich sehr, sehr merkwürdige Aufforderungen bekommen…
August: Sommerloch!
Stories? Heute? – Keine… September: Todbringende Briketts
Carsten K. versucht sich recht einfältig im lukrativen Übersohrhau-Geschäft: Statt bei ihm über eBay ersteigerter Handys packt er seinen Kunden Briketts und Backsteine in die Pakete. – Die laufen Sturm. Für den bereits wegen Betruges Vorbestraften hagelt es Anzeigen. Bevor wir ihn selbst befragen können, ist es bereits zu spät: Carsten K. hat den Freitod gewählt…
Handyplus geht uns ganz mächtig auf die Nerven. Das Geschäftsmodell: Verticke Handy-Verträge mitsamt Gerät im Internet. Als Anreiz versprich, die Grundgebühr für zwei Jahre dem Kunden zu erstatten – und dann zahl einfach nicht. So oder so ähnlich müssen die geistigen Nebelwerfer aus Wildeshausen kombiniert haben. 100 Geschädigte sammeln sich übers Netz, machen Druck. Wir tun das gleiche bei den Mobilfunkbetreibern – den Vertragspartnern von Handyplus. Ende vom Lied: Heute will keiner der Großen mehr mit Handyplus. Die Seite ist vom Netz. Und fürs erste herrscht in Wildeshausen Grabesruh’…
Oktober/November: Die eBay-Abmahn-Welle
Andres H. mimt bei eBay den Chef-Abmahner – für Film-Mogul Universal. Dort scheut er auch nicht vor 19jährigen Schülern zurück, die eine (sic!) importierte CD dort ohne großen Gewinn zum Verkauf anbieten. Auch Uwe E. bekommt ein Schreiben – nebst 280 Euro-Kostennote. Wegen eines fingernagelgroßen Coverbildchens, das er als Produktbeschreibung verwendet hat. eBay skurril – der heiße Sommer scheint einigen im Norden nicht bekommen zu sein…
Dezember: ebay-Sicherheitslücke und virtuelle Palmen
Wir fühlen eBay ein wenig auf den Zahn, machen den Praxistest – und finden raus: Das Erstellen falscher Identitäten und Accounts bei eBay ist leichter als gedacht. Binnen wenigen Minuten haben wir uns das ebay-Kostüm einer 18jährigen Schülerin aus Bayern angezogen – und könnten jetzt ganz schön auf den Putz hauen. 3-2-1-meins!
Und zu guter letzt noch: reisen4free.com! Schaut raus: Wer will bei diesem Wetter nicht in den Urlaub. Warum ihr den nicht bei reisen4free.com organisieren solltet, warum die Seite die reinste Tropen-Seuche ist – und wir noch lange nicht mit denen fertig sind… erfahrt ihr im Artikel.
So, das war’s auch schon vom NetSheriff. Das Jahr ist zu Ende – und meine Erzählzeit hier auch. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß und Kurzweil beim Lesen und Surfen durchs kriminelle Netz-Panoptikum. Jetzt aber zurück zu Oma und Opa an den Kaffeetisch. Ich bin sicher, Ihr werdet schon vermisst…
Frohes Fest und guten Rutsch!
Euer NetSheriff

(Alex Leinhos)

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