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NetSheriff: Abmahn-Wahn bei eBay: Neues vom Universal-Anwalt

27.10.2003, 18:34 Uhr
Internetnutzung© adam36 / Fotolia.com
Justitia reibt sich die Augen: 283 Euro soll Uwe Engelhardt jetzt zahlen - für ein 1x1cm großes Thumbnail. Die Abmahnwelle bei eBay nimmt immer obskurere Formen an. Dabei wollte Engelhardt doch nur alles richtig machen...
Morgens, 9.00 Uhr in Künzelau: 15.000 Einwohner hat die kleine Kreisstadt im württembergischen Hohenlohekreis. Uwe Engelhardt handelt dort mit Aufbereitungsmaschinen. Eine kleine Firma, mittelständisch, neun Mitarbeiter und ein Frontpage-Auftritt unter engelhardt-gmbh.de.
Wir schreiben den 15. April 2003: Uwe Engelhardt surft vor der Arbeit noch kurz im Internet. Im Versandhaus Amazon entdeckt er eine DVD. The Bourne Identity, Erscheinungsdatum 22. Mai 2003. Uwe Engelhardt bestellt sie vor. Er will den Film pünktlich zum Release zu Hause haben, einmal anschauen und dann weiter verkaufen.
9.27 Uhr bei eBay:
Uwe Engelhardt will nichts dem Zufall überlassen, schon jetzt Abnehmer für den Weiterverkauf finden. Als "mrknister" stellt er die DVD bei eBay ein, trägt als Versandtermin "22. Mai 2003" ein - den offiziellen Erscheinungstermin. Und macht bis dahin seiner Meinung nach alles richtig. Warum? Weil Uwe Engelhardt damit verhindern will, von der Abmahnwelle bei eBay erfasst zu werden...
Hätte er die DVD vor dem Erscheinungstermin bekommen und verkauft - er hätte einen rechtswidrigen "Parallel-Import" begangen und mit großer Sicherheit eine teure Abmahnung kassiert. Warum er dennoch eine bekam? - Weil er's besonders schön machen wollte. Und so mancher Anwalt in Deutschland wohl zu viel Zeit hat... Nur um Eines klarzustellen:
Uwe Engelhardt ist gewiß kein schlechter eBayer: 246 Bewertungen nennt er sein Eigen, positiv davon: exakt 100%. Er will seine Kunden zufrieden stellen, ihnen einen visuellen Vorgeschmack vom Film geben: Also fügt er eine genaue Plot-Beschreibung an, nebst einem 1x1cm großen Cover-Bildchen - und genau das war sein Fehler...
Vier eBayer bieten an diesem schicksalhaften Tag im April, ein mexican27 bekommt den Zuschlag. Für 20,50 Euro geht die DVD schließlich über die virtuelle Ladentheke. Uwe Engelhardt denkt nichts Böses: Hat der Käufer doch bisher sieben Bewertungen bekommen - alle durchweg positiv. Doch das sollte sich bald ändern...
Statt Geld kommt die Abmahnung
Aber statt des erhofften Geldes bekommt Uwe Engelhardt Post - genau wie sieben weitere eBayer nach ihm. Eine Abmahnung flattert ins Haus, von Andres H., einem Anwalt aus Hamburg: "Die Universal Pictures Germany" habe ihn "beauftragt". Es riecht nach Ärger...
Den Satz kennen wir doch. Denn Anwalt H. ist bei eBay und onlinekosten.de gewiß kein Unbekannter: Wie wir erst kürzlich berichteten, geht der Anwalt bei eBay rigoros gegen Parallel-Importeure vor, die im Ausland erworbene Filme bereits vor dem deutschen Erscheinungsdatum auf der Plattform anbieten.
DVD: 25 Euro, Gebühren: 400 Euro - ein findiger Anwalt: unbezahlbar
Dabei ließ es sich der Anwalt auch nicht nehmen, einem fast mittellosen, rechtlich unkundigen Schüler seine ganz persönliche Kostennote in Höhe von 400 Euro aufzudrücken; weil der für ganze 25 Euro dort eine einschlägige DVD verkaufte. Zurück zu Uwe Engelhardt:
Mit ihm muss sich Andres H. schwerer getan haben. Schließlich machte Uwe Engelhardt ganz klar, dass er die DVD erst zum Erscheinungsdatum versenden und damit verkaufen würde. Ein Parallel-Import war damit nicht unbedingt einschlägig. Doch der findige Advokat fand auch hier einen Hebel: Wenn's schon mit dem Import Essig war, dann sollte es zumindest über's Minibildchen klappen.
Wie Anwalt H. weiter schreibt, wäre Engelhardt zu dem "Verkauf [...] unter Nutzung des Cover-Artworks (das Mini-Bildchen, Anm. der Red.) nicht berechtigt" gewesen und verletze "damit das Urheber- und Verbreitungrecht" von Universal. Rechtsanwaltskosten soll Engelhardt zahlen - und zwar gemäß dem Streitwert von 5.000 Euro. Nach Gebührenordnung also rund 284 Euro für des Anwalts Kasse...
Der Anwalt: An der DVD kein Interesse
Uwe Engelhardt ist gewiß kein Jurist. Er ist Kaufmann. Und da hat er eines gelernt: Verträge gilt es, einzuhalten. Also schreibt Engelhardt bauernschlau, er solle erst einmal seinen Pflichten nachkommen und ihm den Kaufpreis für die DVD überweisen - schließlich sei ein wirksamer Kaufvertrag zustande gekommen.
Andres H. übt daraufhin das große Outing: An "der DVD habe" er "kein Interesse,sondern" es wäre ihm "hier im Auftrag meiner Mandantin um die "Filterung von legalen DVD bzw. Raubkopien" gegangen. Es folgt der übliche Schriftverkehr mit allen Finessen: H. will nicht zahlen - und Engelhardt ebenso wenig.
Engelhardt verwarnt den Anwalt bei eBay als "unzuverlässiges Mitglied". H. bittet um Stornierung - und sendet als angebliche Stornierungshilfe einen Link, mit dem Engelhardt in Wirklichkeit seine Verwarnung zurücknehmen würde. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt... Gegen Ende schwingt der Advokat noch einmal die Jura-Keule: Wie er wohl einsehen musste, wollte Uwe Engelhardt bei eBay weder Raubkopien noch Filme vor Erscheinungsdatum veräußern. Und vielleicht nur, weil unser eBayer sich so hartnäckig wehrt, erklärt er auf einmal, auch das reine Anbieten vor Release sei ein rechtswidriger Parallelimport.
Sendepause bei der GVU
Prüfen konnte onlinekosten.de dies nicht. Bei der GVU, dem Frontkämpfer der Multimedias gegen Kopier-Piraten, war Sendepause: Die Pressesprecherin bis 15.30 Uhr nicht erreichbar und die Rechtsabteilung im ständigen Meeting.
Das Ende vom Lied in Sachen Engelhard vs. the abmahning Anwalt? - Nun, Engelhardt stellte die DVD Wochen später bei eBay neu ein, musste sie mit Wertminderung verkaufen. Freundlicherweise ließ ihm Andres H. 5 Euro Differenzbetrag zukommen - und wenig später eine gerichtliche Mahnung. Und wenn sie nicht gestorben sind...
Dass es dem Universal-Anwalt fast nur ums Abmahnen ging...
...zeigt inzwischen seine ID-Card: Ab dem 7. Mai hagelte es negative Bewertungen: "Vorsicht, Abzocke, Anwalt - Rechtsanwälte küsst man nicht, äußerst kostspieliger Kontakt, Größte Vorsicht! - Achtung Leute, ein RA, der jede Menge Langeweile hat, schmeißt ihn raus!"
Und das hat eBay dann wohl auch getan... Oder hat Anwalt H. seinen Account selbst gelöscht? - Weil mit dem Leumund kein Geld mehr zu machen ist? Keine Schüler mehr abzumahnen sind? Und auch der Erlös aus der Mini-Bildchen-Nummer erstaunlicherweise auf sich warten lässt?
onlinekosten.de meint: Mit Pixel-Pedanterie gewaltig ins Off
Wir wissen es nicht. - Doch eines wissen wir: War schon die Abmahnung an den Schüler zwar rechtlich korrekt, doch leicht überzogen, so schlägt es hier dem Fass die Krone aus. Piraterie-Verfolgung doppelplus, doch mit solchen Pixel-Pedanterien manövriert sich hier jemand gewaltig ins Off. Es wäre für Universal vielleicht an der Zeit, seinen Anwalt zur Mäßigung aufzurufen. Und statt die eigenen Kunden an den Piraten-Pranger zu stellen, auch mal fünfe Gerade sein zu lassen. Denn gerade ihre zahlenden Kunden sind es doch, die die Universal am Leben halten...
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(Alex Leinhos)

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