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Nach Undercover-Doku von RTL: Datenschützer wollen Zalando überprüfen

Wegen einer verdeckten Recherche beim Online-Händler Zalando ist eine Journalistin ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Zugleich will nun Thüringens Datenschützer das Unternehmen überprüfen.

18.04.2014, 08:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Nach verdeckten Recherchen beim Online-Modehändler Zalando hat die Erfurter Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen gegen eine RTL-Reporterin aufgenommen. Die Journalistin schlüpfte für drei Monate in die Rolle einer "Pickerin" - so heißen die Menschen, die Tag für Tag durch die Gänge laufen, um bestellte Waren aus den Regalen zu fischen - für 8,79 Euro Stundenlohn. Thüringer Datenschützer wollen nun den Umgang mit Mitarbeitern in dem Zalando-Logistikzentrum überprüfen. Es solle herausgefunden werden, wer beim Unternehmen auf welche Daten Zugriff habe und wofür diese Informationen genutzt würden, sagte der Thüringer Datenschutzbeauftragte Lutz Hasse der "Thüringischen Landeszeitung" (Donnerstag).

Alltag bei Zalando mit versteckter Kamera gefilmt

Gegen die Journalistin werde nach einer entsprechenden Anzeige von Zalando ermittelt, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf Anfrage. Das Verfahren stehe noch am Anfang. Ein RTL-Sprecher sagte, juristischen Schritten sehe sein Sender gelassen entgegen. Zuvor hatte "Handelsblatt Online" darüber berichtet.

Die Reporterin warf Zalando in der Sendung "Extra" vor, Angestellte massiv unter Druck gesetzt und gegen das Arbeitsrecht verstoßen zu haben. Mitarbeiter sollen überwacht und bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gebracht worden sein. Ihren Alltag filmte sie mit versteckter Kamera. Zu sehen sind zum Beispiel Vorgesetzte, die erzählen, dass Sitzen während der Arbeitszeit vielleicht nicht verboten, aber jedenfalls "unerwünscht" sei. Anhand der Informationen aus dem Waren-Scanner, der sie durch die riesige Lagerhalle steuert, wird die verdeckt recherchierende Journalistin ermahnt, weil sie 37 Minuten lang keinen Artikel geholt habe. Die Rede ist auch von verdachtslosen Personenkontrollen und einer Belohnung von 500 Euro für Mitarbeiter, die auf einen Dieb aus dem Kollegenkreis hinweisen würden.

Zalando: Wir sind nicht der beste Arbeitgeber der Welt

Die Berichterstattung entspreche nicht presserechtlichen Standards, man sei nicht um eine Stellungnahme gebeten worden und wolle sich nicht auf Grundlage eines solchen Beitrags unter Druck setzen lassen, sagt Zalando-Sprecher Boris Radke. Laut einer Zalando-Unternehmenssprecherin hat die Journalistin drei Monate lang im Logistikzentrum in Erfurt Filmmaterial interner Prozesse gesammelt. Zalando habe vor dem Fernsehbericht keine Chance zur Stellungnahme bekommen. Ein RTL-Sprecher betont hingegen, die Reporterin habe sich mit einem langen Fragenkatalog an Zalando gewandt und dem Unternehmen vier Tage Zeit für eine Antwort gegeben. Zalando sagt aber auch, die im TV vorgeführten Beispiele entsprächen nicht der Firmenpolitik. So werde die 500-Euro-Prämie, die "völliger Unsinn" sei, abgeschafft. Das Sitzverbot sei "Quatsch" und es soll auch keine Kontrolle geben, wie lange einzelne Mitarbeiter untätig seien.

Nun wurden einige Vorfälle aber auf Video eingefangen und sind damit ganz eindeutig passiert. "Es wird immer Fehler geben", sagt Radke, der jetzt die Tage in dem betroffenen Logistik-Zentrum in Erfurt verbringt. "Wir haben nie behauptet, dass wir der beste Arbeitgeber der Welt sind." Der Erfurter Standort sei zu schnell aus dem Boden gestampft worden. Rund 2.000 Menschen arbeiten dort, es gebe rund 30 Abteilungsleiter, von denen vielleicht manche zu schnell in den Führungsjob gekommen seien, räumt der Sprecher ein.

Zalando geht es vor allem um die Feststellung, dass hinter den Situationen kein System stecke. In jedem Unternehmen stoße man auf Missstände, wenn man lange genug suche. In einer anonymen Mitarbeiter-Umfrage hätten 88 Prozent erklärt, dass ihnen die Arbeit Spaß mache. Es gebe Kästen für anonyme Hinweise, das Büro des Standortleiters stehe jede Woche für eine Stunde jedem Mitarbeiter offen.

Zalando räumt lange Laufwege für "Picker" ein

Den Vorwürfen, Mitarbeitern würde ärztliche Versorgung erschwert, hält Zalando entgegen: Der Krankenwagen werde im Schnitt ein bis drei Mal pro Woche gerufen, aber eher weil der Betriebsarzt übervorsichtig sei. Und wenn ein Mitarbeiter längere Zeit nicht aktiv sei, müsse man das allein schon für den Fall im Auge behalten, dass ihm in der riesigen Halle etwas zugestoßen sein könnte. Auch Zalando räumt ein, dass die "Picker" 10 bis 15 Kilometer pro Schicht laufen. Im Bericht war ein Spitzenwert von 27 Kilometern genannt worden.

Es sind nicht die ersten TV-Vorwürfe gegen Zalando. Im Jahr 2012 hatte die ZDF-Sendung "Zoom" die Arbeitsbedingungen im Warenzentrum Großbeeren angeprangert, auch damals schon war von einem Sitzverbot die Rede. In einem Nachklapp wurden dem Unternehmen Besserung bescheinigt. Zalando ist dennoch ein rotes Tuch für viele. Angetrieben durch die allgegenwärtige Werbekampagne wurden die Berliner zum führenden Modehändler Deutschlands und machen Online-Rivalen das Leben schwer. Die Rücksendequote von schätzungsweise 50 Prozent sorgt für enormen Kostendruck und nach wie vor rote Zahlen.

Höchstmögliche Effizienz bei Logistik erforderlich

In dieser Situation entwickelt sich die Logistik, in der ein großer Teil der Kosten anfällt, für den Online-Handel zu einem Brennpunkt, in dem höchstmögliche Effizienz herrschen muss. Amazon liegt in Deutschland schon seit Monaten im Clinch mit der Gewerkschaft Verdi, die mit immer neuen Streikaktionen kämpft. Der US-Konzern richtete seine neuen Lager in Polen und Tschechien ein - was mit Logistik-Vorteilen begründet wird.

"Unsere Reporter werden weiter verfolgen, ob die von Zalando angekündigten Überprüfungen zu Veränderungen geführt haben", betont der RTL-Sprecher. "Darüber berichten wir weiter."

(Jörg Schamberg)

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