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Mit frischen Domains in den Frühling

Nicht nur Umlautdomains (IDNs), sondern auch ganz neue TLDs sind in Arbeit. So soll es bald auch .berlin, .nyc und .london geben.

21.02.2006, 15:11 Uhr
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Mittlerweile gibt es die ersten Erfahrungen mit Umlautdomains, und das nicht nur in Deutschland. Das Verfahren erweist sich dabei als komplex und keineswegs störungsfrei. Zugleich stehen neue Top-Level-Domains vor dem Eintritt in den Domainmarkt, der noch lange nicht satt zu sein scheint.
Zoff um Umlaute
Roland Eugster vom Schweizer Domainregistrar SWITCH berichtete am 9. Februar auf der Fachkonferenz "Domain Pulse" in Berlin von seinen Erfahrungen mit Umlautdomains. In der Schweiz wurden sie am 1. März 2004 um 12 Uhr per "Big Bang" eingeführt, also ohne Sunrise-Periode und bevorzugter Vergabe wie derzeit bei der .eu-Domain. Aufgrund der Gesetzeslage sei das nicht anders möglich gewesen, so Eugster.
Wenig überraschend war daher, dass es zu Problemen und Streitigkeiten kam. So registrierte sich ein Student die Domain "nestlé.ch", sehr zum Missfallen des gleichnamigen Konzerns. "bücher.ch" ging nicht an den Besitzer von buecher.ch, und der Streit um "zürich.ch" konnte nur salomonisch gelöst werden: man einigte sich auf ein fair geteiltes Portal, an dem die Streithähne gleichermaßen beteiligt wurden. Insgesamt beträgt der Anteil von IDNs in der Schweiz 3,3 Prozent. Eugster sieht ein Potential von bis zu 20 Prozent.
China in der Schweiz
Ungewöhnlich ist die Idee der Schweizer, die Domain .ch auch mit chinesischen Schriftzeichen auszustatten. Die reguläre Top-Level-Domain (TLD) für China ist ".cn". Um die attraktivere ".ch"-Endung auch dem boomenden chinesischen Markt schmackhaft zu machen, prüft man bei SWITCH derzeit eine Ausweitung der Domain. Dies ist nicht unproblematisch: wird eine Domain in chinesischen Schriftzeichen registriert, sind bis zu sechs Millionen weitere Registrierungen im DNS-Hintergrund nötig, um alle Irrtümer auszuschliessen und die sprachlichen Besonderheiten zu berücksichtigen.
Problematisch, so die Vertreter der internationalen Domainszene, sei aber vor allem, dass zahlreiche Programme mit den IDNs immer noch nicht klarkommen würden. Michel Suignard von Microsoft sorgte für ein wenig Abhilfe, indem er zumindest kurz den neuen Internet Explorer 7.0 präsentierte, der nun auch mit IDNs umgehen kann.
Umlaute mit Zukunft
Trotz aller Probleme sagt die Branche den Sonderzeichen-Domains eine dauerhafte Zukunft voraus. Marcos Sanz Grosson vom deutschen Registrar DENIC betonte, dass IDNs keine "Eintagsfliege" seien. Auch VeriSign-Vertreter Pat Kane berichtete von grossem Interesse an IDNs: in den ersten sechs Monaten seit dem Anbieten von entsprechenden Registrierungen seien über eine Million Umlautdomains geordert worden.
Laut ICANN sind auch neue Top-Level-Domains im IDN-Stil möglich. Entscheiden müsse letztlich die Netzcommunity. Hagen Hultzsch von ICANN betonte, dass neue Top-Level-Domains für seine Organisation gar kein Problem seien: erstens habe man netzweit noch Platz für "mehrere hundert" TLDs und zweitens seien Regionsnamen, die deutlich zugeordnet werden könnten, unproblematisch.
Berlin, London, New York
Dirk Krischenowski von .berlin nahm ihn beim Wort und stellte sein Anliegen vor: .berlin sei für die "Berliner Community" in aller Welt. Sie sei eine neue Top-Level-Domain, die vor allem ideal für lokalisierte Services und auch ein Ersatz für ".de" sei - beispielsweise mache zoo.berlin einfach mehr Sinn für den Berliner Zoo als eine Hilfskonstruktion unterhalb von ".de". Krischenowski setzt auf die breite Unterstützung der Berliner Wirtschaft und der lokalen Szene, so dass die Zulassung bei ICANN bereits für Mitte 2007 erwartet werde. Das Potential für ca. 200.000 Registrierungen habe die Domain, so Krischenowski. Neben ".berlin" kümmern sich derzeit verschiedene lokale Initiativen unter anderen um ".london" und ".nyc".
Mobilfunk-Domain
Die erste gesponsorte Domain namens ".mobi" präsentierte Suzanne Flood von mTLD. ".mobi" sei das Synonym für die mobile Welt und werde von grossen Telekommunikations- und Mobilfunkfirmen getragen. Das mobile Netz stecke noch in den Kinderschuhen, so Flood, denn die Inhalte seien meist nicht gut genug, die Kostenfrage meist ungeklärt und die Angebote nicht für die mobile Nutzung zugeschnitten. ".mobi" solle dies ändern, stehe aber gleichzeitig undogmatisch für jedermann offen.
Marius Würzner, Geschäftsführer der Domainhandelsplattform Sedo, trug seine Erfahrungen mit dem Kauf und Verkauf von Domains bei. Danach verkauft Sedo hauptsächlich ".com"-Domains, von den "Neuen" TLDs hätten sich ".info" und ".biz" durchaus etabliert. ".museum" und ".coop" spielten hingegen für den Endkunden keine Rolle.
Alles ist möglich
Neue TLDs, so das Fazit der Profis, seien kein Problem. Weder aus Markt- noch aus Communityperspektive zeichneten sich Schwierigkeiten ab. Abgesehen von der Sinnhaftigkeit legten die Redner vor allem Wert auf den Erhalt des bottom-up-Prozesses bei der Einführung. Letztlich müsse eben - ganz im Sinne des demokratischen Internets - die Netzgemeinschaft entscheiden.

(Stephan Humer)

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