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Merkel im Google Hangout: Beim digitalen Kamingespräch

Abhängen mit der Kanzlerin? Angela Merkel führt mit sechs ausgewählten Bürgern auf der Google-Plattform einen Videochat. Sie greift auf eine Tradition zurück, die einst US-Präsident Roosevelt mit seinen Fireside Chats begründete - die Kamingespräche.

19.04.2013, 17:48 Uhr (Quelle: DPA)
Google© Google

US-Präsident Barack Obama, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der Dalai Lama und nun Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin trägt sich an diesem Freitag in die Liste der prominenten Gastgeber eines Videochats bei Google ein. Am sogenannten Google Hangout zum Thema Integration nehmen sechs ausgewählte Bürger teil. Für die Kanzlerin sind Medien-Experimente wie der Hangout keine Premiere.

Kanzlerin der Experimente

Immer wieder hat Merkel moderne Dialogformen ausprobiert. Schon 2006 startete sie einen wöchentlichen Video-Podcast, in dem sie in der Regel solo auftritt. Ihr Regierungssprecher Steffen Seibert twittert regelmäßig und hat schon fast 100.000 Follower. Und im vergangenen Jahr war Premiere einer "Tele-Townhall". Vorbild waren Diskussionsforen aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf. Damals stellte sich die CDU-Chefin einer Telefon-Fragestunde mit mehreren tausend Mitgliedern - live zu verfolgen im Netz.

Und jetzt Google Hangout. Das ist eine Videochat-Konferenz im Sozialen Netzwerk Google+, in die sich maximal zehn Teilnehmer einwählen können. Über die Funktion "Hangout On Air" kann der Chat von einem Massenpublikum auf YouTube und der Website der Regierung verfolgt werden. Zum Zuschauen wird kein Konto des Google-Netzwerks benötigt.

Vorbild: Roosevelt

Mit dem neuen Format greift die Kanzlerin erneut eine Tradition aus den USA auf: Von 1933 bis 1944 versuchte der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt in einer Serie von 30 "Fireside Chats" im Radio die Bevölkerung direkt und in einem sehr persönlich gehaltenen Ton anzusprechen. Diese Kamingespräche hatten keinen so staatstragenden Charakter wie große Ansprachen. Und im Gegensatz zu herkömmlichen Interviews konnte "FDR" seine Botschaften ohne störende Zwischenfragen von Journalisten im Plauderton verkünden.

US-Präsident Barack Obama knüpfte bei seinen Auftritten bei Google+ direkt an die Serie von Roosevelts Kamingesprächen an und nannte die Videochats "Fireside Hangout". Im Gegensatz zur Kanzlerin musste sich Obama keine Minute lang mit der Frage beschäftigen, ob der Auftritt bei Google nicht als ein (verbotener) Staatsfunk oder eine lizenzpflichtige Rundfunksendung zu betrachten ist.

Diese Frage hatte der Bonner Blogger Gunnar Sohn aufgeworfen, nachdem die Bundesregierung den Google Hangout angekündigt hatte. Doch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und die Direktoren der Landesmedienanstalten sahen keinen Handlungsbedarf. Bei diesen Formaten, die live ins Netz übertragen werden, handele es sich eher um Abrufdienste, ließ ZAK-Chef Jürgen Brautmeier den Blogger wissen, obwohl der Chat auch live übertragen wird.

"Kein Wahlkampf"

Unangenehme Fragen an die Kanzlerin waren bei dem Hangout angesichts der handverlesenen Teilnehmer kaum zu erwarten. Denn das digitale Kamingespräch dient auch der Vorbereitung auf den nächsten Integrationsgipfel, zu dem die Kanzlerin für den 28. Mai eingeladen hat. Deswegen seien sechs Menschen eingeladen worden, die sich für Integration einsetzten - als Sozialarbeiter, Lehrer, Unternehmer, Migrationsberater, Polizist oder Stipendiat der Deutschlandstiftung Integration, sagt Regierungssprecher Seibert.

Mit Wahlkampfstrategie habe der Google Hangout aber nichts zu tun, versichert er: Es sei "Pflicht der Politik, für (...) die Begegnung der Bürger auch in den neuen Medien offen zu sein". Dieser Austausch sei Teil der Arbeit als Kanzlerin, egal, ob in Stadthallen, bei Pressekonferenzen oder eben in sozialen Netzwerken. Die Rückkoppelung der politischen Arbeit mit den Menschen werde auch in den Medien oft verlangt - "und deswegen kann ich nicht sehen, warum das als Wahlkampf gilt".

(Christian Wolf)

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