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Medien-Experte: Stiftungsmodell könnte taumelnde Verlage retten

Die deutsche Verlagsbranche ist im Umbruch. Der Springer Verlag trennte sich von seinen Regionalzeitungen und setzt auf Digital-Abos. Medien-Experte Stephan Weichert erläutert im Interview mit der Nachrichtenagentur die Entwicklung der Branche und alternative Finanzierungsmöglichkeiten.

11.08.2013, 16:01 Uhr (Quelle: DPA)
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Die Verlagsbranche befindet sich auch in Deutschland in einer schwierigen Übergangsphase. Unlängst leitete die Axel Springer AG die Trennung von Regionalzeitungen ein und sieht die Entwicklung bei den Digital-Abos für das Verlags-Flaggschiff "Die Welt" als "sehr ermutigend" an. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa ordnet Medienexperte Stephan Weichert die Entwicklung bei Springer und der gesamten Medienbranche ein.

Wie bewerten Sie die ersten Zahlen zu dem Online-Bezahlmodell bei Axel Springer?

Weichert: Dass Springer mit der "Welt" 47.000 Digital-Abos absetzen konnte, ist sehr respektabel und erfreulich. Doch wenn man die Zahlen im Kontext der aktuellen Auflagenrückgänge betrachtet, ist dieser Erfolg doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine "schwarze Null" für die digitalen journalistischen Aktivitäten ist jedenfalls noch lange nicht in Sicht. Qualitätsjournalismus und die damit verbunden redaktionellen Aufwände werden noch immer größtenteils durch den Print-Bereich querfinanziert.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Weichert: Die "Welt" schreibt schon seit Jahrzehnten rote Zahlen. Und nun haben wir die Situation, dass der digitale Strukturwandel Vertriebs- und Werbeerlöse immer drastischer nach unten treibt. Vor diesem Hintergrund muss man auch sehen, dass defizitäre Medienmarken ausgelagert, verkauft oder abgewickelt werden. Deshalb müssen sich die Verleger auch mit alternativen Finanzierungsmodellen beschäftigen.

Wie können die aussehen?

Weichert: Ich finde Stiftungsmodelle überaus attraktiv. Bei solchen Modellen würden die journalistischen Angebote zwar keine Gewinne abwerfen, aber immerhin könnte man mit Hilfe der Steuerbefreiung langfristig dem Qualitätsjournalismus sichern helfen, denn Stiftungen sind für die Ewigkeit gemacht. Denkbar wäre natürlich auch, dass die Politik stärker als Förderer auftritt, ähnlich wie beim Film oder dem Theater.

Gefährdet eine Förderung durch die Politik nicht die journalistische Unabhängigkeit?

Weichert: Dieses Risiko muss man natürlich kennen, man kann es aber auch durch öffentlich-rechtlich organisierte Modelle oder Stiftungen eindämmen. Außerdem könnte die Politik bei der Talentförderung oder der Aus- und Weiterbildung eine stärkere Verantwortung spielen, ohne dass dadurch die Pressefreiheit in Gefahr ist.

Wie erfolgreich können Crowd-Funding-Modelle sein, in denen Leser die Recherchen in Einzelprojekten vorfinanzieren?

Weichert: In Deutschland spielt das bislang nur eine untergeordnete Rolle, da stehen wir noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. In den USA wurde dadurch aber schon eine Reihe von spannenden journalistischen Projekten möglich gemacht.

Wo stehen die regionalen Zeitungsverlage beim Übergang in die Medienwelt?

Weichert: Ich fürchte, dass für viele reine Regionalzeitungsverlage der Zug schon abgefahren ist, auch weil sie nicht über die Investitionsmittel eines Springer-Verlags verfügen und ihnen oft die Weitsicht fehlt. Es gibt aber auch erfreuliche Ausnahmen wie die Rhein-Zeitung in Koblenz. Die Regionalverlage haben den Vorteil, dass sie einen engeren Kontakt zu den Lesern und Nutzern pflegen. Gleichzeitig haben sie aber auch ein Markenproblem, weil sie über ihre Region hinaus meist nicht bekannt sind und bestimmte Zielgruppen, vor allem junge Leute, kaum erreichen können.

Zur Person: Stephan Weichert ist seit 2008 Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg und Gründungsherausgeber des medienkritischen Debattenportals VOCER.

(Jörg Schamberg)

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