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Lieber Herr Ricke, wo bleiben die Kampfpreise?

Von geträumten 40 Euro für ein Komplettpaket zu eher nüchternen 50 Euro - der Weg der Telekom mündet einmal mehr in Kritik an den Verantwortlichen.

01.09.2006, 00:00 Uhr
DSL-Anschluss© IKO / Fotolia.com

Erst vier Jahre ist es her, dass Ron Sommer den Chefsessel bei der Telekom räumen musste. Kai-Uwe Ricke droht nach den schwachen Ergebnissen im zweiten Quartal das gleiche Schicksal. Es sei denn, er kann alle davon überzeugen, dass der rosa Riese auf dem richtigen Weg ist: den Aufsichtsrat, die Großaktionäre - aber vor allem die Kunden. Denn die laufen dem Ex-Monopolisten in Scharen davon. Um das zu ändern, versucht es der 44-jährige Ricke mit neuen "Billigtarifen", die für viele Kunden keine sind.
Geträumte 40 Euro
Ein Pauschalangebot von 49,95 Euro für Telefon und unbegrenztes DSL-Surfen soll den Kundenschwund im Festnetz stoppen und Marktanteile bei DSL sichern. Vor nicht allzu langer Zeit war sogar von nur 40 Euro die Rede - wenn auch für Einsteiger. Doch unter einer Kampfansage an die Konkurrenz haben sich manche etwas anderes vorgestellt: Ricke ist weder der erste noch der billigste. Konkurrenten wie freenet und 1&1 liegen bereits mit ihren Komplettpaketen auf der Lauer, Arcor und HanseNet berechnen rund 45 Euro. Selbst wenn viele Provider derzeit noch keine eigenen Telefonanschlüsse anbieten und sich deshalb nicht von den Vorleistungen der Telekom lösen können, ist die Konkurrenz oft nicht nur schneller, sondern auch günstiger - das gilt insbesondere für lokale Anbieter.
Gefahr durch Mobilfunk
"Ich gestehe, dass wir mit der Intensität des Wettbewerbs in Deutschland (...) nicht gerechnet haben", musste Ricke kürzlich einräumen. Der Verlust von rund einer Million Kunden habe die Telekom überrascht. Nanu? Hatte der Vorstandsvorsitzende nicht schon im März vergangenen Jahres von den Gefahren des Ersatzes des Festnetzes insbesondere durch das Handy gesprochen? Die Branche stehe vor "gewaltigen Umbrüchen, bei denen kaum ein Stein auf dem anderen bleiben wird", sagte er im November mit Blick auf die Breitbandtechnologie. Hat Ricke seine eigenen Warnungen nicht ernst genommen? "Die Telekom bietet derzeit weder den günstigsten Preis noch den besten Service", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Kunden hätten keinen Grund zu bleiben. Gerade das Festnetz sei viel zu teuer, moniert Sal. Oppenheim-Analyst Frank Rothauge. Zumal es kaum Qualitätsunterschiede gebe, sagt Kurz: "Mit DSL etwa ist es wie beim Strom: Die Qualität des Produktes ist immer gleich, egal, von wem ich es beziehe." Zudem habe sich die Telekom wie die Bahn "in einen Preis- und Sonder- und Irgendwas-Rabatt-Dschungel verstrickt".
Pakete in der Kritik
Dabei weiß Festnetz-Chef Walter Raizner doch genau, was seine Kunden wollen: "Sorglos-Pakete für die gesamte Festnetzkommunikation - einfach, transparent und nachvollziehbar." Breitband soll natürlich auch dabei sein, wie er selbst mehrmals betonte. Aber Herr Raizner, wie kommt man bitte auf die Idee, einen DSL-2000-Anschluss mit einer vorsteinzeitlichen Volumenrate inklusive eher zu belächelnder 500 Megabyte Transfervolumen zu kombinieren? Der Overtraffic-Preis von 1,59 Cent pro MB ist auch nicht mehr ganz so zeitgemäß. Es gibt zwar auch Wenigsurfer - die brauchen aber in den seltensten Fällen DSL 2000. Wer eine DSL- und Telefon-Flat will, zahlt 15 Euro mehr. Und dann ist da auch noch die obligatorische Mindestlaufzeit von zwölf Monaten für die Pakete...
Unfaire Preise?
Eigene DSL-Pakete für DSL 6000 wurden nicht vorgestellt. Wer ein richtig schnelles Paket mit Doppelflat für Telefonie und Internet möchte, muss also mit DSL 16000 Vorlieb nehmen. Dieses Angebot ist mit 59,95 Euro preislich noch akzeptabel und verspricht die größte Einsparung gegenüber der Einzelbuchung der enthaltenen Komponenten. Nach wie vor gibt es aber viele Regionen Deutschlands, in denen dieser Anschluss technisch nicht verfügbar ist. Macht ja nichts: Wie wir es bereits von DSL Light her kennen, sind DSL 6000 und 3000 als Rückfalloptionen gedacht. Der DSL-3000-Nutzer wird für das Paket also genauso viel zahlen wie der ADSL2(+)-Kunde mit 16 Mbit/s. Nachvollziehbar ist dies nicht. Hier hat die Telekom wohl vergessen, dass es genügend ländliche Regionen und mit ECI-Technik ausgestattete Vermittlungsstellen gibt, in denen noch kein ADSL2(+) geschaltet werden kann. Vielleicht ist da aber auch ein wenig Berechnung mit im Spiel. Mit dieser verhaltenen Preisoffensive lässt der rosa Riese den Konkurrenten zu viel Spielraum, die nun noch einen draufsetzen könnten. Für die träge Telekom wäre das fatal, ist doch allgemein bekannt, dass der Konzern lange nicht so schnell auf den Markt reagiert, wie dies andere Anbieter tun. Vielleicht kann VDSL etwas bewegen? Das ist allerdings zweifelhaft, zumal jetzt endgültig feststeht, dass es VDSL mit 25 MBit/s nicht unter 80 Euro und vorerst auch nicht ohne IPTV-Paket als reinen Surfanschluss geben wird. Paradox dabei ist, dass ein T-Net-Anschluss Pflicht ist, die Telefon-Flatrate aber über VoIP realisiert werden soll.
Ricke: Telekom wird kein Billigheimer
Zwar versprechen die neuen T-Com-Pakete eine Preissenkung von bis zu 30 Prozent, zum Billigheimer wird die Telekom dennoch nicht, stellt Ricke klar: "Wir werden den Kampf um Marktanteile nicht über den Preis gewinnen." Das dürfte dem Jungmanager - der einst als Geschäftsführer beim Konkurrenten Talkline der Telekom das Leben erschwerte - schon wegen der Altlasten kaum gelingen. Zwar hat Ricke seit seinem Amtsantritt im November 2002 den Milliardenverlust in einen Gewinn verwandelt, den Schuldenberg, den er als Ex-Chef von T-Mobile mit angehäuft hatte, geschrumpft und den Aktionären wieder eine Dividende beschert. Doch nach den jüngsten Einbrüchen wird klar, dass ein Tanker in einem Markt voller Schnellboote den Gang nicht rausnehmen darf.
Die Telekom und der Service
Wenn die Telekom schon nicht mit Billigpreisen punkten kann, bleibt nur der Service. "Das ist ihre einzige Chance", sagt Kurz von der DSW. Doch da liegt der rosa Riese - trotz bester Voraussetzungen - nicht gerade vorne. Das würden wahrscheinlich auch viele Kunden bestätigen, die sich tagtäglich mit der Hotline auseinadersetzen. Von Rickes Ziel, im Service die Nummer eins zu werden, ist inzwischen auch keine Rede mehr.
"Ricke muss aufpassen, dass er nicht zum Ankündigungsminister verkommt", so Kurz. "Sonst fängt sein Stuhl tatsächlich an zu wackeln." Rickes Vertrag läuft regulär im Herbst 2007 aus. Medienberichten zufolge gibt es jedoch Unmut im Aufsichtsrat. Freitag und Samstag soll er dem Gremium erklären, wie die Telekom wieder auf Kurs kommt. Davon hängt auch sein eigenes Schicksal ab.

(Tobias Capangil)

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