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Kolumne: Der Märchenonkel an der Haustür

Wann waren Sie zuletzt für einen längeren Zeitraum von morgens bis abends zuhause? Wenn Sie erleben möchten, auf wie unfassbar nervige und penetrante Weise als Anzugträger Verkleidete versuchen, Sie in den Wahnsinn zu treiben, öffnen Sie einfach Ihre Tür.

14.05.2011, 13:01 Uhr
Internet© Victoria / Fotolia.com

Eklige Spam-Mails, Banner, bei denen das Schließen-Symbol besser versteckt ist als Waldo und Werbeanzeigen, die uns durch plötzlich aus den Monitorlautsprechern dröhnende Musik dazu zwingen, alle 50 Browser-Tabs in Windeseile durchzuklicken, um einfach nur wieder Ruhe zu haben, nerven uns alle. Wer aber den ganzen Tag überall - nur nicht zuhause - ist, übersieht unbewusst, auf wie unfassbar nervige und penetrante Weise die Welt da draußen auch über Telefon und Haustür versucht, uns in den Wahnsinn zu treiben. Ist man krank, am renovieren, urlaubsbedingt oder warum auch immer den ganzen Tag daheim, wird man schockierend deutlich daran erinnert.

Sekten, Zeitschriften, DSL-Verträge

Vormittags läutet es hier und klingelt es da. Und immer will einem jemand etwas andrehen. Manchmal eine Glaubensgemeinschaft (die kommen wenigstens gleich zum Punkt: "Ich möchte mit Ihnen über Gott reden"), manchmal eine Mitgliedschaft in einem Spendenverein ("Sie wollen mir jetzt kein Geld geben? Ich hoffe, wenn Sie mal Hilfe brauchen, hilft Ihnen keiner". Oh danke, mit solchen Drohungen klappt es bestimmt...), seltener ein paar Zeitschriftenabos (was ich da erlebte, passt einfach nicht in eine Klammer, sondern verdient seine eigene Geschichte oder aber eine Gedächtnislöschpille), am liebsten aber einen DSL-Vertrag oder ein Kabel-Komplettpaket. Und da scheint der Erfindergeist der Klingelnden dann so richtig durch. Irgendwann haben Sie im Fernsehen bestimmt diese Experimente gesehen, in denen Passanten alle Ausweisdokumente und persönlichen Infos, ja sogar die Bankdaten, ohne nachzudenken herausgeben, nur weil jemand eine Uniform trägt oder mit einem Wisch wedelt, der ein Ausweis sein könnte. Auch die Haustür-Nervensägen versuchen mit einer Verkleidung (Anzug und Krawatte) oder gezielt platzierten Merchandising-Produkten – wie Telekom-Schlüsselanhängern – eine offizielle Figur zu machen, während sie übertreiben oder schlichtweg lügen.

Zuschlagen - die Haustür, nicht bei den Angeboten

Oder wussten Sie schon, dass Ihr Telekommunikationsanbieter den ganzen Block ins Gigabit-Zeitalter geschickt hat? Offenbar in einer Nacht-und-Nebelaktion, denn aufgerissene Straßen blieben aus. Zwar ist der Glasfaserausbau in Deutschland noch alles andere als flächendeckend, Sie haben aber das Glück, dass der Herr vor der Tür nur noch kurz den Anschluss checken und dazu eine Ihrer Telefonrechnungen sehen muss. Wow, das nenne ich Service.

Falls Sie doch noch auf die Presslufthammer warten müssen, ist das kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Wussten Sie schon, dass die Internet-Anschlüsse der Zukunft in ihrer Straße derart begrenzt sein werden, dass sie sich am besten gestern schonmal einen Platz sichern? Ihr Nachbar von gegenüber und auch alle (!) Parteien aus dem Haus nebenan (ja, auch die 89-jährige, schwerhörige Dame ohne Telefon konnte wohl nicht widerstehen) haben diese einmalige Chance nämlich bereits am Schopf gepackt und wenn Sie das jetzt nicht auch tun, könnte es für immer zu spät sein. Dann ist schnelles Internet in Ihrer Straße weg, ausverkauft, vergriffen. Dann müssen Sie sich nicht wundern, wenn Frau Schulte Sie unten beim Zusammentreffen am Hausmülleimer nicht mehr grüßt, sondern nur noch von oben herab ansieht und murmelt, dass Sie bloß nicht zu fragen brauchen, ob sie bei ihr mal browsen dürfen.

Auch bei der Aufklärung von Missständen sind die herumstreifenden Herren (wieso sind es eigentlich nie Frauen?) behilflich. Oder wussten Sie schon, dass Ihr jetziger 16.000-Anschluss kaum 2 Megabit pro Sekunde schafft, obwohl der Online-Speedtest knapp 15 Megabit anzeigt und auch ihre Downloads entsprechend schnell fertig sind? Sie sehen es schwarz auf weiß, dass Ihr Anschluss die versprochene Geschwindigkeit erreicht? Wirklich? Alles Illusion! Der Mann, angeblich im Auftrag eines Kabelanbieters, weiß es besser. Auch dann noch, wenn Sie ihm mit Nachdruck ins Gesicht sagen, dass Sie wissen, dass er schwindelt. Ob er einen Leitungsprüfer per Chip im Zeigefinger implantiert hat, ist wohl überflüssig zu fragen (oder bekommt man so einen bei der Schulung?). Er weiß es einfach. Es steht ja mit Kuli auf seinem Zettel: 2.000. Wenn das mal kein Beweis ist.

Das alles wussten Sie nicht? Tja, machen Sie einfach mal die Tür auf, wenn es klingelt. Oder lieber nicht. Wobei: Jetzt könnte es auch jemand vom Zensus 2011 sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

(Saskia Brintrup)

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