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Kettenbriefe: Rührseliger Spam im Briefkasten

Elektronischen Spam kriegt man mit Software in den Griff. Leider hat der Briefkasten an der Haustür keinen Spamfilter. Der Kettenbrief kommt wieder.

01.05.2006, 09:01 Uhr
Internetnutzung© adam36 / Fotolia.com

Was findet man nicht alles in seinem Posteingang: Von potenzsteigernden Pillen, über Super-Sonderpreise und Warnungen vor angeblichen Viren bis hin zu Phishing-Versuchen tummelt sich eine Menge Mail im Postfach, die nicht ganz koscher ist. Besonders beliebt ist auch die Variante Kettenbrief mit rührseliger Geschichte. Sie schummelt sich schon mal gekonnt am Spam-Filter des E-Mail-Programms vorbei und kommt einfach per Post. Auch der Redaktion flatterte jüngst ein großer Umschlag ins Haus, tränenträchtiges Kinderschicksal inklusive.
Eine unwahre Geschichte
In dem seit etwa sechs Jahren kursierenden Kettenbrief geht es um den Wunsch eines krebskranken Jungen, der angeblich im Landeskrankenhaus Tulln (Niederösterreich) liegt. Der 7-Jährige wünsche sich, durch die vielen Briefe ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen zu werden. Wie üblich bei Kettenbriefen soll die gesamte Zettelwirtschaft, die getackert beiliegt, kopiert und an zehn weitere Adressen geschickt werden.
Leider ist daran kein Wort wahr, dem ungenannten Dreikäsehoch kann nicht geholfen werden. Denn wie das Krankenhaus bestätigt, gibt es den Patienten gar nicht, und es hat ihn auch nie gegeben. Trotzdem schlägt sich die Landesklinik Tulln seit sechs Jahren mit Bergen von Post herum. "Wir bekommen bis zu 100 Briefe pro Tag", sagt eine Mitarbeiterin des Krankenhauses. Das Öffnen der Post dauere dadurch fast eine Stunde länger als in der Zeit vor der Spam-Flut.
Briefwelle rollt an
Um die Briefwelle zu stoppen, versucht das Krankenhaus, potenzielle Briefschreiber zum Beispiel mit entsprechenden Zeitungsartikeln aufzuklären. Bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Die Aktion zieht immer weitere Kreise, mittlerweile ist der Brief auch im Ausland angekommen. Wie die Mitarbeiterin der Klinik berichtet, meinen es einige Briefeschreiber besonders gut. Sie leiten den Kettenbrief nicht nur an zehn, sondern gleich an bis zu 100 Kontakte weiter.
Wer kann schon einem krebskranken Kind den sehnlichsten Wunsch abschlagen? Offenbar gelingt es nicht allen, mit tränenverschleiertem Blick die schnöde Wahrheit zu erkennen: Bei dem Kettenbrief handelt es sich um einen Hoax (Scherz, Falschmeldung), der auch bei den Spam- und Betrugsexperten der TU Berlin schon längst aktenkundig geworden ist.
Das hält die Mitarbeiter in zahlreichen Firmen und Behörden nicht davon ab, weiter fleißig zu kopieren, Adressen herauszusuchen, die Briefe zu frankieren und zu verschicken. "Wir wollten etwas Nettes tun", sagt die Mitarbeiterin eines Unternehmens, das sich ebenfalls an der Kette beteiligt hat. "Unsere Firma engagiert sich auch sonst in sozialen Bereichen, zum Beispiel Jugendarbeit". Obwohl sie die Geschichte des kleinen Patienten bereits seit Jahren kennt, hat sie nicht weiter darüber nachgedacht - und den Brief an 10 Adressen weiter geleitet.
Weite Kreise
Auch Mario Kamp, Verkaufsleiter eines Realkauf Möbelhauses, zweifelte nicht an der Echtheit der Story. Ein ihm vertrauter Verbandskollege habe ihm die Bitte des Jungen weitergeleitet. Den Kettenbrief fortzuführen sei nur ein kleiner Aufwand, mit dem man jemandem eine große Freude bereiten könne. Kamp ist nicht allein. Auch Mitarbeiter namhafter Einrichtungen wie das ZDF und das Bunderverfassungsgericht sind nach Medienberichten bereits auf den Kettenbrief hereingefallen.
Doch mit einem Eintrag im Guinness-Buch wird es so schnell nichts werden. Die Redaktion des Rekord-Werkes akzeptiert derartige Rekorde seit dem Fall Craig Shergold im Jahr 1989 nicht mehr. Der damals 9-jährige Engländer litt unter einem Gehirntumor und wollte mit der größten Grußkarten-Sammlung ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. Die Eltern des schwer kranken Jungen starteten einen Kettenbrief, der in Variationen noch bis heute existiert und inzwischen auch durchs Internet geistert.
250 Millionen Briefe
Anders als unser fiktiver Junge ist Craig echt. Und er bekam seinen Eintrag: Innerhalb eines Jahres erhielt er etwa 16 Millionen Postkarten. Doch auch nach dem erfolgreichen Eintrag verebbte die Postkartenflut nicht. Zwei Jahre später und mit einer Sammlung von mittlerweile 50 Millionen Karten bekam der Junge Hilfe. Der amerikanische Millionär John Kluge entdeckte den inzwischen berühmt gewordenen Jungen, finanzierte ihm eine Operation und Craig Shergold wurde geheilt.
Doch die Postkarten kommen weiter. 1997 überschritt Craigs Sammlung die 250-Millionen-Grenze. Weder ein Umzug noch eine eigene Postleitzahl konnten die Kettenreaktion unterbrechen. Immer noch gehen täglich hunderte Briefe auch an die Childrens Wish Foundation in Atlanta (USA), wo sie in einem Recyclingbetrieb landen. Das ist auch der Weg, den unser Kettenbrief gehen sollte: Direkt ins Altpapier. Das spart Porto, und dem Krankenhaus Tulln eine Menge Arbeit. Craig Shergold weiß, was auf die österreichische Klinik zurollt: Noch immer kriegt er täglich tausende Briefe.

(Saskia Brintrup)

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