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Kampf gegen den Elektroschrott

Die Anzahl ausgemusterter Elektronikgeräte und der dadurch anfallende Elektroschrott nehmen weltweit massiv zu. Was aber passiert mit den Millionen Tonnen Elektro-Müll?

18.11.2006, 14:01 Uhr
Datenübertragung© envfx / Fotolia.com

Im vergangenen September hat die Umweltorganisation Greenpeace eine Aufsehen erregende Internet-Kampagne gegen Apple gestartet. Auf einer nachgestellten Apple-Website lobt Greenpeace Apple einerseits für seine einzigartigen Produktideen, weist andererseits aber auf gefährliche Giftstoffe in Apple-Geräten hin. Die Umweltschützer fordern den Umstieg auf umweltfreundlichere Materialien und ein besseres, weltweites Rücknahme-System für ausgediente Apple-Produkte.
Höfliche Aufforderung
Dabei soll die Kampagne nach Aussage von Greenpeace-Kampagnenleiterin Zeina Alhajj keinesfalls als Drohung oder Boykott-Aufforderung an Apple verstanden werden. "Apple ist unbestritten der Trendsetter in der elektronischen Welt, gerade was innovative Konzepte und sauberes Design betrifft", erklärte Alhajj gegenüber der Nachrichtenagentur pte. Umso wichtiger sei es daher, das Unternehmen und seine Kunden davon zu überzeugen, dass giftige Stoffe wie PVC und bromierte Flammschutzmittel (BFR) in den Geräten nichts verloren hätten.
Und tatsächlich erscheint es auch bei Betrachten der nachgestellten Apple-Website eher so, als versuche Greenpeace Apple mit viel Freundlichkeit und Lob von einer umweltfreundlicheren Produktion zu überzeugen und das Unternehmen beim Vorgehen gegen weitere Elektronik-Konzerne auf seine Seite bringen zu wollen. Denn im Visier von Greenpeace stehen neben Apple noch zahlreiche andere Hersteller. Bereits Ende August veröffentlichten die Umweltschützer mit dem "Green Electronic Guide" ein Umwelt-Ranking, in dem insgesamt 14 große Elektronikkonzerne gelistet sind.
Greenpeace-Ranking
Auf einer Punkteskala von eins bis zehn schneidet Apple bei dem Ranking mit nur 2,7 ab. Noch schlechter werden Acer (2,3 Punkte) und Motorola (1,7 Punkte) gewertet. Das Schlusslicht bildet Notebookhersteller Lenovo mit nur 1,3 Punkten. Nokia und Dell führen die Liste mit sieben Punkten an, haben nach Angaben von Greenpeace aber dennoch genügend Raum für Verbesserungen.


Bildquelle: Greenpeace

In die Wertung fließen neben der Prüfung von Materialien auf ihre Giftigkeit auch Strategien der Konzerne für Rücknahmen und Recycling ein. "Dabei beurteilen wir allerdings nicht, was die Unternehmen sagen oder ankündigen, sondern was sie tatsächlich in die Tat umsetzen", erklärte Toxikologe Martin Besieux von Greenpeace International gegenüber pte. So teilt Greenpeace für gemachte, aber nicht erfüllte Ankündigungen auch Strafpunkte aus. Das Ranking, an dem Toxikologen und Chemieexperten mitwirken, will Greenpeace künftig alle drei Monate erneuern.
Inzwischen hat Apple zu den Vorwürfen von Greenpeace Stellung genommen und das Ranking kritisiert: "Das Rating von Greenpeace sowie die Kriterien, die dafür berücksichtigt wurden, können wir nicht nachvollziehen", so Apple-Eurosprecher Alan Hely gegenüber pte.
Vorwürfe zurückgewiesen
"Apple hat eine starke Umwelttradition und war industrieführend, was das Eindämmen und den Verzicht auf giftige Substanzen wie Quecksilber, Cadmium, sechswertige Chromverbindungen und eine Reihe von bromierten Flammschutzmitteln (BFR) betrifft", erklärte Hely weiter und verwies auf zahlreiche Umweltaktivitäten seines Unternehmens. Des Weiteren habe man bleihaltige CRT-Monitore bereits komplett aus dem Produktangebot gestrichen.
Greenpeace: "Mehr tun, als vorgeschrieben"
"Der Verzicht auf Quecksilber und Cadmium ist in der EU gesetzlich vorgeschrieben. Apple setzt hier gerade einmal die Anforderungen durch, die notwendig sind, um Produkte in Europa weiterhin zu verkaufen", konterte wiederum Greenpeace-Kampagnenleiterin Zeina Alhajj unbeeindruckt gegenüber pte. "Wir können die Industrie zu nichts zwingen. Natürlich ist es uns aber ein Anliegen, dass Apple und andere Hersteller mehr tun, als es die gesetzlichen Minimalanforderungen vorschreiben", erklärte sie weiterhin.
Im EPEAT-Ranking der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA schneiden Apples Produkte im direkten Vergleich mit Produkten anderer Elektronik-Konzerne durchaus positiv ab und belegen überwiegend vordere Plätze. Greenpeace betont jedoch, dem Ranking könne aufgrund der lockeren Umweltbestimmungen in den USA nicht allzu viel Bedeutung geschenkt werden.
Doch wie sieht es eigentlich mit den rechtlichen Bestimmungen für die Produktion von Elektronikgeräten aus? In Europa gelten seit Januar 2003 die so genannte WEEE- und die RoHS-Richtlinie, die zum Ziel haben, Elektronikschrott schon zu Beginn der Herstellung von Elektrogeräten zu vermeiden und zu verringern. Zudem bringen die Gesetze Elektronik-Hersteller in eine höhere Verantwortung beim Recycling.
Rechtliche Einschränkungen…
Bis August vergangenen Jahres mussten die EU-Mitgliedsstaaten die Richtlinien in nationale Gesetze umwandeln – in Deutschland gilt seit März vergangenen Jahres das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG). Darin verankert sind die Richtlinien von WEEE und RoHS. Verboten ist demnach seit vergangenem Juli der Einsatz von Blei, Quecksilber, Cadmium, Polybromierte Biphenyle (PBB), Polybromierte Diphenylether (PBDE) und Chrom-VI-Verbindungen in Elektrogeräten.
Zudem müssen Hersteller bestimmte Wiederverwertungs- und Recycling-Quoten einhalten. Der Gesetzesgeber will damit erreichen, dass in Deutschland aus privaten Haushalten jedes Jahr mindestens vier Kilogramm Elektronikschrott pro Einwohner eingesammelt und ökologisch verwertet werden.

Bildquelle: Greenpeace

...aber nicht in den USA
In den USA ist die Gesetzeslage hinsichtlich der Umweltrichtlinien weitaus lockerer gestrickt. So gibt es dort etwa kein einheitliches Gesetz, das bestimmte Schadstoffe verbietet. Dennoch beginnen sich inzwischen einzelne Bundesstaaten mit dem Thema Elektroschrott auseinander zu setzen. Mehr gezwungenermaßen, da ohne Einhaltung bestimmter Richtlinien der für viele Unternehmen so wichtige Export nach Europa nicht erlaubt würde – von europäischer Seite aus. Schwer in die Kritik geraten sind Ende vergangenen Jahres insbesondere die USA aufgrund eines umfassenden Berichtes der in Seattle ansässigen Umweltschutzgruppe "Basel Action Network", kurz BAN. Darin wird den USA vorgeworfen, Länder der dritten Welt als "Müllkippe" für ihren Elektronikschrott zu missbrauchen.
75 Prozent giftiger Müll
In den USA gibt es zahlreiche Entsorgungs- und Wohltätigkeitseinrichtungen, die ausgemusterte Elektronikgeräte kostenlos von Haushalten annehmen und sie als Hilfsspenden in Entwicklungsländer schicken. Dort sollen die Geräte etwa in Schulen, Kleinunternehmen und auch Privat-Haushalten zu Lehr- und Arbeitszwecken weiter verwendet werden.
Dazu kommt es nach Angaben des BAN aber nur in den seltensten Fällen, denn 75 Prozent der Elektronikgeräte sind nicht mehr funktionsfähig und enden in den Dritte-Welt-Ländern auf inzwischen riesigen und vor allem hochgiftigen Müllhalden. Die USA prüfen die Geräte vor dem Export nämlich nicht auf Verwendungsfähigkeit, sonst müsste man womöglich drei Viertel der Elektroteile im eigenen Land behalten. Exportiert wird der Elektroschrott überwiegend nach China, Indien, Pakistan und Afrika. Und die dort rasant wachsenden Müllkippen bedrohen Mensch und Umwelt.
Giftiger Lebensraum
Eine Anlaufstelle der mit Elektroschrott beladenen US-Schiffe ist etwa der Hafen Nanhai in China. Um den Hafen herum haben sich einige Dörfer inzwischen darauf spezialisiert, den ankommenden Elektroschrott bestmöglich zu verarbeiten und einzelne Bestandteile zu verkaufen. Die Menschen arbeiten auf den schwer bleihaltigen Müllkippen zumeist ohne Schutzmasken. Sie verbrennen offen Platinen, um Silber- oder Goldreste zu extrahieren, zerstören Monitore, um das Display-Glas zu sammeln und schmelzen Drähte und Kabel ein, um daraus Kupfer zu gewinnen. Die erhaltenen Stoffe werden dann weiter verkauft, woran die Menschen in den Dörfern verdienen.
Die Umweltschäden sind jedoch enorm. So haben unter anderem Grundwasserproben in den betroffenen Gebieten ergeben, dass das Wasser eine 190-mal so hohe Schwermetallkonzentration aufweist wie von der Weltgesundheitsbehörde erlaubt. Für Mensch und Umwelt ist das Wasser schlichtweg giftig. Deshalb bringen täglich LKWs aus einem rund 50 Kilometer entfernten Brunnen sauberes Grundwasser in die Dörfer.

(Filip Vojtech)

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