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IT-Branche: Spezialist gesucht - Autist gefunden

Sie sind detailverliebt, supergenau und teilweise hochspezialisiert - die perfekten Fehlersucher. Trotzdem finden viele Menschen mit autistischer Störung auf dem normalen Arbeitsmarkt keinen Job.

22.05.2013, 08:05 Uhr (Quelle: DPA)
Arbeitsplatz© Brad / Fotolia.com

Als sein 14-Jähriger Sohn Probleme in der Schule bekam, wurde Dirk Müller-Remus aufmerksam. Der Junge hatte Schwierigkeiten, sich zu organisieren, war aber im musischen Bereich hochbegabt. "Es kann doch nicht sein, dass so begabte Menschen in der Arbeitslosigkeit landen", sagt Müller-Remus. Das brachte ihn auf die Idee, sein Unternehmen zu gründen.

Nur 6 Prozent fassen im Arbeitsmarkt Fuß

Seit 2012 beschäftigt er mit seiner Firma Auticon Autisten, die für IT-Firmen wie den Mobilfunkanbieter Vodafone im Einsatz sind. Bis Ende des Jahres will er von 28 Mitarbeitern 20 Autisten beschäftigen und Gewinn machen.

Autisten kennzeichnen sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz sind häufig anders ausgeprägt als bei Nicht-Autisten. Aufgrund ihrer auffällig introvertierten Natur fällt ihnen die Integration in den erste Arbeitsmarkt oft schwer.

Müller-Remus steht daher beispielhaft für die Förderung von Autisten, die bei der Jobsuche nach wie vor oft auf die Initiative von Angehörigen angewiesen sind. Denn noch herrscht über diese Gruppe das Bild des verschlossenen Behinderten vor.

Fünf bis sechs Prozent der Autisten fassen Untersuchungen zufolge auf dem Arbeitsmarkt Fuß. In der Gruppe mit dem Asperger-Syndrom, einer milderen Form des Autismus, liegt der Anteil bei 20 Prozent. "Mit entsprechender Förderung könnte die Zahl dreimal so hoch sein", so Matthias Dalferth, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg.

SAP entdeckt Talente

Als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus ist er überzeugt, dass die Betroffenen für alle möglichen Berufe geeignet sind. Bibliotheken und Archive seien ebenso denkbar wie Berufe in der Qualitätskontrolle.

Dass Großkonzerne sich des Themas annehmen, ist allerdings noch selten, sagt Bundesverbands-Fachreferent Friedrich Nolte. Das könnte sich nun ändern. Der Softwarekonzern SAP hat gerade eine neue Initiative gestartet. Bis 2020 sollen ein Prozent der zuletzt rund 65.000 Mitarbeiter von SAP Autisten sein. "Für Deutschland ist das bemerkenswert", sagt Nolte. Er wisse sonst von keinem Großunternehmen, das sich in dieser Form um diese Gruppe bemühe.

Die Walldorfer arbeiten mit Specialisterne zusammen, einer dänischen Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Million Autisten, die intellektuell nicht eingeschränkt sind, ins Arbeitsleben zu bringen. Auch Gründer Thorkil Sonne hat einen autistischen Sohn. Seit neun Jahren arbeitet er mit Firmen zusammen, um Jobs für Autisten zu schaffen. Doch SAP ist der erste global aufgestellte Konzern.

Manche sprechen bis zu sechs Sprachen

"Der IT-Bereich ist ein großes Arbeitsgebiet für Autisten", sagt Friedrich Nolte. Detailgenauigkeit, Akribie, ein hervorragendes Gedächtnis und eine besondere Art logisch zu Denken seien häufige Eigenschaften dieser Personengruppe. Was im normalen Umgang aus der Reihe fällt, ist das perfekte Profil, um Software oder technische Geräte zu testen.

Wichtig sei, dass man den Menschen ein Umfeld biete, in dem sie ihre Stärken ausspielen können, sagt Firmengründer Müller-Remus. Der Rekrutierungsprozess sei aufwändig, dafür gewinne er qualifizierte Mitarbeiter, die manchmal bis zu sechs Sprachen sprechen.

Die Erfahrung machte man auch bei SAP. Der Softwarekonzern setzte 2011 zum ersten Mal Autisten in Entwicklungslabor in Bangalore ein - und stellte fest, dass die Produktivität stieg. Im vergangenen Jahr startete SAP ein Pilotprojekt in Irland. Nun will SAP Menschen mit der Erkrankung noch in acht weiteren Ländern fördern.

Klare Strukturen und Vorgaben erwünscht

Der Einsatz von Autisten in Unternehmen brauche bestimmte Voraussetzung, erklärt Dalferth. "Sie brauchen eine genaue Tagesstruktur, klare Abläufe und sprachliche Vorgaben." Manche Autisten reagieren zum Beispiel sensibel auf eine laute Geräuschkulisse. Auf soche Dinge müssen die Firmen vorbereitet sein.

Dafür sollen Job-Coaches sorgen, die zwischen den Betrieben und den erkrankten Menschen vermitteln und die Arbeitsplätze richtig einrichten. SAP will Mitarbeiter in den entsprechenden Abteilungen ausbilden, die sich um die Autisten kümmern sollen.

Ein großes Defizit ist die soziale Interaktion: "Sie verstehen keine implizite Kommunikation", sagt Nolte. Frage ein Vorgesetzter einen Autisten, der zu spät komme, ob er gut geschlafen habe, werde der wahrheitsgemäß antworten. Aber das kann auch von Vorteil sein: "Autisten kennen keinen Sarkasmus", sagt Anka Wittenberg, bei SAP für Vielfalt und Integration zuständig. "Sie sagen immer die Wahrheit."

(Dorothee Monreal)

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  • aha ! Zuletzt kommentiert von Wuschel am 22.05.2013 um 20:51 Uhr
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