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Internetfirma löst weltweite Börsenturbulenzen aus

Panik an der Tokioter Börse führt zu weltweiten Abwärtssog. Erstmals wurde der Handel in Tokio vorzeitig ausgesetzt.

18.01.2006, 13:49 Uhr
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Die Betrugsaffäre bei einer japanischen Internet-Firma hat die Anleger an der Tokioter Börse heute in Panik versetzt und einen weltweiten Abwärtssog ausgelöst.
Um bei der Flut von Verkaufsorders einen System-Zusammenbruch zu verhindern, beendete die zweitgrößte Börse der Welt erstmals in ihrer 57-jährigen Geschichte vorzeitig den Handel. 20 Minuten vor dem normalen Börsenschluss wurden alle Transaktionen ausgesetzt. Der Nikkei-Index stürzte zwischenzeitlich um mehr als fünf Prozent ab. In Kombination mit steigenden Ölpreisen und enttäuschenden Unternehmenszahlen in den USA führte der Kurssturz weltweit zu Abschlägen. Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi versuchte die Märkte zu beruhigen und sprach von einer "vorübergehenden" Krise.
Der Deutsche Aktienindex (DAX) verlor 1,56 Prozent und notierte gegen 13.00 Uhr bei 5.375 Punkten. Alle 30 Werte lagen im Minus. Größte Verlierer waren neben der Allianz auch SAP, Infineon und wegen der erneut anziehenden Ölpreise auch die Lufthansa. In Paris gab der Leitindex CAC 40 bis zum späten Vormittag um 1,1 Prozent auf 4.755 Punkte nach. "Zahlreiche Wolken ziehen sich über den Märkten zusammen", kommentierte das Finanzhaus B-Capital und verwies neben dem Skandal in Japan auch auf die politischen Spannungen um die Atompläne Irans.
Verlierer oder Gewinner?
Hintergrund für die Verluste in Tokio waren japanische Zeitungsberichte über mögliche Kursmanipulation und Bilanzfälschung bei der bekannten japanischen Internet-Firma Livedoor. Deren schillernder Gründer, der 33-jährige Takafumi Horie, habe die Bücher frisiert und statt eines Verlustes für 2004 einen Millionengewinn ausgewiesen, hieß es in der Presse. Bereits am Dienstag habe die Staatsanwaltschaft bei einer Razzia die Geschäftsräume der Internet-Firma durchsucht. Die Livedoor-Aktien waren am Mittwoch zunächst vom Handel suspendiert, wurden jedoch wieder zugelassen, nachdem das Unternehmen einer Untersuchung der Vorwürfe zugestimmt hatte. Börsenchef Taizo Nishimuro drohte, Livedoor von der Börse auszuschließen, sollte das Unternehmen nicht alle nötigen Informationen herausgeben. Zudem sorgte der steigende Ölpreis an der Tokioter Börse für eine Flut von Verkaufsaufträgen.
Börsen-Computer überlastet
Mit rund vier Millionen Orders brachten die Investoren das System an den Rand des Kollaps. Der Vorfall nährt Rufe nach einer Generalüberholung des anfälligen Computersystems. Nach einer Pannenserie musste Ende Dezember bereits der Tokioter Börsenchef zurückgetreten. Im November war es zu einem folgenreichen Systemcrash gekommen, der umgerechnet rund 280 Millionen Euro vernichtete und zu chaotischen Szenen auf dem Parkett führte. Vor wenigen Tagen kam es dann bereits zum dritten Mal zu einer folgenschweren Computerpanne, bei der umgerechnet 2,2 Millionen Euro verloren gingen, weil es einem Händler nicht gelang, eine Fehlbuchung rückgängig zu machen. Die Börse will nun ab Donnerstag bis auf weiteres den Handel um 30 Minuten verkürzen. Die Mittagspause soll ausgedehnt werden, damit das Computersystem das riesige Handelsvolumen verarbeiten kann.
Die Vorwürfe gegen Livedoor erinnern an den Bilanzskandal um die US-Firma Enron 2001. Sie rufen auch Zweifel an der Strategie von Japans Internet-Firmen hervor, durch Übernahmen und die Ausgabe neuer Aktien zu wachsen. Nachdem auch die in den USA vorgelegten Quartalszahlen des Internetkonzerns Yahoo und des Chipherstellers Intel unter den Erwartungen der Analysten lagen, standen Internet-Werte am Mittwoch in Tokio auf der Verkaufsliste.
Gelassene Stimmung
Die Tokioter Händler gaben sich angesichts des Abwärtssogs jedoch gelassen. "Nach dem Ausverkauf wird sich der Markt wieder den guten Basisdaten zuwenden", sagte Hiroichi Nishi, Händler bei Nikko Cordial Securities. "Im Moment herrscht Panik, aber nach einer Weile wird sich die Lage beruhigen", sagte Hideyuki Suzuki, Analyst bei SBI Securities.

(Hayo Lücke)

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