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IG Metall-Chef für Mail-Verbot nach Feierabend

Der neue IG-Metall-Chef Wetzel will Arbeitnehmer vor E-Mail-Stress in der Freizeit schützen. Arbeitgeber halten strenge Regeln für überflüssig, einige Firmen gehen aber gegen die E-Mail-Flut vor.

30.11.2013, 15:01 Uhr (Quelle: DPA)
Datenübertragung© envfx / Fotolia.com

Der neue IG-Metall-Chef Detlef Wetzel will SMS und E-Mails vom Chef nach Feierabend per Vorschrift unterbinden. "Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind", sagte Wetzel im Interview mit der "Bild"-Zeitung. "Die neue Koalition muss hier strenge Regeln gegen Stress im Job und zu Hause vereinbaren." Es sei "unzumutbar", dass immer mehr Beschäftigte nach Feierabend und an Wochenenden E-Mails oder SMS von Vorgesetzten bekommen.

Arbeitgeber weisen Vorstoß zurück

Dem Arbeitgeberverband BDA zufolge haben die Unternehmen ihre Hausaufgaben bereits gemacht: "Die deutschen Arbeitgeber gehen verantwortungsvoll mit Arbeitszeit und Freizeit ihrer Mitarbeiter um. Kein Arbeitnehmer ist verpflichtet, ständig erreichbar zu sein", teilte der BDA mit. Der Verband warnte vor strengen Gesetzen zur Erreichbarkeit nach Feierabend: "Engagement und Leistungsbereitschaft sollten nicht zwangsweise eingeschränkt werden."

Auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies Wetzels Vorstoß zurück. "Es gibt längst auf betrieblicher Ebene unzählige Vereinbarungen dazu, und nur dort können sie auch sinnvoll getroffen werden", sagte ein Sprecher der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Samstag).

Mehrheit der Arbeitnehmer auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar

Laut einer bereits etwas zurückliegenden Umfrage des IT-Branchenverbandes BITKOM ist es für 88 Prozent der Berufstätigen selbstverständlich, auch außerhalb der Arbeitszeit per Handy oder E-Mail ansprechbar zu sein. Knapp ein Drittel sei jederzeit für Kunden und Kollegen erreichbar. Bei etwa der Hälfte sei die Erreichbarkeit auf bestimmte Zeiten beschränkt, 15 Prozent reagierten nur in Ausnahmefällen auf Anfragen nach Feierabend.

Arbeitsmedizinern zufolge kann ständige Erreichbarkeit zu Stress und Überbelastung führen. Mögliche Symptome seien Schlafstörungen, aber auch körperliche Beschwerden wie Magen- oder Rückenschmerzen. In Extremfällen könne der berufliche Standby-Modus auch zu Burnout oder Depressionen führen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert bereits seit längerem Sanktionen für Arbeitgeber, die ihre Beschäftigten nicht ausreichend vor Stress schützen. Wie die IG Metall will der DGB eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung durchsetzen. Damit sollen Arbeitgeber dazu verpflichtet werden, bestimmte Arbeitsbereiche auf psychische Belastungen zu überprüfen.

Bei immer mehr Mitarbeitern im Volkswagen-Konzern gibt das Smartphone nach Feierabend weitgehend Ruhe. Der Mail-Server für die mobilen Geräte leitet außerhalb der Kernarbeitszeiten keine Nachrichten mehr weiter. In Randzeiten, am Wochenende und an Feiertagen werden dadurch mittlerweile 3.500 Beschäftigte, zum Beispiel Ingenieure und Entwickler, von dienstlichen E-Mails verschont. Kein nörgelnder Chef, keine quengelnden Kunden - zumindest in der Freizeit.

Ständige Erreichbarkeit macht krank

Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld hält solche E-Mail-Sperren für sinnvoll. Wenn ein Arbeitnehmer ständig erreichbar sei, könne das ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. "Wenn man im Beruf Probleme lösen muss, schaltet das Gehirn automatisch auf Hochleistungsmodus", erklärt der Experte. Andere Ressourcen würden dafür allerdings zurückgefahren, zum Beispiel die Magen-Darm-Funktion und das Immunsystem. Wer permanent für den Chef im Standby-Modus sei, der sei deshalb besonders anfällig für Stresserkrankungen. Magengeschwüre, Bluthochdruck, aber auch eine hartnäckige Erkältung könnten stressbedingt sein.

Viele Unternehmen haben das Problem inzwischen erkannt und versuchen, die Freizeit ihrer Mitarbeiter besser zu schützen. Bei der Telekom haben sich alle leitenden Angestellten verpflichtet, ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails hinterher zu schicken. "Wir wissen, was so eine Nachricht nach Feierabend für Mail-Kaskaden auslösen kann. Viele Dinge können genauso gut am nächsten Tag geklärt werden", sagt ein Telekom-Sprecher. Wenn sich bereits während der Arbeitszeit andeute, dass es noch Absprachebedarf nach Feierabend geben könnte, müsse die Erreichbarkeit vorher vereinbart werden.

Daimler: E-Mails während des Urlaubs werden automatisch gelöscht

Auch der Autohersteller Daimler will die E-Mail-Flut eindämmen. In einem Pilot-Projekt konnten einige Mitarbeiter bereits an Ostern und in den Sommerferien ihr Postfach so einstellen, dass E-Mails, die sie im Urlaub erreichen, automatisch gelöscht werden. Der Absender erhielt einen Hinweis und eine Abwesenheitsnotiz, in dem ein Vertreter genannt wurde. "Derzeit werden die Voraussetzungen dafür auch in anderen Bereichen geschaffen", sagt ein Daimler-Sprecher. Wann allerdings alle Mitarbeiter in den Genuss der E-Mail-freien Freizeit kommen, ist noch unklar. Das Vorhaben hatte Daimler Ende vergangenen Jahres angekündigt. Arbeitspsychologe Hagemann warnt allerdings vor starren Verboten. Für viele Arbeitnehmer erleichtere es das Familienleben, wenn sie auch nach Feierabend noch an ihre Mails kommen. "Dann werden erst die Kinder ins Bett gebracht und dann können sich die Eltern noch einmal in Ruhe einem wichtigen Projekt widmen. Viele können vorher gar nicht richtig abschalten", meint Hagemann.

Für global arbeitende Unternehmen sei es außerdem oft schwierig, überhaupt Termine für Telefonkonferenzen zu finden, die nicht außerhalb der regulären Arbeitszeit liegen, sagt der Experte. Der Industriekonzern Siemens verzichtet deshalb ganz auf besondere Regeln zu Mails nach Feierabend. "Im Rahmen des betrieblich Möglichen und der gesetzlichen Bestimmungen sollten Mitarbeiter selbst entscheiden können, wann sie moderne Arbeitsmedien nutzen und wann sie diese abschalten", heißt es aus dem Unternehmen.

Wissenschaftler Hagemann sieht die ständige Erreichbarkeit ohnehin als Problem, das vor allem Führungskräfte betrifft. Je höher man in der Hierarchie aufsteige, desto eher müsse man sich an Mail-Verkehr nach Feierabend gewöhnen. Auch die strenge Regelung bei VW gilt nur für Tarifbeschäftigte - nicht für Führungspersonal.

(Jörg Schamberg)

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