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Hörgeräte auf IFA: Knallfarben statt Ohrklotz

Sie sitzen nicht auf ihren Ohren, sie hören wirklich schlecht: Immer mehr Menschen haben Hörprobleme. Die Branche wittert ihre Chance mit schicken Minicomputern statt klobigen Hörschachteln. Aber High-Tech hat auch hier ihren Preis.

03.09.2011, 07:01 Uhr (Quelle: DPA)
Internationale Funkausstellung IFA© Messe Berlin

Horst Warncke ist eigentlich nicht schwerhörig. Aber er trägt Hörgeräte. Sie sind zwei Zentimeter lang und fallen hinter seinem Brillenbügel kaum auf. So könne er Gesprächspartner besser verstehen, wenn es rundherum laut ist, sagt der Hamburger - so wie auf der Elektronikmesse IFA. Der Hörtechniker Warncke gibt aber auch zu: Er ist in Berlin sein eigener Werbeträger.

Hörgerät als Lifestyle-Gag

Mit ihrem ersten IFA-Auftritt will die Hörgerätebranche tausende neue Kunden gewinnen. Klobige Hinterohr-Schachteln in Hautfarbe sind Geschichte, die Branche setzt auf freche Farben, schlankes Design und technischen Finessen. Sie sollen den Weg zum Lifestyle-Produkt ebnen - wie es die Brillen-Industrie vorgemacht hat. Doch als Kassenmodell gibt es die neuesten Hochleistungsgeräte nicht.

Mit der wachsenden Seniorenschaft nimmt auch die Anzahl der Menschen mit Hörproblemen zu. Die zunächst unsichtbare Einschränkung wird oft unterschätzt, so der Deutsche Schwerhörigenbund. In einer US-Studie zeigte ein Viertel der 45- bis 54-Jährigen Anzeichen eines Hörverlusts. Eine deutsche Krankenkasse fand heraus, dass auch immer mehr Jugendliche Schwierigkeiten mit dem Hören haben.

Branche wittert "reichlich Luft nach oben"

Die Hersteller wittern neue Wachstumschancen. Zehn Millionen Deutsche hätten eine Hörminderung, schätzt der Chef des Bundesverbands der Hörgeräte-Industrie, Hans-Peter Bursig. Aber davon habe bislang nur jeder Dritte ein Hörsystem. Auf dem Gesamtmarkt, der in Deutschland zuletzt bei etwa einer Milliarde Euro gelegen habe, gebe es reichlich Luft nach oben.

"Wenn man heute von Hörgeräten spricht, sind das kleine Computer", sagt Warncke, der für den dänischen Hersteller Oticon arbeitet. Bis zu acht Millionen Transistoren, 300 Millionen Rechenoperationen pro Sekunde bei nur fünf Gramm Gewicht, preist er die Systeme an.

Dicker Brocken fürs Rentnerkonto

Es gibt Geräte, die sich mit Hilfe eines Adapters drahtlos über Bluetooth mit Fernsehern und Handys verbinden - für störungsfreies Hören in hoher Qualität. Hörgeräte können heute erkennen, ob ihr Besitzer eine Party feiert oder im Konzert sitzt und die Mikrofone passend ausrichten. Dazu gibt es farbenfrohe Designs und Wechselschalen wie beim Handy. "Man kann sich damit durchaus sehen lassen", meint Warncke.

Doch all das hat seinen Preis: Die besten Geräte kosten inklusive mehrjährigem Service durch den Hörtechniker bis zu 2.900 Euro, wie Bursig sagt. Die gesetzliche Krankenversicherung übernehme 360 bis 380 Euro, den Rest muss der Kunde drauflegen. Der Schwerhörigenbund bittet die AOK und Co denn auch stärker zur Kasse: Gutes Hören dürfe kein Luxus sein. Aber Branchen-Sprecher Bursig widerspricht: "Auch für den Festbetrag sind gute Geräte auf dem Markt."

(Dorothee Monreal)

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