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Hintergrund: Fußball auf der Handy-Glotze

Bei der Generalprobe im vergangenen Jahr hat es nicht geklappt, die Massen mit Fußball zum mobilen Fernsehen zu bewegen. Neues Jahr, neues Glück: Mit der Fußball-EM wird ein neuer Versuch unternommen.

17.06.2007, 11:01 Uhr
Smartphone© goodluz / Fotolia.com

Handy-TV ist längst da, aber keiner guckt hin. Man mag es kaum glauben, aber es ist Realität. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft können mit dem Mobiltelefon auch Fernsehprogramme empfangen werden. Dafür wird der vor allem in Asien überaus erfolgreiche DMB-Modus eingesetzt. Derzeit laufen bei den Landesmedienanstalten die Planungen für die Einführung des Konkurrenzstandards DVB-H. Der Startschuss soll im kommenden Jahr pünktlich zur Fußball-EM fallen. Ob Tore, Titel und Tränen die Nation zum Handy greifen lassen?
29 Bewerbungen eingegangen
Obwohl das Projekt Handy-TV weiterhin krampfhaft auf zahlende Kunden wartet, haben sich beachtliche 29 Unternehmen um die begehrten DVB-H Lizenzen beworben. Neben einem umstrittenen Konsortium, bestehend aus den Mobilfunknetzbetreibern T-Mobile, Vodafone und o2, sind auch ProSiebenSat.1, RTL Group sowie die Verlage Burda und Holtzbrinck mit von der Partie.
E-Plus hatte sich schon frühzeitig aus dem Konsortium verabschiedet. Ob dies eine Entscheidung mit Weitblick oder kleinbürgerlichen Denkens war, werden die Statistiken künftig schonungslos offen legen. Allen voran schreitet Platzhirsch Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD). Erst am vergangenem Mittwoch, 13. Juni war der südafrikanische Medien- und Technologiekonzern Naspers bei MFD eingestiegen. Durch das Verschlüsselungsunternehmen Irdeto mit Sitz in Amsterdam, einer Tochter von Naspers, steht beide Unternehmen schon länger in einer Geschäftsbeziehung. Welche konkreten Ziele von der Partnerschaft erwartet werden, bliebt weiter unklar.
Neue Bündnisse
Eine Woche zuvor, am 6. Juni, endete die Bewerbungsfrist für das Zuteilungsverfahren der Bundesnetzagentur. Spätestens im Oktober sollen die Lizenzen an Programmveranstalter und Plattformbetreiber von den Landesmedienanstalten vergeben werden. Derzeit wird eine Lösung gesucht, die den zahlreichen Bewerbern gerecht wird. Neue Bündnisse sind gefragt, die vom Bundeskartellamt einer eingehenden Prüfung unterzogen und unter Umständen am Ende verboten werden. Spätestens zur Fußball-Europameisterschaft, die im kommenden Juni in unseren Nachbarländern Österreich und Schweiz ausgetragen wird, soll der Ball in beiden mobilen Übertragungsnormen synchron rollen. Die Marktforscher von Goldmedia rechnen bei einem interessanten Programmangebot und einem entsprechenden Einsatz der Mobilfunkbetreiber mit guten Umsatzprognosen. Bis zum Jahr 2012 werden im besten Fall bis zu 900 Millionen Euro Umsatz prognostiziert. Bei schlechten Bedingungen rechnen die Analysten immerhin noch mit rund 200 Millionen Euro.
Richtbetrag 7,50 Euro
Auch wenn bis zur Bekanntgabe von Paketen und Preisen noch ein weiter Weg führt, scheint sich schon jetzt abzuzeichnen, dass die Monatsgebühr für Handy-TV im Bereich um 7,50 Euro liegen soll. Um mehr Geld zu verlangen, müsste schon ein hoch exklusives Angebot auf die Beine gestellt werden. Im kommenden Jahr sollen zunächst alle Ballungsgebiete und die Landeshauptstädte der Bundesländer versorgt werden.
Ab 2009 sollen auch Städte und Gemeinden mit mehr als 150.000 Einwohnern und die vier einwohnerstärksten Städte eines Bundeslandes mit mehr als 100.000 Einwohnern in den Genuss von DVB-H kommen. Ob der von der EU verordnete DVB-H Standard mehr Beifall findet als die DMB-Plattform "watcha", die nach wie vor bei etwa 10.000 Abonnenten dümpelt, wird die Zukunft zeigen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF haben bereits verlauten lassen, dass mit ihnen Abo-Gebühren nicht zu machen sind. Beide Sender sind bereits Bestandteil der "watcha"-Plattform, werden aber nicht codiert. Der Programmauftrag erlaube auch nur eine unverschlüsselte und kostenlose Verbreitung über sämtliche Verbreitungswege.
Für Zusatzangebote, so ließ die ARD Anfang Mai wissen, soll dies allerdings nicht gelten. Für den Online-Abruf von bestimmten Inhalten soll dann nach dem Willen der Senderverantwortlichen Geld verdient werden. Auch dieses Thema wird den strengen Blicken sämtlicher Aufsichtsbehörden kaum entgehen. Nach dem Abpfiff des Fußball-EM-Finalspiels am 29. Juni gegen 22.30 Uhr im Wiener Ernst-Happel-Stadion wissen wir mehr. Nicht nur, dass der Ball rund ist. Dann kennen wir auch den neuen Europameister der Ball-Akrobaten und seine magische Wirkung auf die Handy-Glotze.

(Stefan Hagedorn)

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