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Grenz-Shooter "1378 (km)": Veröffentlichung vertagt

Nach heftigen Protesten hat die Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) den geplanten Veröffentlichungstermin des umstrittenen Todesstreifen-Shooters "1378 (km)" vorerst abgesagt. Dennoch vertrete das Spiel einen hohen moralischen Anspruch, so die Rektoren in einer Stellungnahme.

30.09.2010, 17:16 Uhr
Laptop© Micha Bednarek / Fotolia.com

Am Dienstag stellte die Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) das Computerspiel "1378 (km)" vor – und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Grund der Aufregung: Das interaktive 3D-Spiel im Ego-Shooter-Format widmet sich der 1378 Kilometer langen ehemaligen Grenze quer durch Deutschland und erlaubt dem Spieler wahlweise, als Flüchtling oder Grenzsoldat zu agieren – mit allen Konsequenzen. Mit Entsetzen nahmen insbesondere Opferverbände von Verfolgten des DDR-Regimes und Angehörige von Mauertoten zur Kenntnis, dass zu den Handlungsoptionen des Spieles auch der Schießbefehl gehört. Auch Politiker, Journalisten und Historiker kritisierten die Umsetzung der als Wissensspiel gedachten Simulation. Nun reagierte die Karlsruher Hochschule und sagte den für den 3. Oktober geplanten Veröffentlichungstermin von "1378 (km)" ab – zumindest vorläufig.

"Wir bedauern die Verletzung von Gefühlen"

In einer gemeinsamen Erklärung bedauerten Hochschulrektor Peter Sloterdijk sowie die Prorektoren Volker Albus und Uwe Hochmuth zwar, dass sich "Opfer der Todesgrenze oder deren Angehörige verletzt fühlen", bestritten allerdings den Vorwurf der Verharmlosung. Vielmehr könne gerade das Spiel die Brutalität der Ereignisse an der Grenze vermitteln.

"Damit sensibilisiert das Spiel gerade eine junge Generation, die die innerdeutsche Grenze aus eigener Anschauung nicht kennen kann, für die Opfer von Todesstreifen und Schiessbefehl und für das Unrecht, das Menschen durch die Grenze und an der Grenze zugefügt wurde. Nichts anderes ist das Ziel dieses Spiels, das aus unserer Sicht einen hohen moralischen und künstlerischen Anspruch vertritt", so die HfG-Verantwortlichen.

Spiel wird zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht

An der Veröffentlichung des umstrittenen Spiels wollen sie daher grundsätzlich festhalten. Um zur "Versachlichung der Diskussion" beizutragen, werde aber der ursprüngliche Termin für die geplante Präsentation am "Tag der Deutschen Einheit" auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, hieß es. "Wir wollten den Druck aus der Diskussion rausnehmen. Mit dieser Debatte werden wir weder dem Spiel noch den Opfern gerecht", ergänzte ein Sprecher der Hochschule gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Ihm zufolge soll das Spiel nun im Dezember gezeigt werden - begleitet von einer Podiumsdiskussion zur Thematik.

Den ebenfalls heftig in die Kritik geratenen Spielentwickler und HfG-Student Jens M. Schober nahmen die drei Professoren ausdrücklich in Schutz und sicherten ihm "jede notwendige Unterstützung" zu. Stober hatte sein Spiel bis zuletzt verteidigt und auf die Lenkungswirkung des Spielaufbaus verwiesen. "Der Spieler hat die Möglichkeit sich erst so, dann später aber anders zu verhalten. Das kann keine Dokumentation bieten", sagte der 24-Jährige noch am Dienstag. Demnach sammelt nur der Spieler Punkte, der sich positiv verhält und Flüchtende möglichst verschont. Wer hingegen zu viele Menschen erschießt, landet vor Gericht. Seine Kritiker überzeugte das freilich nicht. Offenbar suchten viele von ihnen auch den direkten Kontakt zu Stober über seine Website elorx.com: Mittlerweile ist diese nicht mehr erreichbar.

(Christian Wolf)

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