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Glücksspiel DSL-Flatrate: So wird kalkuliert

Welche Gebühren müssen die DSL-Provider an die Carrier abdrücken? Sind die Kosten höher als die Einnahmen?

10.06.2005, 16:07 Uhr
DSL-Anschluss© IKO / Fotolia.com

DSL-Provider werden kann jeder. Benötigt wird nur ein Carrier, der die Datenströme der Kunden transportiert. So einfach ist das. Nicht ganz, schließlich will der Carrier die digitalen Netzreisen der Surfer in Euros aufgewogen bekommen.
And it burns...
Auf dem deutschen DSL-Markt ist die Hölle los. Neue Provider sprießen aus dem Boden wie Unkraut. Für den Kunden ist das gut, denn er hat die Wahl - auch, wenn das bei den derzeitigen Marktverhältnissen schon mal zur Qual wird. Für die Provider ergibt sich ein Nachteil. Wenn der Markt kocht, fallen die Preise. Die Kosten bleiben jedoch mehr oder minder gleich. Viele Kunden bedeuten zwar steigende Umsätze, die Margen allerdings werden immer schmaler.
Volumentarife lassen sich für einen Provider am besten kalkulieren. Der Gigabyte-Preis, den er an den Carrier zahlen muss, kann er mit Aufschlag an den Kunden weitergeben. Ein günstiger Preis bedeutet Wettbewerbsfähigkeit und beschert neue Kunden. Bei einem mittelprächtigen Preis lassen sich Neukunden nicht mehr so leicht überzeugen - es sei denn, andere Argumente sprechen für den Provider. Und das Marketing stimmt. T-Online ist so ein Fall.
Der flache Unterschied
Wenn ein DSL-Provider Flatrates anbieten will, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die Gebühren für Flatrates ergeben sich aus einer Mischkalkulation. Die Konditionen des Carriers sind die gleichen, das Angebot für den Provider hingegen nicht mehr so gut kalkulierbar wie ein Volumentarif. Denn für die Flatrate erwartet der Kunde einen Festpreis, beispielsweise 10 Euro pro Monat. Für einen gänzlich unbeschränkten Tarif.
Wenn der Kunde - im Grunde zu Recht - die Bezeichnung "Flatrate" beim Wort nimmt, seine 3-Mbit-Leitung in die Knie zwingt und damit Traffic im dreistelligen Gigabyte-Bereich verursacht, wird es eng für die Kalkulation des Providers. Denn der muss den Traffic seines Power-Kunden Gigabyte für Gigabyte bei seinem Carrier abrechnen. Die Kosten hängen dabei von der eingekauften Vorleistung ab. Im Durchschnitt verursacht ein Flatrate-Kunde Kosten von etwa zehn Euro im Monat.
Die Mischung macht's
Große Provider haben es da einfacher. Wenn der Vielsurfer beispielsweise zu Lycos wechselt, so zahlt er da zwar auch weniger als zehn Euro für die Flatrate, ist jedoch nur einer von vielen anderen DSL-Kunden, die weitaus weniger Kosten verursachen. Solange es auf der anderen Seite der Medaille genug Kunden gibt, die ihre Flatrate nur für E-Mails und ein bisschen WWW benutzen und damit nicht einmal ein Gigabyte pro Monat Traffic erzeugen, fällt es weniger ins Gewicht, wenn der Power-User hunderte Gigabyte saugt.
Beispiel 1&1: Die regional erhältliche 1&1 DSL Flatrate für 6,99 Euro pro Monat ist ein knallhart kalkuliertes Angebot. 1&1 hat das Glück, über einen sehr großen Kundenstamm zu verfügen. Werbung sei Dank ist davon auszugehen, dass auch viele Wenignutzer mit der DSL Flat im Netz verkehren, wodurch dem Provider Umsatz beschert wird.
Sonderkonditionen?
Die Branche spekuliert schon länger über die Einkaufskonditionen von 1&1. Der Provider soll bei seinem Carrier Deutsche Telekom sehr gute Bedingungen ausgehandelt haben. Insider gehen von einem Gigabyte-Preis von weit weniger als 50 Cent aus. Bei einer monatlichen Gebühr von 6,99 wären danach rund 14 Gigabyte pro Kunde und Monat im Angebot kalkuliert. Hinzu kommen die Einnahmen, die mit den an den Tarif gekoppelten 1&1 DSL-Anschlüssen auf T-DSL-Resale-Basis gemacht werden. Die Grundpreise sind mit denen der T-Com identisch, werden jedoch etwas günstiger eingekauft. Standardmäßig erlässt die T-Com bei den Anschlüssen einen Rabatt von 11 Prozent. Dieser Wert ist jedoch Verhandlungsbasis. Da 1&1 sehr viel in Werbung investiert und so monatlich eine beachtliche Anzahl Neukunden gewinnt, dürfte hier der Preisnachlass durch das große T deutlich großzügiger ausgefallen sein. Möglicherweise um bis zu 20 Prozent der normal geltenden Gebühren (also 16,99 Euro für T-DSL 1000, 19,99 Euro für T-DSL 2000 und 24,99 Euro für T-DSL 3000). Bei 1&1 bewahrt man darüber allerdings Stillschweigen.
30 Euro und mehr
Hinzu kommt, dass pro vermitteltem T-DSL-Kunden eine "Markterschließungspauschale" gezahlt wird. Diese steigt mit der verkauften Bandbreite - für T-DSL 1000 gibt es 30 Euro. Für die Anschlüsse mit 2048 und 3072 kbit/s (bald 6016 kbit/s) entsprechend mehr. So kann die Anschlussgebühr in Höhe von 99,95 Euro bei T-DSL 2000 und 3000 vom T-DSL-Reseller erlassen werden, ohne ein zu großes Verlustgeschäft einzufahren.
Resale: Renommee vorausgesetzt
Für DSL-Anbieter mit wenig Kunden und geringer Marketing-Power ist ein Resale-Vertrag ein großes Risiko. Denn der Reseller verpflichtet sich auf ein bestimmtes Auftragsvolumen. Wird die für ein Jahr vertraglich vereinbarte Summe nicht mit den verkauften Anschlüsse erreicht, hat der Anbieter die Differenz auszugleichen.
Sehr interessant ist auch, wie der Preis für jedes übertragene Gigabyte zu Stande kommt. Gehen wir davon aus, wir wählen die Deutsche Telekom als Carrier. So haben wir die Auswahl zwischen verschiedenen Vorleistungsprodukten: Online Connect, ISP-Gate oder Z-ISP.
Die T-Formel
Neben den Grundgebühren (ISP-Gate günstiger als Z-ISP) muss der Provider den anfallenden Traffic bezahlen. Dieser berechnet sich aus der Anzahl der maximal eingewählten Nutzer im Abrechnungsmonat multipliziert mit der Gesamtheit des angefallenen Traffics (in GB) geteilt durch die Anzahl der Online-Sekunden. Wenn nun also monatlich viel Traffic gemacht wurde, die Kunden auch lange online waren, sinken die Kosten.
Es sei denn, an einem Tag waren ziemlich viele Kunden gleichzeitig im Netz angemeldet - dann steigt der Multiplikator und die Rechnung ist futsch. Auch wenn der Traffic in diesem Monat keine unerwarteten Höchstmaße angenommen hat.
Fazit: Klein hat's nicht leicht
Wie man sieht ist die Kalkulation der monatlichen Kosten für eine Flatrate ein ziemliches Glücksspiel für alle Provider. Gerade die kleinen Unternehmen mit schlechteren Einkaufskonditionen haben es schwer, gegen die Marktgrößen anzukommen. Besonders die Formel zum Errechnen der monatlichen Gesamtkosten zerschießt vielen Providern die Kalkulation.
Kunden die wissen, mit welchem Surfverhalten sie ihrem Provider schaden, können sich darüber Gedanken machen, in Zukunft bedachter im Internet zu verkehren. Wenn schon ein kleiner, aufstrebender Provider gewählt wird, sollte die Datenleitung nicht zum Glühen gebracht werden. Eine heißlaufende Anbindung mit 20 bis 50 Gigabyte Traffic pro Monat bei langen Onlinezeiten kann als Richtwert gelten. Und die, die das Datennetz jeden Monat mit über 100 Gigabyte belasten, sollten sich darüber klar sein, dass sie dem Provider substanzielle Kosten verursachen. Da kann man ruhig mal zehn Euro mehr für die Flat zahlen.

(Michael Müller)

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