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Glosse: Die große KNUTscherei im Internet

Heute schon geKNUTscht? Ganz sicher, so wie uns die Nachrichten aus aller Welt mit dem fleischgewordenen Plüschtraum bearbeiten. Auch vor dem Internet macht der Schmusebär nicht Halt.

15.04.2007, 14:01 Uhr
Datenverkehr© Julien Eichinger / Fotolia.com

Über zwei Meter groß, bis zu 800 Kilogramm schwer, mag es gern frostig und ist passionierter Jäger und Fleischfresser – das ist die Definition eines Eisbären, wie man sie bislang kannte. Künftig werden Kinder bei seinem Anblick wohl aber eher: "Schau mal Mama, ein Knut" brüllen. Zu verdanken ist das dem schweren Knut-Fieber, das zurzeit offenbar Redaktionen und Tierfreunde in aller Welt infiziert hat. Selbst unsere für ihre sonst so seriöse Berichterstattung bekannten Kollegen von Spiegel Online stecken voll in der Bärenfalle: Gerade erst ist bei ihnen das große Knut-Quiz online gegangen, mit der Frage "Wie Knut sind Sie?". Dem stehen die Kollegen von Welt Online mit ihrem eigens eingerichteten Knut-Ressort allerdings in nichts nach. Beim Technik-Journalismus halten wir uns eigentlich von plüschigweißem Kuschelwahn fern – bis jetzt.
Lasst uns KNUTschen
Auch wir wollen mal ein bisschen Knut-schen und haben uns angesehen, was das Netz zum drolligen Eisbären zu bieten hat. Wer die vergangenen Wochen auf Campingurlaub hinterm Mond war, kann sich erstmal von Wikipedia über das wohl berühmteste aller Wollknäuele aufklären lassen. Natürlich hat auch der Berliner Zoo eine eigens eingerichtete Knut Website, die allerdings vom Fan-Andrang kürzlich in die Knie gezwungen wurde.
Nach den zahlreichen Fotos und Videos dieser geballten Niedlichkeit, wenn sich die ersten Symptome der Gefühls-Überzuckerung bemerkbar machen, geht es weiter auf Abenteuerreise in die plüschige Online-Knut-Welt. Da wäre beispielsweise Eisbär-Baby Superstar, das Spiel zum Bären. Damit können Knut-Fans auf dem Portal von Bild und T-Online den felligen Wonneproppen auf einer Urlaubsreise zum Nordpol begleiten. Während das Original in seinem idyllischen Zoo-Gehege bei Temperaturen um die 25 Grad Celsius schwitzt, kann das virtuelle Pendant über Eisschollen hüpfen und Gletscherhöhlen erkunden.
All you can Knut
Doch wahre Knut-Fans werden wohl ihre Freizeit lieber darauf verwenden, sich dem riesigen Menschenstrom anzuschließen, der täglich zum Berliner Zoo pilgert. Dafür braucht es dann aber auch das richtige Outfit in Form von T-Shirts, Gürteln, Schlüsselanhängern. Der Ausverkauf im Eisbärengehege hat längst begonnen: Knapp 650 Artikel finden sich zu Knut allein beim Online-Auktionshaus eBay. Dass auch das Handy des Knut-Fans angemessen schrillt, dafür hat selbstverständlich der Klingeltonspezialist Jamba gesorgt. Und doch scheinen die Erfinder von Sweety und Co. auch einen Gegentrend erkannt zu haben: Mit dem "Anti-Knut-Song" von Jamba können Gegner des großen Kuschelwahnsinns die Massen gegen sich mobilisieren. In eine Mutprobe dürfte wohl auch der Besuch im Berliner Zoo ausarten, wenn der Betroffene das T-Shirt aus dem Onlineshop des Titanic Magazins Tötet Knut! trägt.
Pro und contra Kuschelwahnsinn
Mit diesem Anti-Kuschelterror-Dress sollte man vielleicht doch lieber zu Hause bleiben und stattdessen weiter im Netz nach "Knutiositäten" suchen, wie beispielsweise YouKnut. Hier finden sich nicht nur Liebesbekundungen, Bilder, Videos und Songs. Nein, Knut wird auch zum Klimabotschafter ernannt, der darum bittet, das Schmelzen seiner Welt – der Polarregion, nicht des Zoos – zu verhindern. Aber Politik ist ja nicht jedes Eisbären Sache, drum zurück zu den wirklich wichtigen Dingen, wie dem Knut-Plugin für Firefox. Mit dem kleinen Programm holen sich die Freunde des tapsenden Bärenfells ein blinzelndes Abbild in ihren Browser, das direkt zum Knut Blog verlinkt ist.
Jetzt ist's Knut!
Mittlerweile machen sich jedoch auch die ersten Gegenstimmen bemerkbar. So sucht FAZ.net aktuell eine Sommer-Vertretung für Knut mit vergleichbarem Kuschelfaktor. Gefunden hat sie "Ernst", ein paar Käfige weiter, genauso alt wie Knuddel-Knut und eigentlich auch mindestens so flauschig. Doch ob Ernst auch das Zeug zum Megastar hat? Der kleine Knut indes entwickelt bereits ausgewachsene Star-Allüren, so verbietet doch sein Management in einer vorab zu unterzeichnenden Vereinbarung (PDF), Bildmaterial für negative Berichterstattung zu verwenden. Drum nehmen wir lieber das Kunstwerk eines YouKnut-Nutzers, der mit der Parallele zu Kurt Cobain vielleicht daran erinnern wollte, was mit jungen Weltstars passieren kann, wenn sie zu sehr hochgejubelt werden. Denn ums Geld kann es bei dem ganzen GeKNUTsche doch bestimmt nicht gehen…oder?

(Aleksandra Leon)

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