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Glasfaser-Chaos IV: Optische Zukunft auch ohne Telekom?

07.11.2003, 17:22 Uhr
Telekom Zentrale© Deutsche Telekom AG

Neben der Telekom scheinen auch andere Anbieter ihre Pläne mit den Glasfaser-Kunden zu haben. Um die Serie weiterzuführen, sprachen wir mit Allied Telesyn, kurz ATI, über die Zukunft der optischen Anschlüsse Deutschlands. Was dabei herauskam, überraschte uns sehr.
Rückblick
Beschäftigten wir uns im ersten Teil noch mit der allgemeinen T-DSL-über-Glasfaser-Problematik, so wendeten wir uns im zweiten Teil schon den beinahe handfesten Gerüchten um VDSL, oder besser "DSL über Glasfaser", zu. Im dritten Teil wurden dem Leser die technischen Hintergründe und das Potential optischer Anschlüsse näher gebracht.
Allied Telesyn: Firmenprofil
ATI, nicht zu verwechseln mit dem kanadischen Grafikchip-Hersteller, ist ein seit 1987 bestehendes Unternehmen, das sich der Entwicklung von Netzwerk-Komponenten verschrieben hat. Primär agiert man als Home-Office-Produktanbieter, bietet Hardware-Router, Switches, Medienkonverter, Netzwerkkarten, Hubs und vieles mehr für Haus- und Office-Gebrauch und ist damit recht erfolgreich.
Nun ist man daran interessiert, im Provider- und Carrier-Markt Fuß zu fassen. Das Stichwort heißt "Triple Play"-Technologie. "Triple Play" deswegen, weil die Hardware-Komponente drei Leistungsmerkmale in einem Gerät vereint. So kann man mit den sogenannten "Residential Gateways" Voice-over-IP, Video-On-Demand und einen Breitband-Internet-ADSL-Zugang realisieren. Angestrebt sind hier für den reinen Internetzugang 1,5 Mbit/s Down- und 192 kbit/s Upstream. Es bleibt jedoch dem Provider selbst überlassen, wieviel Bandbreite er dem Kunden zur Verfügung stellt.
Multimedia-Standort: zuhause
Dies würde heißen, das an einem Haushalt ein Multimedia-Portal installiert würde, welches im Stande wäre Telekommunikation, Video-On-Demand (Television) und Internet zur Verfügung zu stellen. Nette Idee! Voraussetzung ist eine Glasfaser-Anbindung mit 100Mbit/s. Dadurch, dass mit einem solchen Anschluss gleich drei Leistungen geboten werden, kann man die Grundgebühr auch einen Tick höher ausfallen lassen.
Was an der Idee neu ist? Ganz einfach - die zur Verfügung stehende Bandbreite von 100 Mbit/s wird durch drei geteilt. Dadurch wird für VoIP, Video-Streaming und Internet jeweils eine gewisse Kapazität reserviert. So kann es zu keinem Qualitätsverlust bei hoher Datentransferrate (während einem Download), wie beispielsweise beim VoIP-Dienst von QSC über die ADSL-Leitung, kommen. Auch die Bandbreite für den Video-Stream wäre immer gleich, sodass eine ruckelfreie On-Demand-Übertragung denkbar ist.
Des Weiteren ist der VoIP-Telefonanschluss "Always On" - man muss sich nicht erst im Netzwerk des Providers anmelden, um an seinem Anschluss verfügbar zu sein. Der Kunde bekommt somit im Grunde gar nicht mit, dass er über die VoIP-Technologie telefoniert, da ihm ein "normaler" Telefonanschluss geboten wird.
Das "Abfall-Produkt" Internet...
...ist auf 1,5 Mbit/s limitiert, da die Bandbreite von der Leitungslänge abhängt. Würde man dem Kunden mehr Bandbreite zusprechen, so würden VoIP und Video-On-Demand unter Umständen nicht mehr genügend Bandbreite für einen störungsfreien Betrieb zur Verfügung stehen - klar, dass in der Theorie weitaus mehr möglich ist. Auch Payed-Content, in Form von Pay-Per-View-ähnlicher Filmbestellung und eine Grundgebühr für den VoIP-Telefonanschluss würden die Kosten drücken - schließlich muss nur eine einzige Leitung gelegt werden, um alle drei Optionen realisieren zu können.
Carrier übernimmt GF-Kunden: heute
Wollte heute ein Carrier einem über Glasfaserkabel erschlossenem Kunden einen DSL- oder Telefonanschluss zur Verfügung stellen, so hätte er tief in die Tasche zu greifen und horrende Leitungsmietsummen an den rosa Riesen abzudrücken. Dennoch wäre er dazu verpflichtet, dem Kunden den Telefon- und DSL-Anschluss zu gleichen Konditionen anzubieten, wie dem über Kupfer angebundenen Kunden (der in der Leitungsmiete um einiges günstiger ist).
Somit müsste der verglaste Kunde viel telefonieren, um dem Carrier Umsatz zu bescheren - Andernfalls würde der Carrier immer draufzahlen - klar, dass da die Glasfaser-Kunden niemand haben will...
Carrier übernimmt GF-Kunden: morgen
Durch das Triple-Playing bliebe der Leitungsmietpreis für eine Glasfaserleitung zwar gleich, doch könnte man jenen einfacher ausgleichen, da dem Kunden mehr Leistungen überbracht würden und er so stärker zur Kasse gebeten werden könnte. In Skandinavien und Italien findet diese Technik bereits Verwendung - in Deutschland startet in diesen Tagen ein Feldtest.
Einführung: Frühjahr 2004
Allied Telesyn arbeitet mit einem großen, deutschen Gas-Wasser-Strom-Anbieter zusammen. Im Frühjahr 2004 soll mit der Einführung begonnen werden. Der Ausbau orientiert sich somit nicht am Netz der Telekom, sondern daran, wo Interesse besteht. Was noch problematisch ist, ist die Inkompatibilität der Telekom'schen DSLAMs von Alcatel, Siemens und Co. Jene sind nicht für Videostreaming optimiert, erfordern somit einen Austausch. Dass diese Technik von der Telekom aufgegriffen wird, ist somit eher unwahrscheinlich.
Leitungen anmieten, neue ziehen
ATI sprach auch davon, dass es sich speziell in den neuen Bundesländern lohnen würde, die Leitungen der Telekom anzumieten, um dann dort das Produkt zur Verfügung zu stellen. An anderen Standorten Deutschlands bietet sich ein Umbau, komplett mit Kabelaustausch, an. Der Global-Player, der ATI mit ins Boot geholt hat, scheint dazu mächtig genug zu sein. Wir tippen auf RWE oder e.on und freuen uns auf den Breitband-Frühjahr 2004.

(Michael Müller)

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