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Gerpott: Wettbewerb von Kabel und DSL - wer siegt?

Bei der Euroforum-Tagung in Köln gab Branchenexperte Professor Torsten J. Gerpott einen Überblick über den aktuellen Wettbewerbsstatus und die Trends im deutschen Breitbandmarkt.

26.02.2010, 13:46 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

DSL ist Technik von gestern: Bei der Euroforum-Tagung "Die Zukunft der Kabel-TV-Netze" in Köln erklärte Lorenz Glatz, technischer Leiter von Kabel Deutschland, die Kabelnetzbetreiber seien für die Zukunft besser gerüstet als DSL-Anbieter. Doch wie sehen die harten Fakten jenseits von Marketingsprüchen aus? Torsten Gerpott, Professor an der Universität Duisburg-Essen und ein ausgewiesener Kenner der nationalen Telekommunikationsbranche, skizzierte ein gemischtes Bild: Kabel hat Chancen und Vorteile, DSL dominiert derzeit noch klar.

TV über Kabel ist rückläufig

Das Kabel hätte sich auch im vergangenen Jahr mit einem Anteil von 49,9 Prozent gegenüber Satellit mit 43,1 Prozent als wichtigster Übertragungsweg für den TV-Empfang behaupten können. Dennoch war bei den beiden größten deutschen Anbietern, Kabel Deutschland und Unitymedia, insgesamt ein Rückgang um über 200.000 Kabel-TV-Kunden zu verzeichnen. Bis 2013 werde die Zahl der Kabel-TV-Haushalte laut einer Analyse von Price Waterhouse Coopers (PWC) um rund 800.000 auf dann 17,4 Millionen sinken. Die Zahl der Kunden, die TV über DSL als IPTV nutzen, nehme nur langsam zu. Gerpott bezweifelte die von den PWC-Experten für 2009 angegebene Zahl von einer Million Haushalte und hielt rund 800.000 IPTV-Nutzer für eher realistisch. Bis 2013 soll deren Zahl laut PWC-Prognose auf 2,5 Millionen ansteigen. Das Fernsehen per Internet sieht Gerpott in Deutschland als eine eher "beschwerliche Geschichte". Der schwache IPTV-Vermarktungserfolg des Entertain-Programms der Deutschen Telekom sei auch auf das hohe Preisniveau im Vergleich etwa zum Wettbewerber Hansenet zurückzuführen.

Konsolidierung im Kabelmarkt lässt weiter auf sich warten

Die Konsolidierung des deutschen Kabelmarktes sei im vergangenen Jahr nicht weiter vorangekommen. Der Kauf von Unitymedia durch Liberty habe nur zu einem Eigentümerwechsel geführt. Die finanzielle Lage gerade von Kabel Deutschland und Unitymedia sei noch keineswegs komfortabel. Kabel Deutschland kämpfe immer noch mit einem Schuldenberg in Höhe von einer Milliarde Euro. Von April bis September 2009 investierte das Unternehmen 95 Millionen Euro, deutlich weniger als etwa Unitymedia. Der in Nordrhein-Westfalen und Hessen tätige Anbieter hatte von Januar bis September des vergangenen Jahres knapp 230 Millionen Euro in Netzausbau und Technik gesteckt.

Kabel hinkt bei der Digitalisierung weiter hinterher

Die Digitalisierung der deutschen Haushalte benötige weiterhin Zeit. Anfang diesen Jahres hätte die Zahl der Haushalte mit digitalem TV-Empfang die 60-Prozent-Schwelle überschritten. Das Kabel hinke mit einem Digitalisierungsgrad von rund 30 Prozent der Satellitentechnik hinterher. Bereits über 74 Prozent der Sat-TV-Kunden nutzten digitales Fernsehen. Zur Attraktivitätssteigerung des digitalen Kabels rät Gerpott zu niedrigen Eintrittsbarrieren: Subventionierte Set-Top-Boxen, Verzicht auf Abonnementaufschläge für digitalen Empfang und Hinweis auf die technischen Vorteile der Digitaltechnik. Besonders erfolgreich meisterten bislang Unitymedia und Kabel BW die Digitalisierung, die mit 40 beziehungsweise 36,1 Prozent im Juni 2009 eine deutlich höhere digitale TV-Kundenquote aufweisen konnten als Kabel Deutschland. Je nach Bundesland schwankte der Digitalisierungsgrad hier von 33,6 Prozent im Saarland bis zu mageren 16,5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern.

Pay-TV als Mittel zur Ausweitung der Kundenzahlen scheint bislang nicht der geeignete Weg zu sein. Der in dieser Woche präsentierte Geschäftsbericht 2009 des Münchener Pay-TV-Senders Sky zeigte beispielsweise ein finanzielles Desaster. Das Geschäft mit Bezahlfernsehen bleibt in Deutschland - auch wegen des breiten Free-TV-Angebotes - schwierig. Kabel Deutschland verzeichnete Ende September des vergangenen Jahres knapp 844.000 Pay-TV-Abonnenten, Unitymedia kam auf eine Abonnentenzahl von 470.000.

HDTV als "Megatrend"

Der Personal Video Recorder-Dienst bei Kabel Deutschland sei dagegen erfolgreich: Anfang 2009 zählte KDG erst rund 94.000 Abonnenten, Ende September hatten sich bereits 164.000 Nutzer für den Service entschieden. Prognosen von Marktforschern, die ein starkes Wachstum von Pay-TV und Video-on-Demand für Deutschland sehen, sieht Gerpott eher skeptisch. Im deutschen Telekommunikationsmarkt würden jährlich Umsätze von etwa 60 Milliarden Euro erreicht, das Geschäft mit Video-on-Demand solle aber 2013 lediglich Download-Umsätze von 54 Millionen Euro einbringen und sei damit nur ein Nischengeschäft. Zunehmend mehr Bedeutung gewinne dagegen HDTV. Dies zeigte sich auch bei der Euroforum-Tagung in Köln, nahezu jeder Redner dort bezeichnete das hochauflösende Fernsehen als "Megatrend". Neben frei zugänglichen HD-Sendern von ARD und ZDF bieten auch die privaten Sender über die HD+ Plattform von Astra erste HD-Programme. Die Kabelnetzbetreiber würden ihr HD-Angebot ausbauen, auch Unitymedia plane die Einführung zahlreicher HD-Kanäle. Von Vorteil sind hier die hohen Bandbreiten der Kabelnetze.

Erfolg für breitbandiges Internet über das Kabelnetz

Sehr erfolgreich vermarkten konnten die Kabelnetzbetreiber breitbandige Internetzugänge über das Kabelnetz. Die Zahl der Breitbandanschlüsse per Kabelmodem wuchs von 1,91 im Jahr 2008 auf 2,64 Millionen im vergangenen Jahr an. KDG, Unitymedia und Kabel BW konnten 2009 nahezu den gleichen absoluten Kundenzuwachs wie im Jahr zuvor realisieren. Dies sei besonders bemerkenswert, da sich das Wachstum des Breitbandmarktes 2009 stark verlangsamt hatte: Waren 2008 noch 3,2 Millionen Breitbandanschlüsse hinzugekommen, so gab es im vergangenen Jahr lediglich ein Plus von 1,9 Millionen Anschlüssen. Dennoch beträgt der Anteil der Kabel-Internetanschlüsse an allen deutschen Breitband-Anschlüssen trotz Steigerung erst 10,7 Prozent. Professor Gerpott empfiehlt den Kabelnetzbetreibern daher die Vorteile von Kabel gegenüber DSL offensiv und klar an Endkunden zu kommunizieren. Zudem sollte es preislich attraktive Bündelprodukte von Internet- und TV-Angeboten geben.

DSL bleibt weiter dominierend: Ende 2009 waren rund 22,1 Millionen DSL-Anschlüsse in Deutschland geschaltet, 62 Prozent davon von der Deutschen Telekom. Das Resale-Geschäft verliere weiter an Bedeutung: Lediglich 1,5 Millionen der insgesamt 10,5 Millionen von alternativen Anbietern betreuten DSL-Anschlüssen entfalle auf Resale. Die Zahl der Direktanschlüsse stieg dagegen um 800.000 auf 8,4 Millionen im vergangenen Jahr. Für die kommenden Jahre gehen Marktforscher von einem stagnierenden DSL-Wachstum aus, die Zahl der Kabelmodem-Anschlüsse würde sich ebenfalls nur noch geringfügig erhöhen.

Hohe Bandbreiten von über 50 Mbit/s noch eher selten

Der Druck der Kabelnetzbetreiber, die mit hohen Bandbreiten zu vergleichsweise günstigen Preisen Neukunden locken, hätte auch bei den DSL-Providern zum Angebot höherer DSL-Geschwindigkeiten geführt. Ende des vergangenen Jahres verfügten 48 Prozent der DSL-Anschlüsse über Bandbreiten von bis zu sechs Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Mit der maximalen DSL-Bandbreite von bis zu 16 Mbit/s ging es bei über 44 Prozent der Anschlüsse ins Internet. Highspeed von mehr als 50 Mbit/s ermögliche dagegen nur ein Prozent der DSL-Anschlüsse. Alternative Carrier setzen verstärkt auf den Ausbau eigener, schneller Glasfasernetze. Treibendes Motiv sei aber weniger die über Glasfaser realisierbaren höheren Bandbreiten, sondern die Möglichkeit auf die Anmietung der Teilnehmeranschlussleitung (TAL) verzichten zu können.

(Jörg Schamberg)

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