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Gerpott: Kabel-Internet hat noch viel Potential

Branchenexperte Torsten J. Gerpott sah beim Euroforum-Kongress "Die Zukunft der Kabelnetze" Licht und Schatten bei den Kabelnetzbetreibern. Während Internet und Telefonie stark nachgefragt werden, sinkt die Zahl der TV-Kunden.

28.02.2011, 09:31 Uhr
DSL-Anschluss© IKO / Fotolia.com

Die Kabelnetzbetreiber gewinnen dank hoher Internet-Bandbreiten von derzeit bis zu 128 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) und günstiger Paket-Preise stetig weitere Internet- und Telefonkunden hinzu. Ende des vergangenen Jahres zählte beispielsweise Unitymedia rund 780.000 Internet- sowie 779.000 Telefonkunden, ein Anstieg um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch diese Erfolge sind laut Torsten J. Gerpott, Professor für Unternehmens- und Technologieplanung an der Universät Duisburg und Experte für den Breitbandmarkt, nur eine Seite der Medaille. Denn beim klassischen Kabelfernsehen verzeichnen die Anbieter kontinuierlich Kundenverluste. Gerpott zeigte im Rahmen des Euroforum-Kongresses "Die Zukunft der Kabelnetze" in Köln den Status und die Trends für den Wettbewerb im deutschen Breitbandkabelmarkt auf.

Kabel-TV-Geschäft weiter rückläufig...

Das Wachstum der Kabelnetzbetreiber kommt nicht aus dem TV-Geschäft. Kabel Deutschland verlor im vergangenen Jahr pro Monat durchschnittlich 7.500 Kabel-TV-Kunden, Unitymedia musste einen Verlust von circa 4.800 Kunden verschmerzen. Im Zeitraum von September 2009 bis zum September des vergangenen Jahres haben die beiden größten Kabelnetzbetreiber zusammen über eine viertel Million TV-Kunden verloren. Um das Kabelfernsehen attraktiver zu machen setzten die Anbieter verstärkt auf neue Produkte wie HD-TV und 3D-TV.

Dennoch bleibt Kabel trotz Verlusten der dominierende TV-Empfangsweg. Im Juni 2010 nutzten 48,9 Prozent der Endkundenhaushalte TV über Kabel, 43,4 Prozent empfingen die TV-Programme über Satellit. Der terrestrische Empfang ging weiter zurück und lag Mitte des vergangenen Jahres nur noch bei einem Anteil von 5,8 Prozent.

...IPTV langsam auf dem Vormarsch

TV über das Internet (IPTV) konnte dagegen seinen Anteil innerhalb eines Jahres um 1,1 Prozent auf 1,9 Prozent steigern. Die Marktforscher sagen für die nächsten Jahre einen weiteren Rückgang der Haushalte voraus, die TV über das Kabelnetz empfangen. Lag die Zahl der Kabel-TV-Haushalte 2009 noch bei 18,2 Millionen, soll diese bis 2013 um rund 800.000 auf 17,4 Millionen sinken. Im gleichen Zeitraum verliert aber auch das Fernsehen über Satellit rund 600.000 Haushalte, während für IPTV bis 2013 ein Zuwachs um 1,5 Millionen auf 2,5 Millionen TV-Haushalte prognostiziert wird.

Digitalisierung im Kabel noch gering

Der digitale TV-Empfang in Deutschland stieg bis Mitte 2010 auf 62 Prozent, bis zum Ende des vergangenen Jahres sollen laut Gerpott 64 bis 65 Prozent erreicht worden sein. Beim Digitalisierungsgrad hinkt das Kabel weiter hinterher: Während bereits rund 79 Prozent der Satellitenkunden digitale Programme nutzen, empfangen erst rund 38 Prozent der Kabelkunden die TV-Programme digital. Allerdings gibt es hier regionale Unterschiede. Unitymedia konnte Mitte des vergangenen Jahres in Hessen beispielsweise einen Digitalisierungsgrad von 48,7 Prozent verzeichnen, gefolgt von Kabel Deutschland in Thüringen mit 45,4 Prozent. Digitalisierungs-Schlusslichter sind Mecklenburg-Vorpommern mit lediglich 28,7 Prozent sowie Sachsen mit 25 Prozent digitaler Kabel-Haushalte. Gerade mit Blick auf den 30. April 2012, dem Datum der Abschaltung der analogen Satellitenübertragung, sind die Kabelnetzbetreiber in den nächsten Jahren noch auf eine Reanalogisierung, also eine Umwandlung digitaler Programme in analog, angewiesen. Ansonsten bleibt bei vielen Zuschauern der Bildschirm schwarz.

Weiter auf Seite 2: Pay-TV, Internet über Kabel und hohe Bandbreiten

Wie können die Kabelnetzbetreiber nach Ansicht von Experte Gerpott ihr Kabel-TV-Geschäft fit für die Zukunft machen? Denn mit Kabel TV erzielt Kabel Deutschland noch 71,9 Prozent seiner Umsätze, bei Unitymedia liefert der TV-Bereich rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes.

Pay-TV als Rettung?

Wachsende Pay-TV-Umsätze könnten künftig dazu beitragen, die Erlöse im TV-Stammgeschäft trotz sinkender Kundenzahlen konstant zu halten. Am Ende des dritten Quartals 2010 zählten die vier größten Pay-TV-Anbieter in Deutschland zusammen 4,23 Millionen Kunden. Der Löwenanteil von 59,6 Prozent der Abonnenten entfiel dabei auf den Münchener Bezahlsender Sky, Kabel Deutschland lag mit 22 Prozent der Pay-TV-Kunden auf Rang zwei. Unitymedia folgte mit 12,3 Prozent, Kabel BW nimmt einen Anteil von 6,1 Prozent an diesem Pay-TV-Kuchen ein. Gerpott sieht Pay-TV in Wettstreit mit Free-TV als mühsames Geschäft an. Kabel BW versucht sich seit Januar mit Video on Demand, ähnliches plant auch Unitymedia für dieses Jahr. 3D werde sich vermutlich erst in fünf bis acht Jahren auf breiter Basis durchsetzen. Als treibenden Motor für den Kabel-TV-Markt sieht der Branchenexperte HD-TV. Aufgrund des veränderten Medienverhaltens beispielsweise durch das Internet, erwartet Gerpott jedoch insgesamt keine großen Wachstumsraten mit TV.

Wachstumspotential durch Internet- und Telefoniedienste

Viel Potential sieht der Breitband-Experte jedoch noch bei Internet und Telefonie über Kabel. Ende 2010 zählten die Kabelnetzbetreiber in diesem Bereichen rund 3,4 Millionen Kunden, das entspricht rund 12,6 Prozent der Breitbandkunden. Im internationalen Vergleich sei dies jedoch noch wenig. Der Breitbandmarkt wuchs im vergangenen Jahr um 1,5 Millionen Kunden. Während auf die Deutsche Telekom 33,3 Prozent der Neukunden entfielen, konnten die Kabelmodem-basierten Wettbewerber 46,7 Prozent der Neukunden für sich gewinnen. In diesem Jahr schätzt Gerpott die Zahl der neuen neuen Internet- und Telefonkunden bei den Kabelnetzbetreibern auf rund 500.000 bis 700.000. Es sei jedoch einiger Werbeaufwand notwendig, um Kunden zum Wechsel von DSL zum Kabel zu motivieren.

Hohe Bandbreiten als Vorteil der Kabelnetzbetreiber

Als Trumpf können die Anbieter auf die hohen Bandbreiten zu günstigen Preisen verweisen: Kabel Deutschland bietet 100 Mbit/s bereits ab 19,90 Euro. Der Großteil der DSL-Kunden nutzt noch Bandbreiten bis maximal 16 Mbit/s. Von den Ende 2010 geschalteten DSL-Anschlüssen boten 39 Prozent eine Download-Geschwindigkeit zwischen 6 und 16 Mbit/s sowie ebenfalls 39 Prozent ein Surf-Tempo zwischen 2 und 6 Mbit/s. Nur 7 Prozent der DSL-Internetzugänge lieferte eine Bandbreite zwischen 16 und 50 Mbit/s. Der Anteil der Anschlüsse mit einem Downstream von über 50 Mbit/s ist mit 1 Prozent noch verschwindend gering.

Über FFTB/H-Anschlüsse sind aktuell rund 660.000 Haushalte erreichbar, über Fibre to the Curb (FTTC), der bei VDSL üblichen Verlegung der Glasfaser bis zum Kabelverzweiger, sind rund elf Millionen Haushalte technisch angebunden. Laut Gerpott wird die Telekom FTTC jedoch nicht weiter ausbauen. Die Kabelnetzbetreiber haben durch die bereits weit fortgeschrittene Umrüstung auf den aktuellen Breitbandübertragungsstandard EuroDOCSIS 3.0 einen zeitlichen Vorsprung. Der Telekom rät Gerpott in Ballungszentren auf FTTH, also Glasfaserausbau bis in die Wohnungen, umzuschwenken. Flächendeckend rechne sich FTTH jedoch nicht.

(Jörg Schamberg)

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