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Gerpott: Glasfaser in jeder Mittelstadt nicht vor 2026

Die Post-DSL-Ära ist längst angebrochen. Nach Einschätzung des Duisburger Branchenexperten Torsten Gerpott werde es aber mindestens noch 15 Jahre dauern, bevor wenigstens alle mittleren und größeren Städte in Deutschland mit Glasfaser ausgerüstet sind.

19.05.2011, 12:42 Uhr
Notebook© Roman Hense / Fotolia.com

Die Post-DSL-Ära ist längst angebrochen. Während aber Kabel-Internet bereits in vielen Regionen mit bis zu dreistelligen Megabit-Raten verfügbar ist und LTE zumindest in absehbarer Zeit annähernd flächendeckend am Markt vertreten sein dürfte, steckt der Glasfaser-Ausbau noch in den Kinderschuhen. Laut EU-Telekommunikationskommissarin Neelie Kroes verfügen aktuell gerade einmal 2 Prozent aller Europäer über einen schnellen FTTH-Anschluss (Fibre To The Home). Auch in Deutschland ist eine zufriedenstellende Abdeckung bei einem Versorgungsgrad von 1,6 Prozent der Haushalte noch entfernt tönende Zukunftsmusik. Nach Einschätzung des Duisburger Branchenexperten Torsten Gerpott werde es unter den derzeit vorherrschten Rahmenbedingungen aber mindestens 15 Jahre dauern, bevor wenigstens alle mittleren und größeren Städte in Deutschland mit der nötigen Netz-Infrastruktur ausgerüstet sind. Ein Ausbau auf dem Land sei zudem - ohne staatliche Subventionen - wenig wahrscheinlich, so Gerpott am Dienstag auf der 17. Handelsblatt-Jahrestagung, "Telekommarkt im Umbruch", in Köln.

Deutschland fehlt der "Frontrunner"

Eine öffentliche Förderung für die Glasfaserversorgung von Gebäuden (Fibre To The Building –FTTB) oder einzelnen Haushalten (FTTH) würde allerdings wiederum für Wettbewerbsverzerrungen zwischen den einzelnen Infrastrukturen sorgen, sofern sie nicht auf tatsächliche "weiße Flecken" beschränkt bliebe, erklärte der Breitbandspezialist. Die jüngsten Entscheidungen der Politik und die aktuelle Vorlage zur Novellierung des Telekommunikationsgesetzes werden aus seiner Sicht hingegen weder positive noch negative Effekte auf die Glasfaser-Penetration haben. Hinzu käme, dass in Deutschland ein "Frontrunner" fehle, der das äußerst fragmentierte Feld mitziehe.

Auf die Deutsche Telekom etwa könne man jedenfalls nicht setzen, betonte Gerpott. Zwar habe der größte hiesige Breitbandanbieter zwischen 2006 und 2009 in 50 Städten durch den Aufbau von Glasfaseranschlussverbünden bis zum Kabelverzweiger (Fibre To The Curb - FTTC) rund elf Millionen Haushalte an sein VDSL-Netz anschließen können, allerdings bleibe die reale Endkundennachfrage aufgrund hoher Preise und der anfänglichen Zwangsbündelung mit Telekom Entertain insgesamt gering. Gerpott zufolge nutzten im Dezember 2010 gerade einmal 342.000 Kunden einen VDSL-Zugang bei der Telekom. Entsprechend vorsichtig geht auch der weitere Ausbau vonstatten: bis zum Jahresende sollen lediglich 600.000 zusätzliche Haushalte mit FTTC versorgt werden.

FTTH/B-Aufbau bleibt regional dominiert

Noch verhaltener fällt die aktuelle Telekom-Bilanz bei den Varianten FTTB und FTTH aus. So kündigten die Bonner noch im März 2010 - reichlich vage - Investitionen von bis zu 10 Milliarden Euro in die FTTH-Infrastruktur an und wollten innerhalb von zwei Jahren bis zu vier Millionen Haushalte an Glasfaserleitungen anschließen. Nur ein Jahr später folgte die Präzisierung - mit einer massiven Reduktion des Ausbauziels auf maximal 160.000 Haushalte in zehn Städten bis Ende 2011. Und selbst dieser Zeitplan sei laut Gerpott nur schwierig zu realisieren. "Angesichts der bisherigen Entwicklung bei FTTB/H-Anschlüssen in Deutschland und der Vorlaufzeiten für deren Errichtung sind die Telekom-Ankündigungen als sehr ambitioniert einzustufen", sagte der Marktanalyst. An anderer Stelle bestätigte Telekom-Manager Wolfgang Kopf diese Einschätzung und räumte ebenfalls "zu optimistische Planungen" ein. Zudem forderte er eine verstärkte Kooperation mit regionalen Anbietern und das Nutzen vorhandener Infrastrukturen. "60 bis 80 Prozent aller Kosten entstehen durch das Verlegen von Leitungen; die Technologie selbst ist nicht teuer", erklärte Kopf. Er wünsche sich daher einen einheitlichen Standard, um bestehende FTTB/H-Netze zu verbinden.

Deren Aufbau wird auch künftig zu einem Großteil durch Stadtwerke sowie alternative Carrier wie NetCologne oder Mnet vorangetrieben. "Diese bleiben für den Ausbau der Glasfasernetzes weiter wichtig", so Gerpott. Viele der im "Bundesverband Glasfaseranschluss (BUGLAS)" organisierten Unternehmen planten in ihren Gebieten zusätzliche Netzerweiterungen. Demnach sollen bis Ende 2015 insgesamt 1,6 Millionen weitere Haushalte in 350.000 Gebäuden an FTTH angebunden werden. Aktuell versorgen die kleinen Provider bereits mehr als 650.000 Haushalte mit den schnellen Lichtwellenleitern. Die höchsten Nettozuwächse im Breitbandgeschäft verzeichnen allerdings die Kabelanbieter. "Kabel macht mit DOCSIS 3.0 weiter Druck. Das tut den DSL-Anbietern richtig weh", sagte Gerpott. Während das DSL-Wachstum ungebrochen abnehme, feierten die drei großen Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland, Unitymedia und Kabel BW einen Vermarktungserfolg nach dem anderen und konnten 2010 knapp 47 Prozent aller Breitbandneukunden für sich gewinnen.

Dass viele deutsche Nutzer bei der Wahl ihres Internetanschlusses vor allem Wert auf hohe, zwei- oder dreistellige, Übertragungsraten legen, lässt sich dennoch kaum belegen. Zwar verfügten zum Ende letzten Jahres zwei Drittel der deutschen Haushalte über einen Breitbandzugang, eine Mehrheit von 53 Prozent nutzte aber lediglich DSL-Verbindungen mit bis zu 6 Megabit pro Sekunde (Mbit/s). "Die Kunden und der Markt bewegen sich nur langsam in Richtung Highspeed", bilanzierte Gerpott. Auch die Nachfrage nach bandbreitenintensiven Diensten wie IPTV oder Video on Demand sei noch vergleichsweise verhalten. Es bleibe ein "mühsames Geschäft".

(Christian Wolf)

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