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GeoCities: Abschied einer alten Dame

Abgehalftert und ausgemustert: GeoCities ist endgültig Geschichte. Archivare haben vieles gerettet - aber Dienst-Betreiber Yahoo habe dazu keinen Finger gerührt, heißt es sinngemäß in einem Blog.

28.10.2009, 08:03 Uhr
Internet© Anterovium / Fotolia.com

Bereits im Frühjahr hallten die Totenglocken durchs Web und nun ist es soweit: Die Netzgemeinde nimmt Abschied von einem Urgestein des Internets. "GeoCities schließt zum 26. Oktober", heißt es lapidar auf der Webseite des Dienstes, "neue Konten sind nicht mehr erhältlich." So leise stirbt ein Saurier.
Pionier des Web 2.0
GeoCities war einer der ersten Homepage-Dienste im Internet, als Webspace noch kostbar und nicht überall zum Nulltarif erhältlich war. Seiner Zeit voraus, setzte der Service frühzeitig auf Community und Mitmachen und gilt somit zugleich als Pionier des Web 2.0.
1994 war GeoCities einer der ersten Webhoster im Netz – und bald auch einer der größten. Hier konnten sich die frühen Hobby-Webdesigner ihre eigene Homepage erstellen – kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr bei höherem Speicherbedarf. Nachteil: Nutzer mussten mit Werbeeinblendungen leben. Und schon damals brandeten Debatten um Missbrauch der Meinungsfreiheit durch unkontrollierte Website-Geschwüre auf. Können musste man nicht viel. GeoCities bot einen Webbaukasten für Neueinsteiger und einen Dateimanager zum Hochladen von Seiten und Bildern. Die Webseiten waren je nach Thema geografischen Regionen zugeordnet – ein Konzept, das unter dem Zepter von Yahoo ein jähes Ende fand. 1999 übernahm das damalige Suchmaschinen-Flaggschiff den Dienst – doch wirtschaftlich erwies sich der vermeintliche Goldfisch offenbar als Flop. Immer mehr Mitglieder sprangen ab, wechselten zu Blogs und sozialen Netzwerken.
Scott: Sechs Monate harte Arbeit
Und die Webseiten und Daten - reif für den Schredder? Nicht ganz: Engagierte Archivare haben sich ihrer Rettung verschrieben. Sowohl Jason Scotts privates Archive Team als auch das gemeinnützige Projekt Archive.org haben weder Zeit noch Mühe gescheut – und sind auf Yahoo offenbar alles andere als gut zu sprechen.
In seinem ASCII-Blog macht Scott seinem Unmut Luft: Der Internet-Konzern habe keinen Finger gerührt, um Material für die Nachwelt zu erhalten. Weder Angaben über Daten noch über die Anzahl der Nutzer habe der Betreiber aus Datenschutzgründen herausgeben wollen. Ergebnis: Sechs Monate Blut, Schweiß und Tränen für das Team, um Hunderte Gigabytes zu retten, so Scott. Der Datenschwund bleibe eine Dunkelziffer. Bei Yahoo habe man offenbar nie überprüft, wieviele aktuelle Weblinks heute noch auf GeoCities-Webseiten verweisen.
Zurück bleibt etwas Wehmut und die Erinnerung an ein eigenwilliges Design, das jedem frühen Netznutzer einen nostalgischen Seufzer entlockt. Animierte Bilder, Frames, Geblinke und Dudelmusik werden jetzt möglicher Weise Kultstatus erlangen. Für Web-Nostalgiker sollen sie bereits als Browser Plugin abrufbar sein.

(Dorothee Monreal)

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