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Gedruckte Zeitung immer weniger gefragt: Online-Nutzer sollen zahlen

Vorbei mit der Gratiskultur: Immer mehr Tageszeitungen lassen die Bezahlschranke herunter. Und trotzdem rollt der Rubel bei den Verlagskonzernen nicht mehr rund: Nur wenige Leser bleiben der Zeitung treu und kaufen Online-Abos. Sie suchen stattdessen lieber kostenlose Alternativen.

08.07.2014, 17:22 Uhr (Quelle: DPA)
Internet© Gina Sanders / Fotolia.com

In Kiosken und Verkaufsstellen stapeln sich täglich die unverkauften Zeitungen. Die Stapel sind auch im ersten Quartal 2014 wieder etwas größer geworden. Denn der Absatz von Zeitungen ging im Vergleich zum Vorjahr erneut um 720.000 Zeitungen zurück. Wohl auch deshalb geht die mächtige Meinungs-Branche jetzt zum Online-Angriff über. Aktuell an drei Fronten: Zum ersten mit Bezahlschranken für bisher kostenlose Webseiten, zum zweiten eigenen Pay-Angeboten wie Partnerbörsen, zum dritten mit dem Leistungsschutzrecht mittels Klagen gegen Wettbewerber wie Google, Web.de und Deutsche Telekom.

Bezahlschranken schrecken Leser ab

Denn den Umsatzeinbruch ihres einstigen Goldesels, der gedruckten Zeitung, kann die Verlagsbranche nicht wettmachen. Zwar wurden von Januar bis März 2014 immerhin 218.000 Digital-Zeitungen mehr verkauft als 2013, unter dem Strich verbleibt dennoch durch den dramatischen Print-Rückgang ein Schwund von mehr als einer halben Million Verkäufe. Auch die Einführung einer Bezahlschranke bei zahlreichen Zeitungen hat also nicht dazu geführt, dass der rapide Leserschwund der Verlagsprodukte aufgehalten werden konnte. Auf den Webseiten vieler Zeitungen wurden dazu sogenannte Paywalls hochgezogen: Die Besucher sollen nur lesen, was sie auch bezahlen.

Das Manko: Die allermeisten Inhalte der Zeitungs-Webseiten sind nicht exklusiv. Nachrichten lassen sich generell ebenso gut auf Web.de oder tagesschau.de kostenlos lesen. DPA-Nachrichten zu Internet- und Onlinethemen finden sich in einer mit Zeitungsseiten vergleichbaren Qualität beispielsweise auch auf werbefinanzierten Angeboten wie Onlinekosten.de. Dazu kommen zahlreiche Blogs, von Netzpolitik.org bis BASIC thinking.de.

Veränderte Lesegewohnheiten

Ein weiteres Problem: Lesegewohnheiten heben sich total verändert. Früher abonnierten die meisten Haushalte eine Zeitung, welche eine Auswahl aller Nachrichten in gedruckter Form präsentierte und kommentierte. Noch bevor diese jedoch am nächsten Morgen im Briefkasten liegt, suchen die heutigen Leser mittels Suchmaschinen wie Google interessante News, teilen sie über Facebook und kommentieren sie auch noch selbst. Das Internet hat die Zeitung in Teilen überflüssig gemacht.

Diese Erkenntnis ist zuletzt auch in den Führungsetagen der Zeitungshochhäuser gereift. Aus diesem Grund wurde die Politik zwangsbeglückt mit einem neuen "Leistungsschutzrecht", welches den Verlagen vielversprechende neue Klagemöglichkeiten gegen Webseiten und Suchmaschinen verschafft. Im Ergebnis soll es damit den Internetnutzern erschwert werden, Nachrichten über Google zu finden, statt einzeln die Verlagswebseiten abzusurfen.

Weiter auf Seite 2: Tägliche Auflage um 10 Millionen Zeitungen gesunken

Die deutschen Verleger üben sich indessen in Zuversicht und Durchhalteparolen, während das traditionelle Printgeschäft schwächelt. Deutschlands Tageszeitungen sehen sich trotz sinkender Printauflagen "gut für die Zukunft gerüstet". Immer mehr Verlage seien dabei, mit Online-Journalismus Geld zu verdienen. Beim E-Paper-Verkauf erlebe die Branche einen Boom, wie der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am Dienstag in Berlin mitteilte.

Innerhalb von 20 Jahren ist Tagesauflage um 10 Millionen Zeitungen gesunken

So hebt man beim Absatz von Digitalzeitungen etwa für Smartphones und Tablets auch lieber die beeindruckende Steigerungsrate um 64 Prozent auf 560.000 Exemplare im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hervor, als die absoluten Zahlen in den direkten Vergleich mit den Printverlusten zu stellen. Die verkaufte Auflage aller Zeitungen ging nämlich auf jetzt nur noch 21,51 Millionen Exemplare zurück. Im Jahr 1993 waren es 33,14 Millionen gewesen.

Entsprechend sank der Gesamtumsatz der Branche im vergangenen Jahr um 4,4 Prozent auf 7,87 Milliarden Euro. Zwar blieben dabei die Vertriebserlöse, also die Einkünfte aus Abos und Kioskverkauf dank Preiserhöhungen mit minus 0,4 Prozent relativ stabil. Doch bei Anzeigen und Beilagen gab es einen Einbruch von knapp 10 Prozent. Weniger Leser bedeutet auch weniger Anzeigeneinnahmen. Der Verlegerverband sieht dennoch einen Silberstreif am Horizont, weil einige Discounter als Anzeigenkunden wieder zurückkehrten.

Damit fällt für den Verband die Branchenbilanz gemischt aus. "Es gibt unter den 329 Zeitungsverlagen in Deutschland Häuser, bei denen die Geschäfte gut laufen, aber es gibt auch Unternehmen, die müssen Tag für Tags aufs Neue im Markt kämpfen", sagte Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff.

Bisher hätten 79 Verlage Bezahlmodelle im Netz etabliert, zum Jahresende sollen es 100 sein. Beim Paid-Content würden die Häuser eher langsam umdenken, sagte BDZV-Multimedia-Beauftragter Hans-Joachim Fuhrmann. Die Branche könne im Netz nur mit Bezahlmodellen Qualitätsjournalismus sichern. "Werbefinanzierung wird es nicht bringen." Angesichts vielfältiger Werbeformen seien die Anzeigenpreise im Keller. Von Reisen bis zu Weinangeboten - immer mehr Verlage suchten daher mit ihren Marken neue Betätigungsfelder jenseits des traditionellen Geschäfts. Doch der reicht nicht aus, um die Verluste aufzufangen. Immer mehr Verlage suchen daher nach neuen Geschäftsfeldern - von der Studienreise bis zur Datingbörse.

Kein Erbarmen mit den armen Landzeitungsboten

Unwillen erzeugt bei der Branche der neue Mindestlohn. Denn nach einer Übergangsfrist sollen ab 2017 auch die Zeitungszusteller 8,50 Euro netto pro Stunde brutto erhalten. Nach BDZV-Angaben würde das Mehrkosten in Höhe von 225 Millionen Euro auslösen. Für zwei Millionen Haushalte vor allem im ländlichen Raum stünde dann die Zustellung in Frage, behauptet die Branchenlobby seit Monaten gebetsmühlenartig. Anscheinend sieht sie keine Chance, von den Abonnenten pro Monat ein paar Euro mehr für ihr Produkt zu verlangen, ohne dass gleich Abertausende das Zeitungsabo kündigen. Die ursprünglich seitens der Branchen-Lobby durchgesetzte Übergangsfrist von fünf Jahren hatten in letzter Minute die Abgeordneten des Bundestages verkürzt. Noch ein herber Rückschlag für die deutschen Verlagskonzerne und ein Zeichen ihrer schwindenden Macht.

(Michael Frenzel)

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